7. Jan. 15, abends.

L.,

endlich kann ich Dir den großen Artikel II schicken; ich bin in seiner Beurteilung ebenso unsicher als seinerzeit beim ersten. Er birgt jedenfalls sehr viel, meinem Gefühl nach an manchen Stellen zu viel und doch wußte ich’s nicht zu ändern. Ich kann im Felde nicht anders schreiben, weitläufiger und begründeter. Er ist in unruhiger Zeit geschrieben und für sie gedacht. Der gute Wille wird aus ihm schon lernen können; mich hat er jedenfalls im Denken unendlich weitergebracht und gefördert und Dir wird er glaube ich, auch vieles sagen. Ohne den Krieg wären alle diese Gedanken nicht „denk“bar, z. T. noch gar nicht vorhanden. Schreib mir offen, wie Du ihn findest, ebenso Wolfskehl und Klee.

— — — — — Heute brauste den ganzen Tag ein furchtbarer Sturm in der Luft, aber es ist immer wie im März.

11. II. 15.

L.,

hier kommen die leergegessenen Büchsen wieder zurück und was ich sonst nicht mehr brauche. Maman hat mir wieder viele Theesäckchen geschickt, so daß ich das Theepäckchen nicht brauche und Du kannst es jetzt besser gebrauchen.

Das Wetter ist wieder frühlinghaft, der Winter hat hier wenig Kraft. Bald werden die Frühlingsblümchen kommen, die ersten Leberblümchen, vielleicht auch schon bald in Ried!! Wie hab ich mich voriges Jahr auf diese Tage gefreut und nun muß ich es wieder ein Jahr aufschieben, diese kleinen Frühlingsfreuden in Ried. Ich muß jetzt immer an vergangenes Jahr denken; Ausdauer ist jetzt alles, wir kennen jetzt bald keine Tugenden mehr als diese. Laß sie uns üben, sonst können wir nicht Sieger bleiben, weder draußen noch im Geiste. Die Lage in Europa wird immer kritischer, verhängnis- und schicksalsvoller, für alle Teile; der ganze europäische Leib ist heute ergriffen. Es ist alles kindisch, was man an kleinen persönlichen Wünschen an dieses Riesenschicksal hängt. Die Gedanken quälen mich oft, daß am Ende der ganze Leib unter der Krankheit einst erschöpft zusammenbrechen wird. Das geistige Reich wird bleiben, vielleicht (sogar gewiß!) um so stärker. Um diese Zukunft ist mir nie bang, — aber was wir am äußeren Reich erleben werden, das können wir heute wohl noch kaum ausdenken. Welche Zeit!! und dazu die kleinen unschuldigen, ahnungslosen blauen Leberblümchen!

Sticke nur fleißig und recht schön und frei, Du Liebe; sticke alle Sehnsucht hinein, aber auch allen Mut.

Ich schlaf jetzt warm und schön in meinem Schlafsack auf Heu und meine oft, ich bin auf der Alm!