Über eine frühere Beschießung Venedigs aus Luftfahrzeugen befinden sich in den Sammlungen des Wiener Kriegsarchivs Aufzeichnungen von hohem Gegenwartsinteresse, die die Neue Freie Presse mitteilt. Der österreichische Linienhauptmann und Doktor der Philosophie und der freien Künste, Heinrich Hauschka, erzählt in seiner Schrift „Die Belagerung von Malghera und Venedig“ folgendes aus dem Jahre 1849:

Im Monat Juli wurden Versuche angestellt, mittelst Luftballons Bomben aufsteigen zu lassen. Bei Erreichung des Scheitelpunktes der belagerten Stadt sollte sich die Bombe von ihrem Ballon trennen, herabfallen und mittelst Perkussion explodieren. Die Zufälligkeiten des Windes, welcher in den oberen Luftschichten eine andere Richtung als in den unteren hatte, ließen diese Versuche, sowohl vom Lande als von der See aus auf dem Dampfer „Vulkan“, nicht recht glücken, denn die meisten Bomben fielen ins Wasser. Der Kapitän der englischen Brigg „Frolio“, sowie der eines griechischen Fahrzeuges, welche zur selben Zeit in Venedig waren, schilderten die Angst der Einwohner und Schiffe, überhaupt den moralischen Effekt als sehr groß. Diese sinnreiche Idee ging vom damaligen Artillerieoberleutnant Franz Uchatius aus. Dadurch dürfte es feststehen, daß es mit dieser Art Ballons möglich ist, Bomben und andere Feuerwerkskörper bis auf 5000 Klafter Distanz sowohl vom Lande als auch von der See aus zu werfen, sobald die Grundbedingung, eine günstige Windrichtung, vorhanden ist, und daß hierdurch viele der größeren Städte, welche bisher durch ihre umliegenden Werke vor einem Bombardement gesichert waren, es jetzt nicht mehr sind.

Tatsächlich gelang es im Verlaufe der Belagerung mehrmals Bomben in der Richtung gegen Murano zu bringen und sie über feindliche Schiffe zu dirigieren. Auch der französische Dampfer „Panama“ wurde durch einen solchen Ballon bedroht. In dem offiziellen Kriegsbericht wurde gemeldet, daß am 25. Juli 1849 zwei mit Schrapnells versehene Ballons vom Dampfer „Vulcano“ aufstiegen und am Lido über dem Giardino Pubblico in 1500 Meter Höhe und 6300 Meter Entfernung sich entladen haben. Die Panik, die durch die Ballonbomben verursacht wurde, wird übereinstimmend als sehr groß geschildert, und die heute in Venedig bestehende Fliegerfurcht mag dem damaligen Stande der Luftschiffahrt entsprechend der Wirkung gleich gewesen sein, welche die Uchatius-Flieger hervorgerufen haben.


128.
Von einem chloroformierten Bären.

Es war im Jahre 1852. Professor Schönlein war bei König Friedrich Wilhelm IV. um die Erlaubnis eingekommen, die Wirkungen des damals neuen Chloroforms an einem lebenden Wesen, das operiert werden sollte, zu versuchen. Einen Menschen wollte man nicht dazu opfern, aber der König erteilte die Erlaubnis, daß ein großer Bär des zoologischen Gartens, dem, weil er erblindet war, der Star gestochen werden mußte, für das Experiment herhalten durfte. Die Operation gelang. Doch — leider — der Patient wachte nicht mehr auf. Die Berliner ulkten natürlich über dieses Mißgeschick der Ärzte und der König war nicht einer der letzten Lacher. Der Bildhauer Wolf modellierte daraufhin eine kleine Gruppe, die dem König so sehr gefiel, daß er sie im Guß verlangte. Man sieht in einem Sessel den Bär im Schlafrock und Schlafmütze regungslos zusammengekauert. Um ihn herum stehen ratlos die Ärzte, denen der Bildhauer die Physiognomie von Tieren gegeben hatte. Dem König gefiel der Guß so sehr, daß er die Erklärung dazu in einem Vers verlangte. Der Dichter, dem dies am besten gelänge, bekäme zur Belohnung einen weiteren Abguß von der Gruppe. Da studierte auf der Berliner Universität der Sohn des Berliner Professors Karl Heyse, der spätere Dichter Paul Heyse, damals 22 Jahre alt; der schickte folgenden Vers ein:

Der Bär ist jetzt ein toter Mann,

Das Chloroform ist schuld daran,

Ein ärztliches Kollegium