Als ich meine Ansicht von den Luftballonen im Mittelalter vor etwa zehn Jahren zum erstenmal in der Fachpresse aussprach, wurde ich verlacht. Inzwischen konnte ich soviel Belege für das Vorkommen dieser Luftflugzeuge beibringen, daß auch die ärgsten Zweifler verstummt sind. Hier kann ich nur andeuten, daß sich Darstellungen und Beschreibungen solcher Luftdrachen in der Zeit von 1405 bis 1648 an vielen Stellen fanden.

Die wichtigste Stelle findet sich bei dem süddeutschen Kriegsingenieur Konrad Kyeser von Eichstädt, von dem wir noch mehr hören und sehen werden.

Zwei Seiten aus der kriegstechnischen Handschrift des Ingenieurs Konrad
Kyeser von Eichstädt aus dem Jahr 1405. Rechts der Drachenballon am
Fesselseil. Links oben die Petroleumlampe zum Drachenballon. Unten ein
Krieger, der eine Büchse mittels des Gluteisens abschießt.

[❏
GRÖSSERE ANSICHT]

Zu der hier wiedergegebenen, äußerst feinen Miniaturmalerei, die uns einen Reiter zeigt, der an einer kleinen Winde einen riesigen Drachen freischwebend lenkt, berichtet uns Kyeser genau über die Herstellung und den Auftrieb: Der Drache soll aus Pergament, Leinen und Seide angefertigt und bunt bemalt werden. In dem offenen Maul trage der Drache ein kleines Glas, das mit Petroleum gefüllt und mit einem baumwollenen Docht versehen sei.

Militärischer Signalballon um 1540 mit Winde und Fesselseil.
Der Drachenballon ist mit 2 Stabilisierungsflächen und Steuerschwanz
versehen. Im Maul trägt er die — übertrieben gezeichnete —
brennende Lampe zur Erhitzung der Luft im Innern. Nach einer
Malerei in Codex german. fol. 94 der Königlichen Bibliothek
zu Berlin.

Die Petroleumlampe wird also die im Drachen eingeschlossene Luft erwärmen, und den Drachen schwebend erhalten. Da er an einer Schnur festgehalten wird, wird auch der Wind gegen seine Fläche blasen, und ihn, gleich unsern Kinderdrachen emporheben. Die Warmluftfüllung wurde zu den Luftballonen auch angewandt, als man diese im Jahre 1782 in Frankreich wieder aufs neue erfand. Erst später ging man zur Gasfüllung über.

In den verschiedenen Malereien, die ich in späteren Handschriften von solchen Kriegsdrachen entdeckte, finden sich immer wieder neue Verbesserungen. Besonders wichtig sind größere Flügel, die man seitlich am Leib des Drachens anbrachte. Sie dienen dazu, das Fahrzeug in der Luft ruhig zu erhalten, oder wie wir heute sagen, zu stabilisieren. Dann finden sich Raketen auf dem Rücken des Drachens so angebracht, daß ihre Gase nach hinten hin gewaltsam ausströmen, mithin den Drachen in der Luft vorwärtsbewegen. In zwei Handschriften fand ich den Drachen so groß dargestellt, daß sein Seil an einer in die Erde gerammten Winde gehalten werden mußte.