heute wurde ich furchtbar sehnsüchtig; es regnete und tropfte von allen Zweigen mit einem Klang, den es nur im Frühling gibt. Ich mußte denken, wie es jetzt daheim in unsrer Waldecke duften muß! In den Gärten treiben schon die Knospen an den Obstbäumen, die Rhododendren entfalten schon Blättchen, wie wäre es jetzt schön, in Ried zu sein! Pfleg nur alles recht schön im Gärtchen und genieße es, auch wenn Du allein bist. Was macht der Specht? Ist wieder das Rotschwänzchenpaar da? Ist der Fasan wiedergekommen? Der köstliche Storch hier macht mir doppelt Lust, einen Kranich zu halten. Grüß die kleinen Rehe; die werden wieder knabbern, wenn der Schnee weg ist! — Wenn Du mir etwas von Gundolf schicken willst, freut es mich sehr. Ich bin jetzt schon zum Lesen aufgelegt. Nur nichts über Plato! Daß die Leute immer hinter der Front der Gegenwart nach dem Heil und Guten suchen! Immer auf Krücken gehen, auf fremden Zeiten; es sind keine schöpferischen Menschen. Mein Hauptgedanke ist jetzt: Entwurf zu einer neuen Welt; immer schaffen, vor sich arbeiten.

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Fz. M.

17. III. 15.

L..., Koehler schrieb mir heute auf einer Sturm-Postkarte meiner „Tierschicksale“. Bei ihrem Anblick war ich ganz betroffen und erregt. Es ist wie eine Vorahnung dieses Krieges, schauerlich und ergreifend; ich kann mir kaum vorstellen, daß ich das gemalt habe! In der verschwommenen Photographie wirkt es jedenfalls unfaßbar wahr, daß mir ganz unheimlich wurde. Es ist von einer künstlerischen Logik, solche Bilder vor dem Kriege zu malen, nicht als dumme Reminiszenz nach dem Kriege. Da muß man konstruktive zukünftige Bilder malen, keine Erinnerungen, wie es meist Mode ist. Ich habe auch nur solche im Kopf. Ich wunderte mich zuweilen darüber, jetzt weiß ich, warum es so sein muß. Aber diese alten Bilder des Herbstsalons etc. werden noch einmal ihre Auferstehung feiern.

Heute sah ich die feine Sichel des neuen Mondes und dachte lebhaft an Dich und Ried und die Rehe — über Euch allen stand sie auch, so fein und leicht wie ein Diadem. Und diese Frühlingsluft, in der alles so sonderbar klingt. An dieses Frühjahr werden noch Generationen denken; die ältesten Leute werden noch später von ihm erzählen; die Stimmung steigt immer mehr ins Unbegreifliche. Wie bist Du glücklich Deinen Flügel zu haben und spielen zu können. Bei mir stapelt sich alles bis zur schmerzhaften Müdigkeit im Kopf; aber ich fang jetzt leise an im Skizzenbuch zu zeichnen. Das erleichtert und erholt mich.

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Dein Frz.

27. III. 15.

Liebe, Deine Briefe freuen mich jetzt so, sie sind endlich alle auf einen andern Ton gestimmt, auf den ich so lange gewartet. Was hilft alles deprimiert sein. In mir tritt allmählich an die Stelle der sich periodisch ablösenden pessimistischen und optimistischen Stimmungen die — Neugierde. Ich werde allgemach Zuschauer dieses tollen europäischen Dramas; die Unberührtheit * * *’s!! usw. mache ich freilich nicht mit. Um so mehr lebe ich in meinen eigenen Plänen und Gedanken so wie Du auch. Ja, das bl. R.-buch! Damit hast Du völlig recht; buchtechnisch und als „Klang“ äußerlich ganz verfehlt und innerlich verworren, weil voll Rücksichten und Verbeugungen vor Dingen, die im Grunde nicht das Geringste mit unserer persönlichen Aufgabe zu thun haben. — — — — — Ich werde auch nie an etwas Ähnlichem (wie den Plänen von * * *) wieder mitarbeiten, sondern möglichst allein Dinge „bilden“. So denk ich mir auch die Aphorismen; den prophetischen Ton möglichst vermeiden (höchstens daß man bei jedem Wort fühlt: der Pfeil ist nach vorn abgeschossen, nicht nach der Seite und daß nichts darin im toten Zirkel läuft). Das Ganze als Selbstgespräch wie jedes gute Bild, die Art Bach’s, dessen Musik im Grunde den Hörer nicht braucht, — im Gegensatz zu Wagner und Schönberg, deren Musik nur im Zuhörer lebt und auf dessen Seele lauert; ein ähnlicher Gegensatz wie Mantegna und Dürer; Dürers meiste Sachen (nicht alle, z. B. die Holzschnitte nicht) sind ohne den gebildeten Zuschauer tote Dinge. Mantegna’s Bilder leben auch, wenn kein Mensch sie ansieht; man erschrickt, wenn man ihnen zufällig begegnet. (National-Galerie!) ähnlich wie man über das geheime, selbstschöpferische, unabhängige Leben erschrickt, vor dem neu angekauften Bild eines alten Italieners (Seitenkabinett der Pinakothek, ich glaube Nähe des Tiziansaales) Mann, Frau, Kind und Falke; ich glaube, ich zeigte Dir einmal die Photographie dieses wunderbaren Bildes.

Daß Kam.... wirklich Komponist ist, wußte ich gar nicht. Dann verstehe ich natürlich, daß er nicht in dem Sinne zum Musizieren zu bringen ist. Aber das ist ja auch das, was ich immer bei Dir und bei * * * vermisse. Du verstehst, wie ich das meine; Musikmachen ist für mich Unerfahrenen etwas so Wunderbares, daß ich immer zu leicht aus dem Spielenkönnen die Folgerung eines schöpferischen Gestaltenkönnens ziehe; daher aber auch meine alte Abneigung gegen alles pedantische oder virtuose Spiel, das beides unwesentlich ist. Ich sehne mich nach nichts mehr, als einmal einen Komponisten spielen zu hören. — — — — — — — — — — —

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Dein
Frz.