Sappho (die sich unterdessen auf die Rasenbank geworfen).
Melitta!
Und weißt du mir so gar nichts denn zu sagen,
Was mich erfreuen könnte, liebes Kind?
Du sahst ihn doch, bemerktest du denn nichts,
Was wert gesehn, erzählt zu werden wäre?
Wo waren deine Augen, Mädchen?
(Sie bei der Hand ergreifend und an ihre Knie ziehend.)
Melitta.
Du weißt wohl noch, was du uns öfters sagtest,
Daß Jungfraun es in Fremder Gegenwart
Nicht zieme frei die Blicke zu versenden.
Sappho.
Und armes Ding, du schlugst die Augen nieder?
(Küßt sie.)
Das also war's? Mein Kind die Lehre galt
Nicht dir, den Altern nur, den minder Stillen!
Dem Mädchen ziemt noch was der Jungfrau nicht.
(Sie mit den Augen messend.)
Doch sieh einmal; wie hast du dich verändert
Seit ich dich hier verließ. Ich kenne dich nicht mehr.
Um so viel größer und—(Küßt sie wieder.) Du süßes Wesen!
Du hattest recht, die Lehre galt auch dir!
(Aufstehend.)
Warum so stumm noch immer und so schüchtern?
Du warst doch sonst nicht so. Was macht dich zagen?
Nicht Sappho, die Gebietrin steht vor dir,
Die Freundin Sappho spricht mit dir Melitta.
Der Stolz, die Ehrbegier, des Zornes Stachel
Und was sonst schlimm an deiner Freundin war
Es ist mit ihr nach Hause nicht gekehret;
Im Schoß der Fluten hab ich es versenkt,
Als ich an seiner Seite sie durchschiffte.
Das eben ist der Liebe Zaubermacht
Daß sie veredelt, was ihr Hauch berührt,
Der Sonne ähnlich deren goldner Strahl
Gewitterwolken selbst in Gold verwandelt.
Hab ich dich je mit rascher Rede, je
Mit bitterm Wort gekränkt, o so verzeih!
In Zukunft wollen wir als traute Schwestern
In seiner Nähe leben, gleichgepaart,
Allein durch seine Liebe unterschieden.
O ich will gut noch werden, fromm und gut!
Melitta.
Bist du's nicht jetzt, und warst du es nicht immer?
Sappho.
Ja gut, wie man so gut nennt, was nicht schlimm!
Doch g'nügt so wenig für so hohen Lohn?
Glaubst du er wird sich glücklich fühlen Mädchen?
Melitta.
Wer wär' es denn in deiner Nähe nicht!
Sappho.
Was kann ich Arme denn dem Teuern bieten?
In seiner Jugend Fülle steht er da
Geschmückt mit dieses Lebens schönsten Blüten.
Der erst erwachte Sinn, mit frohem Staunen
Die Zahl der eignen Kräfte überblickend,
Spannt kühn die Flügel aus, und nach dem Höchsten
Schießt gierig er den scharfen Adlerblick.
Was schön nur ist und groß und hoch und würdig
Sein ist's! Dem Kräftigen gehört die Welt!
Und ich!—O ihr des Himmels Götter alle!
O gebt mir wieder die entschwundne Zeit.
Löscht aus in dieser Brust vergangner Leiden,
Vergangner Freuden tiefgetretne Spur,
Was ich gefühlt, gesagt, getan, gelitten
Es sei nicht, selbst in der Erinnrung nicht.
Laßt mich zurückekehren in die Zeit,
Da ich noch scheu mit runden Kinderwangen,
Ein unbestimmt Gefühl im schweren Busen,
Die neue Welt mit neuem Sinn betrat,
Da Ahnung noch, kein quälendes Erkennen
In meiner Leier goldnen Saiten spielte,
Da noch ein Zauberland mir Liebe war,
Ein unbekanntes, fremdes Zauberland!
(Sich an Melittens Busen lehnend.)
Melitta.
Was fehlt dir? Bist du krank, Gebieterin?
Sappho.
Da steh ich an dem Rand der weiten Kluft,
Die zwischen ihm und mir verschlingend gähnt;
Ich seh das goldne Land herüberwinken.
Mein Aug' erreicht es, aber nicht mein Fuß.—