L.... Einliegend das Manuskript. Ich bin neugierig, wie es Dir gefällt und ob Du es für verständlich hältst. Natürlich fehlt mir hier die Ruhe, Form und Ausdruck ganz auszuarbeiten, vor allem die Stille, um das ganze Gedankengefüge auszubalanzieren. Ich muß mir meine Arbeitsstunden zu sehr stehlen. Aber doch möchte ich es gedruckt wissen, eben jetzt, in dieser unzeitgemäßen Stunde, in der alle bloß an das Heute und Morgen denken. Vielleicht antwortet jemand, das wäre mir sehr recht, zur Gegenantwort. Denn ich bin im tiefsten Grunde überzeugt, daß meine Gedanken über Europa wahr sind, wenigstens möglich sind, — letzteres wäre mehr als wahr, weil es auch die ganze Zukunftsaufgabe in sich schlösse. Ich werde in meiner kommenden Arbeit immer wieder um dieses Thema kreisen und es immer wieder neu zu fassen suchen, bis ich auf den reinsten Ausdruck komme. Ihr (darunter verstehe ich Dich und Klee) könnt unbesorgt kleine Änderungen an meinem Konzept vornehmen, den einen oder anderen Sprung logischer verbinden, wenn es Euch nötig scheint. Im übrigen fürchte ich keine Angriffe, meine Waffen sind heute geschliffen; Angriffe könnten meine Gedanken nur stärken und erweitern.
Gestern kam Dein Brief vom 7. XI., also verspätet. Die Gefahren, die Wilhelm als Batterieführer drohen, sind eher geringer, als als Zugführer, da er nicht mehr unmittelbar bei den Geschützen steht, die doch immer das Hauptziel bilden. Aber schließlich sind die artilleristischen Gefahren sehr unberechenbar, — man muß einfach Glück haben. Anfang des Krieges waren die Artillerieverluste, auch bei den Kolonnen, selbst den schweren Artillerie-Kolonnen weit größer als jetzt, weil die Etappentechnik und Sicherungen im Anfang nicht so geregelt sein konnten. Heute ist man hundertfach vorsichtiger geworden, man kennt den Mechanismus, die gefährlichen Infanterieangriffe, die uns so viele Verluste gebracht, sind heute kaum mehr denkbar, höchstens bei panikartigen Rückzügen, die uns hoffentlich erspart bleiben. — Sehr nett ist die Geschichte der Palästinawanderer; schlecht * * *’s Antwort. — Habt Ihr die Bäumchen im Rehgarten vor dem bösen Schlick geschützt? Thut es bitte. — Gestern kam einliegender Brief vom Helmuth! via Schlettstadt. An H. werd ich schreiben. Schnee haben wir keinen. Ich fühl mich wohl; vor allem haben die Nervenschmerzen, an denen ich nach der Lazarettzeit litt, ganz aufgehört. Mit Essen und Trinken muß ich immer gleich vorsichtig bleiben, aber so geht es wenigstens ohne Störung.
Weihnachten werden wir wohl sicher hier verleben; schick mir nur Backwerk und dergl. — Selbstgemachtes, das freut mich am meisten und macht mich gesund.
5. Dez. 14.
L. M.,
heut findest Du ein sehr unscheinbares neues 1/10 Maßkrügelchen, aber ich denke wohl aus gutem Zinn, — (wenn es nicht Blei ist; dazu scheint es mir aber zu leicht) Du wirst Dir schon denken können, wozu ich’s mitnahm: zum Bearbeiten. Man kann ganz tief hineinziselieren, den Henkel klopfen u. s. w. Ich sehe es schon in seiner künftigen Gestalt.
Heute abend werde ich den heilg. Niklas spielen und mit meinem großen Pelz und langem Bart französischen Kindern bange machen. Einen kleinen Sack voll Nüsse etc. hab ich schon; in was für komische Situationen man doch kommt! Mir liegen ja solche Dinge nicht, aber da niemand französisch kann als ich, hab ich’s gern übernommen. Hagéville kann sich jedenfalls über die deutsche Soldateska nicht beklagen! — Ich bin nur neugierig, wie lange wir in diesem kleinen Dürrnhausen noch liegen; allmählich wird die Sache doch sehr langweilig; ich wenigstens bin in den letzten Tagen etwas melancholisch und nervös — ungeduldig. Ruhe zum Arbeiten und Denken hat man doch selten und eine wirkliche Thätigkeit fehlt vollkommen, bis auf seltene Tage. Vielleicht, wenn Schnee und Kälte kommt, wird es meinen Nerven gut thun. Nervenschmerzen hab ich übrigens gar keine, ich rede nur von einer ganz ordinären nervösen Stimmung, die mich vom richtigen Arbeitenkönnen abhält; meine Schreiblust wird schon wieder kommen. Ich fühl mich ganz gesund, bis auf Schnupfen, den ich nicht recht los werde, aber ich fühle mich allmählich „unnötig“ hier; das ist das Ganze. Ich wollt, es gäb wieder mal eine Veränderung; es wird aber wohl bis Januar dauern. Wenn ich an meine Arbeit und an’s Malen denke, werde ich ganz fiebrig. Wir sind so streng angewiesen, nichts militärisches, was wir hier alles erleben und sehen, nach Hause zu schreiben, daß ich mich zurückhalte, manches Interessante zu schreiben; die französische Spionage arbeitet mit allen Mitteln und hat es stets auf die Post abgesehen. Man kann durch ein unvorsichtiges Wort unendlich viel verraten. Lange wird die Spannung der Heere nicht mehr dauern! Ich denke, der Höhepunkt wird noch vor Weihnachten erreicht sein.
Hagéville 11. Dez. 14.
L...., heute war plötzlich Alarm. Die Abteilung rückt ab zur Sicherung einer angegriffenen Stellung bei Pont-à-Mousson (südlich Metz, lothring. Grenzgebiet). Dort brechen die Franzosen immer wieder mit größeren Verbänden durch, (eine Meldung davon war ja auch kürzlich in den amtl. Berichten.) Wir sollen aber nach dieser Expedition, die voraussichtlich nicht lange dauert, wieder in unser Hagév. Quartier zurückkehren und ich — soll als Aufsicht und Quartierhalter hier mit zwei Mann zurückbleiben! Der Leutnant * * *, der immer sehr nett zu mir ist und meine Gesundheit für weit gefährdeter hält als sie ist, hat mir diesen Posten angetragen; ich hätte ihn wenn ich mich sehr gesträubt hätte, wohl ausschlagen können, aber nach meinen Prinzipien, hier im Kriege alles zu nehmen, wie es an mich kommt, willigte ich sofort ein; ich dachte auch an Dich, — Du wolltest sicher lieber, daß ich im stillen Hagéville bleibe. Es werden recht stille, merkwürdige Tage für mich werden; ich werde sehnsüchtig die andern in Gedanken begleiten; denn im Herzen wär ich gern mitgezogen. Ob sie freilich sehr viel dort erleben, ist fraglich. Sie werden mit der Bahn ab Mars-la-Tour verladen und rücken dann von Metz aus vor oder bleiben in Metz als Reserve stehen. Besondere strategische Bedeutung wird diesem Einbruchsgebiet nie beigemessen; es kann den Franzosen eher passieren, daß sie abgeschnitten werden und diese strategisch schlechten Vorstöße einmal teuer bezahlen. So sehen wir wenigstens diesen Punkt an. Vom Stab bleibt auch jemand, ein Offiziers-Stellvertreter mit ein paar Mann hier. Wir haben einige kranke Pferde, die zurückbleiben müssen, sollen die Thätigkeit der Einwohner etwas beobachten, wachsam sein und die Quartiere halten. In einer Beziehung freue ich mich auch wieder auf diese ganz stille Zeit. Unser Platz hier ist vollkommen sicher, die paar Einwohner sind alles alte Leute, oder Frauen mit vielen Kindern, — die sind froh, wenn wir ihnen nichts thun.
Der Kampf in den letzten Tagen ist wieder sehr heftig, die Fenster zittern und klirren vom Kanonendonner unaufhörlich. Was wird es wohl mit unsrer Weihnachtspost sein? Die wird wohl liegen bleiben, bis sich wieder alles in Ruhe in Hagéville versammelt! Wir sind in den letzten 8 Wochen doch arg verwöhnt worden! Es kam mir heute vor, wie ein Alarm in einem Veteranenverein, — alte Leute, die sich nicht gern in ihrer Ruhe stören lassen. Und dagegen unsre Vogesenzeit!! — Also sei nicht ungeduldig, wenn Du in der nächsten Zeit nichts hörst von mir, — vielleicht finde ich ja auch Postgelegenheit, aber sicher ist nichts, — vor allem werde ich zunächst nichts von Dir bekommen!