habe heute die erste Wache abgehalten, mit 18 Posten; es war sehr stimmungsvoll, wunderbar herbstliche Sternennacht. Wie ist das alles anders als dieser langweilige Garnisondienst! Der schwarze Kaffee in der Feldflasche thut mir jetzt gute Dienste. Ich spare ihn so lange als möglich. Die Gegend ist arg von Schlachten mitgenommen, die Bevölkerung äußerst scheu; ich habe keinen Zweifel, daß sie sehr franzosenfreundlich ist. Ich möchte hier nicht leben. Gefahren sehe ich aber keine; es ist offenbar alles sehr eingeschüchtert. Voraussichtliche Richtung Saales; wir warten aber noch auf Befehle. Ich fühle mich so vollkommen wohl, daß mir vor den kommenden Strapazen nicht Angst ist. Zu essen gibt es nur Kommißbrot aus Feldbäckereien. Ich verlange mir auch nichts anderes und spare meinen eisernen Bestand, den ich noch in München gekauft, auf viel spätere Zeiten; wer weiß, wohin wir noch geschoben werden; ich hoffe immer noch auf Belfort über Épinal.
Gruß Euch beiden, N’s — — — — —
In Sâles, 2. Sept. Nachm.
Ihr Lieben in Ried, heute hab ich meinen ersten großen Melderitt (30 Klm) gemacht; ich bin jetzt glücklich das, was ich wollte, nämlich so etwas wie Adjutant der ganzen Kolonne mit Leutnant * * * zusammen (der Regierungsbaumeister in W. ist und Sindelsdorf genau kennt!). Wir ritten nach Frankreich hinein bis Remomeix (vor Dié), vor uns eine riesige Feuerlinie von deutscher Fußartillerie, die über einen Berg nach Westen schießt, und selbst von französischen Batterien, die hinter dem Berg stehen, beschossen werden. Auf der Heeresstraße Saales-Dié ein unglaubliches Kriegstreiben; ich fühl mich so wohl dabei, wie wenn ich immer Soldat gewesen wäre; Obst stehlen wir von den Bäumen; Wein haben wir auf unserm Ritt auch bekommen; in Sâles gibt es gar nichts mehr. Wir hatten mit Meldungen an den Brigadestab zu reiten. Jetzt am Nachmittag sitz ich geruhig vor dem Telephonamt (in einem kl. Hotel installiert) am Marktplatz um Befehle aufzunehmen, die ev. kommen. Man ruft mich dazu in’s Amt herein. So kann ich gemächlich ein paar Ruhestunden das originelle Treiben auf dem Marktplatz in Sâles beobachten; „Wallensteins Lager“, aber in echt. Unsre weitere Marschrichtung hängt von den Befehlen ab, die ich hier am Telephon aufzunehmen habe. Wir kochen alles selber, auf dem Acker draußen, auf dem wir biwakieren.
Schreibt Euch mal vorläufig auf, was Ihr mir später senden müßt u. s. f. — — — — — —
6. Sept. 14.
La croix aux mines
bei Laveline
Gestern bin ich zum Befehlholen zum Divisionsstab kommandiert worden und schließlich um ½3 Uhr zum Schlaf gekommen, auf einer offenen Wiese, in meinen großen Mantel gehüllt, das Regencape unter mir. Um ½5 Reveille, das wird nun oft vorkommen. Der Körper gewöhnt sich vor allem, den kurzen, ganz traumlosen Schlaf, auf’s allermöglichste auszunutzen. Im Kriegsdienst lernt man diese Kräfteökonomie. Heute fuhren wir wieder in die Gefechtsstellung. Die Franzosen sind aber tatsächlich wieder etwas zurückgewichen; wo wir stehen, gilt als die hartnäckigste Stellung des ganzen Krieges. Die Deutschen kommen nur ganz ganz langsam vorwärts, mit entsetzlichen Verlusten; aber es geht! Der Leichengeruch auf viele Kilometer im Umkreis ist das Entsetzlichste. Ich kann ihn weniger vertragen als tote Menschen und Pferde sehen. Diese Artilleriekämpfe haben etwas unsagbar Imposantes und Mystisches. Ich bin körperlich sehr wohl, der Rotwein hält meinen Magen zusammen. Rheumatismus kenne ich nicht mehr.
— — —
— Fz.
10. Sept. 14.
p. L. Eben las ich an diesem stillen Tage L’histoire des Girondins (Lamartine), das ich hier vorfand, als plötzlich Alarm zum Aufbruch kam; schneller Abschied von unserem Zimmerchen! Richtung unbestimmt.