Die Siegesnachrichten dieser Tage regen mich ungeheuer auf. Jetzt muß es vorangehen. Die Frühlingstage sind fabelhaft. Gestern führte ich meine Wagen wieder in der Mondnacht vor; fast der ganze stundenlange Weg ist überdacht von blühenden Kirschbäumen; die schweren weißen Zweige wiegen sich so seltsam im Nachtwind; ich muß oft an die längst entschwundenen Blütennächte am Athos denken! Ich bin glücklich, die schmerzliche Melancholie jener Jahre überwunden zu haben; damals stand wirklich das dumme Ich im Mittelpunkte aller Gefühle, — heute hat das Ich zu horchen und wach zu sein, ohne Selbstansprüche. Ich lese jetzt den Tolstoi nochmals mit großer Aufmerksamkeit und lege Dir ab und zu Zettel in die Seiten. Mein erster Eindruck wird nur bestärkt: seine Gedanken bergen die für uns entscheidende Wahrheit, aber seine Vernunft-Logik ist ein ganz unzulängliches Werkzeug, diese Wahrheit herauszustellen und zu definieren. Er arbeitet mit einer gesunden praktischen Lebenslogik, die ihn da, wo er sie auf wirklich geistige Probleme anwendet, ganz in die Irre führt. Dazwischen leuchten immer wieder echte Wahrheiten, die aber wie Kometen zufällig die Bahn seiner logischen Schlüsse streifen, ohne inneren Zusammenhang. Du wirst mich schon verstehen, wenn Du das Buch mit meinen Bemerkungen nochmals liest. — Ich lege Dir einen Zeitungswisch über Händels Oratorien bei, — vielleicht regt er Dich zum Nachlesen und Nachspielen im Auszug an.

Daß Hanni wirklich trägt, ist köstlich. Bring ihr möglichst viel durcheinander von Strauchzweigen und Waldgrün mit; frag auch Niestlé ev. wegen gewisser Wurzeln usw. Die Tiere suchen sich in solchem Zustand gewiß bestimmte Nahrung zur Milcherzeugung etc., Klee, Berberitzen, Haselnuß usw. Könnt ich doch dabei sein!! Aber ich bin jetzt voll Zuversicht.

Mit liebem Kuß
Dein
F.

Grüße allseits!

16. V. 15.

L., — — — — — — — —

— — Um mich lege die Sorge wirklich ein bißchen ab. Mein verändertes mageres Aussehen geht sicher auf Seelisches zurück, das sich auch wieder ausgleichen wird. Mein Körper ist sogar von einer mir ungewohnten Elastizität und Leidensfreiheit; ich bin nicht einmal nervös. Von irgend welchen Störungen, wie bei * * * ist bei mir keine Spur. Ich verdanke es allerdings einer scharfen Selbstzucht (die * * *, wie ich ihn beurteile, sicher nicht geübt hat), daß ich mich von meinem bedenklichen Herbstzustand so erholt habe. — Ein anderes Thema: — —

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Vieles geht mir ab; am meisten aber Du; und dann die Musik. Ich bin äußerst neugierig auf die „einfachen Stücke“, die Dir K. zum spielen gab. Ich werde mich zu Musik noch ganz anders einstellen als früher. Musik und Malerei sind doch ganz gleich, — man muß nur das Organ haben, das diese Gleichheit mißt und erkennt; es ist auch nicht notwendig, daß jeder dies Organ hat; aber wer dies einmal erfaßt hat, daß die beiden ganz gleich sind, wird diesen Gedanken nie mehr los. Unbegreiflich ist mir nur, was Kandinsky z. B. mit der Vereinigung der beiden bezweckt. Ganz abgesehen von der technischen Unmöglichkeit, das grundverschiedene äußere Material (Zeit und Fläche) der beiden Künste zusammenzuschweißen, ist es vor allem ein künstlerischer Nonsens und einfach langweilig, das Gleiche zweimal vorbringen zu wollen oder gar von den grundverschiedenen Materialien ein Stück von da und eins von dort zu leihen und daraus ein Ganzes machen zu wollen. Gar nicht zu verwechseln ist damit z. B. Musik mit Text wie z. B. Matthäuspassion oder ein vertontes Lied, — das ist genau dasselbe wie ein gegenständliches Bild; es bleibt ganz „Bild“, wie Musik ganz Musik bleibt trotz Text. Musik ohne Text gibt es nicht, er bleibt nur eben oft unausgesprochen, — Bachs Musik ist dafür klassisch. Ebensowenig gibt es abstrakte Bilder ohne Gegenstand; der steckt immer drin, ganz klar und eindeutig, nur braucht er nicht immer äußerlich da und augenfällig zu sein. Ich denke viel über diese Dinge nach; sie sind im Grunde so einfach; es lohnt so gar nicht, viel darüber zu disputieren. Es gibt da gar nicht viel zu disputieren. Schwer und wichtig ist nur das Eine: den Schaffensgrund in sich finden.

Für heute gute Nacht! Ich werde mit guten Gedanken einschlafen. — — — — —