Wie geht’s mit dem Essen? Schmeckt es K. und ißt er auch ordentlich? Über den Klavierbetrieb bin ich sehr glücklich. — — — — —

Du bist enttäuscht — — — — —, — laß Dich davon nicht zu sehr in Deiner offenen Haltung beeinflussen. Dieses: sich geistig zurückziehen und „vorsichtig sein“ kann ich nicht gut finden. Man muß so lebendig sein, immer wieder und immer noch einmal von vorn anfangen zu können, auch im Leben und nie etwas nachzutragen, (— eine ganz unnötige Last, die man da „nachträgt“). Ich lasse die Menschen nicht so schnell aus.

Schade, daß es mit der Obsternte dieses Jahr nicht so reichlich wird, — wer weiß übrigens. Bei schwacher Blüte fällt nicht viel ab und vielleicht trägt der eine und andere Baum doch mehr, als man denkt. Die guten Schwälbchen sollen nur nisten; das bringt Glück. Auf Hanni werd ich immer neugieriger. —

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Nun gute Nacht!
Dein Frz.

21. VI. 15.

L....

Heute kam Dein langer guter Bleistiftbrief. — — — — — — — — — — — Aber niemand darf sich im Glauben, dem „Wesentlichen“ näher zu sein, überheben; ich bin immer noch lieber gegen andere gutgläubig als gegen mich selbst. In einer Sache täuschst Du Dich immer in mir: Du denkst, ich sei da und dort „festgefahren“. Ich irre und finde das Gleichgewicht nicht, — das ist etwas ganz anderes. Ich habe viel größere, schrecklichere innere Hemmungen als Du; vielleicht weißt Du immer noch zu wenig über mich. Hast Du Dich nie ganz scharf gefragt, was es mit meiner Scheu, — sagen wir: vor „Penzberg“ oder vor „fremden Stuben“ auf sich hat? Was kann ich machen, daß da, wo Du die Wahrheit, das „Gewissen“ siehst, ich noch immer für meine Seele ein unlösbares Problem sehe? Das nennt man nicht „festgefahren“, — das ist etwas ganz anderes. Die Wunde dieses Problemes fließt, seit ich erwachsen bin; mein ganzes Malertum ist bisher nur ein Lösungs- oder besser: Rettungsversuch aus diesem für mich unlösbaren Problem gewesen. Ich bin Sozialist aus tiefster Seele, mit meinem ganzen Wesen, — aber nicht praktischer Sozialist. Das ist nicht lächerlich und keine Phrase. Wir werden viel darüber reden.

Die Zeit des Weltkrieges ist nicht böser als irgendeine Zeit des tiefsten Friedens; der schönste Friede war immer nur ein latenter Krieg; aber der Einzelne kann sich befreien und anderen dazu helfen — das ist der Sinn des persönlichen Christentums und Buddhismus und aller Kunst. Das ist natürlich auch wieder unpräzis, vieldeutig und viel zu schnell gesagt; ich finde die richtige Form nicht, es zu sagen; man bedient sich immer festgefahrener Ausdrücke, alter Gedankenformen; eine solche scheint mir auch Deine „Menschenliebe“; was ist das? geht sie auf Kosten der „Naturliebe“? Was lehrt uns die Natur?? Wissen wir, wo der Mensch steht im Natur- und Gottesreich? Unser ganzes Denken, der ganze Mensch muß endlich noch einmal und neu gedacht werden; es hilft nicht und reicht wenigstens heute nicht mehr aus, nur auf Christus zurückzugreifen. Je länger und hingebender man ihn liest, desto vieldeutiger wird er. Schon die Apostellehre begriff ihn nicht mehr und wirkt auf mich ganz epigonenhaft. Meine Gedanken kreisen stets um dies Thema von je und je, wenn ich auch die größten Umwege um das mir noch immer unsichtbare Ziel gelaufen bin. Daß Du die wirklich belustigende Prophezeiung aus Plato auf mein eigenes Denken beziehst, hat mich selbst belustigt. Daß die rein literarische Phantasie Platos in keinem wahren Zusammenhang mit dem jetzigen Kriege steht, ist doch selbstverständlich. Nur das äußerliche Zusammentreffen ist wirklich ein verblüffender Witz der Literaturgeschichte, der wert ist, kolportiert zu werden.

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