Fünfter Auftritt

Sappho. Melitta.

Sappho (nachdem sie ihm lange nachgesehen).
Melitta, nun?

Melitta.
Was, o Gebieterin?

Sappho.
So wallt denn nur in diesen Adern Blut,
Und rinnend Eis stockt in der andern Herzen?
Sie sahen ihn, sie hörten seine Stimme,
Dieselbe Luft, die seine Stirn gefächelt,
Hat ihre lebenleere Brust umwallt
Und dumpf ist ein: was, o Gebieterin?
Der erste Laut, der ihnen sich entpreßt.
Fürwahr, dich hassen könnt' ich!—Geh!

(Melitta geht schweigend.)

Sappho (die sich unterdessen auf die Rasenbank geworfen).
Melitta!
Und weißt du mir so gar nichts denn zu sagen,
Was mich erfreuen könnte, liebes Kind?
Du sahst ihn doch, bemerktest du denn nichts,
Was wert gesehn, erzählt zu werden wäre?
Wo waren deine Augen, Mädchen?

(Sie bei der Hand ergreifend und an ihre Knie ziehend.)

Melitta.
Du weißt wohl noch, was du uns öfters sagtest,
Daß Jungfraun es in Fremder Gegenwart
Nicht zieme frei die Blicke zu versenden.

Sappho.
Und armes Ding, du schlugst die Augen nieder?
(Küßt sie.)
Das also war's? Mein Kind die Lehre galt
Nicht dir, den Altern nur, den minder Stillen!
Dem Mädchen ziemt noch was der Jungfrau nicht.
(Sie mit den Augen messend.)
Doch sieh einmal; wie hast du dich verändert
Seit ich dich hier verließ. Ich kenne dich nicht mehr.
Um so viel größer und—(Küßt sie wieder.) Du süßes Wesen!
Du hattest recht, die Lehre galt auch dir!
(Aufstehend.)
Warum so stumm noch immer und so schüchtern?
Du warst doch sonst nicht so. Was macht dich zagen?
Nicht Sappho, die Gebietrin steht vor dir,
Die Freundin Sappho spricht mit dir Melitta.
Der Stolz, die Ehrbegier, des Zornes Stachel
Und was sonst schlimm an deiner Freundin war
Es ist mit ihr nach Hause nicht gekehret;
Im Schoß der Fluten hab ich es versenkt,
Als ich an seiner Seite sie durchschiffte.
Das eben ist der Liebe Zaubermacht
Daß sie veredelt, was ihr Hauch berührt,
Der Sonne ähnlich deren goldner Strahl
Gewitterwolken selbst in Gold verwandelt.
Hab ich dich je mit rascher Rede, je
Mit bitterm Wort gekränkt, o so verzeih!
In Zukunft wollen wir als traute Schwestern
In seiner Nähe leben, gleichgepaart,
Allein durch seine Liebe unterschieden.
O ich will gut noch werden, fromm und gut!