Sappho.
O Phaon, Phaon! Was hab ich dir getan?—
Ich stand so ruhig in der Dichtung Auen,
Mit meinem goldnen Saitenspiel allein,
Hernieder sah ich auf der Erde Freuden,
Und ihre Leiden reichten nicht zu mir.
Nach Stunden nicht, nach holden Blumen nur,
Dem heitern Kranz der Dichtung eingewoben,
Zählt' ich die Flucht der nimmerstillen Zeit.
Was meinem Lied ich gab, gab es mir wieder
Und ew'ge Jugend grünte mir ums Haupt.
Da kommt der Rauhe und mit frechen Händen
Reißt er den goldnen Schleier mir herab,
Zieht mich hernieder in die öde Wüste
Wo rings kein Fußtritt, rings kein Pfad,
Und jetzt, da er der einz'ge Gegenstand
Der in der Leere mir entgegenstrahlt,
Entzieht er mir die Hand, ach und entflieht!

Rhamnes.
O Herrin magst du weilen so im Dunkeln
Beim feuchten Hauch der Nacht, der Meeresluft?

Sappho.
Kennst du ein schwärzres Laster als den Undank?

Rhamnes.
Ich nicht!

Sappho.
Ein giftigers?

Rhamnes.
Nein wahrlich nicht!

Sappho.
Ein fluchenswürd'geres, ein strafenswerters?

Rhamnes.
Fürwahr mit Recht belastet's jeder Fluch!

Sappho.
Nicht wahr? Nicht wahr? Die andern Laster alle
Hyänen, Löwen, Tiger, Wölfe sind's,
Der Undank ist die Schlange! Nicht? Die Schlange!
So schön, so glatt, so bunt, so giftig!—Oh!—

Rhamnes.
Komm mit hinein. Drin fühlst du dich wohl besser,
Mit Sorgfalt ist das Haus dir ausgeschmückt
Und Phaon wartet deiner in der Halle!