Anna Komnena, die gelehrte Tochter des byzantinischen Kaisers Alexios I., berichtet uns, daß die Seeschlacht vor Durazzo im Jahre 1081 durch die Venetianer dadurch entschieden wurde, daß man einen schweren, mit eiserner Spitze versehenen Holzblock von einer Segelstange aus in das feindliche Führerschiff fallen ließ. Der Schiffsboden wurde von dieser kalten Fallpetarde durchschlagen, das Schiff sank, und die übrige Flotte von Guiscard, dem Beherrscher von Mittelitalien, hielt nicht mehr stand.
Der erste, der das Schießpulver zu einem solchen Fallgeschoß verwendete, war der Ingenieur Joseph Furttenbach, nachmals Stadtbaumeister und Ratsherr von Ulm. Furttenbach zählt zu den ersten Artilleristen Deutschlands. Er hatte in Italien, wo er mit dem großen Galilei befreundet war, und bei den deutschen Lehrern des Artilleriewesens Georg Hoff und Hanns Feldhaus studiert. Furttenbach empfiehlt, daß man auf einer Segelstange des Führerschiffes einen ausgestopften Vogel sehen lasse. Dieser soll das Zeichen sein, daß man von den anderen Schiffen „einen Pettardo“ fallen lasse, um auf diese Weise dem feindlichen Schiffsboden „ein übel geproportioniertes Loch, welches nicht so leichtlich als wie die gebohrten Löcher“ zu verstopfen sei, beizubringen.
21.
„Eine Feuerwaffe des Kaisers Barbarossa“.
Im Schloß zu Sondershausen steht seit Jahrhunderten die hier abgebildete Bronzefigur. Ihrethalben wurde ein gewaltiger Strom Tinte vergossen. Man nannte diese ums Jahr 1550 ausgegrabene Figur: Pustericius, Beister, Büster, Beustard, neuerdings Püstrich. Weit vielartiger als der Name sind die angeblichen Verwendungszwecke dieser solange rätselhaft gebliebenen Figur. In Zeitschriftenartikeln, gelehrten Abhandlungen und sogar in besonderen Büchern hat man alle möglichen Erklärungen für diesen kleinen Bronzeknaben versucht. Er sollte sein: „Ein von christlichen Geistlichen gebrauchtes Schreckbild zur Erreichung von Gaben“ oder „Eine Gottheit der alten Deutschen“ oder „Ein Werkzeug zur kräftigen Beschützung Kaiser Friedrich I. oder auch einiger Raubschlösser“ oder „Ein Gott der Slaven“ oder „Ein Destillierapparat eines Brandweinbrenners“ oder „Eine Gießkanne“ oder „Die Sockelfigur eines Taufbeckens“.
Der Sondershausener Püstrich.
Uns interessiert hier besonders die Nachricht, wie man es sich vorstellte, daß diese kleine Figur für ein gefährliches Kriegswerkzeug gehalten werden konnte. Der Püsterich ist 57 cm hoch, wiegt etwas über 35 kg und stellt einen Knaben in knieender Stellung dar. Bauch, Brust und Kopf sind im Verhältnis zu den Armen und Beinen übermäßig stark. Die Haartracht und auch die übrigen Merkmale deuten auf das 13. Jahrhundert als Entstehungszeit hin. Die Figur ist hohl und mit zwei kleinen Löchern versehen. Das eine Loch sitzt im Mund, das andere neben dem Scheitel im Haar.
Weil Kaiser Friedrich I., genannt Barbarossa, in der Nähe des Fundortes dieses Püstriches einmal Hoflager gehalten hat, soll die Figur ihm „als Schutzmann“ gedient haben. Sie habe hoch auf dem Berge gestanden, „rings um sich Feuer ausgeworfen, und mit glühendem Regen und Auswürfen die Feinde des Kaisers so abgehalten, daß keiner sich demselben habe nähern können“. Diesen Unsinn berichtet Praetorius im Jahre 1683. Tentzel weiß 1689 vom Püstrich zu sagen, daß dieser vor langen Zeiten auf der Rotenburg gestanden habe, wo nicht allein die heidnischen Pfaffen, sondern später selbst die christlichen Mönche mit ihm das leichtgläubige Volk erschreckt und gezwungen haben sollen, ihn mit mancherlei Gaben zu besänftigen. An diesen Unsinn glaube er — Tentzel — aber nicht, sondern er halte den Püstrich für ein Verteidigungswerkzeug des Raubschlosses Kyffhausen. Der Püstrich habe dem Besitzer mittelst seiner Feuerauswürfe und der dadurch erfolglos zu machenden feindlichen Anfälle sehr wohl als Verteidigungswerkzeug dienen können.
Die beiden alten Gelehrten bekämpfen hier einen Unsinn mit dem andern.