(Rhamnes mit den Landleuten ab.)

Dritter Auftritt

Sappho. Phaon.

Sappho.
Siehst du, mein Freund, so lebt nun deine Sappho!
Für Wohltat Dank, für Liebe—Freundlichkeit,
So ward mir's stets im Wechseltausch des Lebens;
Ich war zufrieden, und bin hoch beglückt,
Gibst du auch halb nur wieder das Empfangne,
Wenn du dich nicht für übervorteilt hältst.
Ich hab gelernt verlieren und entbehren;
Die beiden Eltern sanken früh ins Grab
Und die Geschwister, nach so mancher Wunde,
Die sie dem treuen Schwesterherzen schlugen,
Teils Schicksals Laune, und teils eigne Schuld
Stieß früh sie schon zum Acheron hinunter.
Ich weiß wie Undank brennt, wie Falschheit martert,
Der Freundschaft und der—Liebe Täuschungen
Hab ich in diesem Busen schon empfunden,
Ich hab gelernt verlieren und entbehren!
Nur eins verlieren könnt' ich wahrlich nicht,
Dich Phaon, deine Freundschaft, deine Liebe!
Drum mein Geliebter, prüfe dich!
Du kennst noch nicht die Unermeßlichkeit
Die auf und nieder wogt in dieser Brust.
O laß mich's nie, Geliebter nie erfahren,
Daß ich den vollen Busen legte an den deinen
Und fänd' ihn leer!

Phaon.
Erhabne Frau!

Sappho.
Nicht so!
Sagt dir dein Herz denn keinen süßern Namen?

Phaon.
Weiß ich doch kaum was ich beginne, was ich sage.
Aus meines Lebens stiller Niedrigkeit
Hervorgezogen—an den Strahl des Lichts,
Auf einen luftigen Gipfel hingestellt
Nach dem der Besten Wünsche fruchtlos zielen,
Erliege ich der unverhofften Wonne,
Kann ich mich selbst in all dem Glück nicht finden.
Die Wälder und die Ufer seh ich fliehn,
Die blauer Höhn, die niedern Hütten schwinden,
Und kaum vermag ich's mich zu überzeugen,
Daß alles feststeht und nur ich es bin,
Der auf des Glückes Wogen taumelnd wird getragen.

Sappho.
Du schmeichelst süß, doch, Lieber, schmeichelst du!

Phaon.
Und bist du wirklich denn die hohe Frau,
Die von der Pelops-Insel fernstem Strand
Bis dahin wo des rauhen Thrakers Berge
Sich an die lebensfrohe Hellas knüpfen
Auf jedem Punkt, den land- und menschenfern
Ins Griechenmeer Kronions Hand geschleudert,
An Asiens reicher, sonnenheller Küste,
Allüberall, wo nur ein griech'scher Mund
Die heitre Göttersprache singend spricht,
Der Ruf mit Jubel zu den Sternen hebt?
Und bist du wirklich jene hohe Frau,
Wie fiel dein Auge denn auf einen Jüngling,
Der dunkel, ohne Namen, ohne Ruf,
Sich höhern Werts nicht rühmt als—diese Leier
Die man verehrt weil du sie hast berührt.

Sappho.
Pfui doch, der argen, schlechtgestimmten Leier!
Tönt sie, berührt, der eignen Herrin Lob?