4. Sept. 15.

L., ich kann von nichts erzählen als von Dingen und Gedanken, die Du auch erlebst, vom Herbst, vom Grün, das langsam den bräunlich faulenden Ton bekommt, und von Erinnerungen. Denn von dem, was vor uns liegt, kann man nicht reden; ich sehe trübe, — andre sind äußerst optimistisch; alles Reden ist aber zwecklos. Es geht uns äußerlich famos; geistig ist man sicher nicht normal, — keiner von uns; aber ich denke: die Anormalität des Empfindens ist kaum mehr als eine von den Weltumständen aufgenötigte Chamäleon-Fähigkeit; das Chamäleon wird sich dessen auch kaum bewußt sein, daß es seine Farbe zehnmal am Tage wechselt. Vielleicht hat das alles doch für später die glückliche Folge, daß man im späteren Eigenleben erst recht eigen und unbeeinflußbar wird und Regie, Betrieb und Unwahrheit als eigentliche Sünde wider den heiligen Geist empfinden wird. Darauf hoffe ich sehr bei mir selbst.

9. IX. 15.

L., heut nur einen schnellen Gruß, der Dir sagt, daß es mir gut geht. Die Herbsttage sind ganz wundervoll, einer schöner wie der andere. Letzthin zogen viele Reiher über uns nach dem Süden, ebenso Brachvögel. — Von Hertha kam wieder ein gutes Paketchen. Unser Kurs dauert immer noch an und beschäftigt uns vollauf. Mir ist seine Fortdauer schon wegen der Gesellschaft nur angenehm. Wie schön muß es jetzt bei Euch sein! Hier ist es schließlich auch schön, aber man fühlt alles nur halb und unrein.

12. IX. 15.

L., heut am Sonntag hat der Kurs ein ganz lustiges Ende gefunden mit einem großen Preisschießen (mit Karabiner und Pistole; ich erschoß mir den 4. Platz, als Preis ein Lederetui mit Fächern für Papiergeld, — wir sprachen ja einmal davon, — ich brauch also jetzt keins mehr!); daran anschließend ein kleines energisches Jagdreiten über Hürden und Hindernisse und Abschiedsbankett — das ist der Krieg!!! Ende September soll dann das Examen sein (vor fremden Herren); danach dann die für die Beförderung ausschlaggebende Qualifikation. Ich kann nicht sagen, daß mir das Lernen und Arbeiten an den artilleristischen Aufgaben so fad und unangenehm ist, wie es P. gewesen zu sein scheint; mich hat vieles interessiert; und Examinationen waren mir eher spaßhaft und anregend als peinlich. Sehr leid ist mir, daß die gute Gesellschaft wieder auseinandergeht; hier bleibt nur * * *, der mich gar nicht interessiert. Du sprichst von fehlenden „Verbindungen“; das ist natürlich sehr richtig, nach den beiden Möglichkeiten und Annehmlichkeiten hin: schnelle Beförderung oder: angenehmer Heimatposten. Was nicht ist, kann man nicht herzwingen. Ich bin froh, daß ich nicht von Generalstäblern abstamme oder als Edelknabe in der Pagerie erzogen worden bin wie * * * und Du wohl auch. Lieber verzichte ich auf alles und warte gemächlich, bis dieser unglaubliche Krieg herum ist.

Eben kommt Dein lieber Brief vom 10. Sept. Ich schrieb Dir schon einmal: ich kalkuliere und prophezeie überhaupt nichts mehr. Ob Zar oder Großfürst — wie soll unsereiner aus solchen Symptomen einen wohldurchdachten, begründeten Schluß ziehen über die wirkliche Lage! Es ist allerdings ärgerlich und blöd, daß man so stumpfe Sinne hat, es nicht zu können! Mein Ausdruck „Thema“, als ich vom Krieg als Folge des deutschen Dranges die kaufmännischen Weltgeschäfte an sich zu reißen schrieb, hat natürlich nichts mit unserem Kurs zu thun. Ob Deutschland fähig gewesen wäre, ein „geistiges Gegengewicht“ zu halten, erledigt sich natürlich so ziemlich durch die Thatsache, daß Deutschland dies eben nicht gethan hat, — das ist eben die Tragik des deutschen 19. Jahrhunderts. Wer aber kein Kaufmann und Industrieller werden will, wer das alles haßt, ist und wird heut eben Widersacher, — er darf nicht schweigen. Ich selbst bin jedenfalls ein so vollkommener Deutscher im alten Sinne, einer aus dem Lande der deutschen Träumer, Dichter und Denker, das Land von Kant und Bach und Schwind und Goethe und Hölderlin und Nietzsche, — nur mit dem einen Argwohn im Herzen: ob nicht die Slaven, speziell die Russen heute schon bald die geistige Führung der Welt übernehmen werden, während Deutschlands Geist sich in kaufmännischen, kriegerischen und protzigen Händeln unrettbar verschlechtert. Ich kann diesen Glauben an die Russen gar nicht näher begründen; aber irgendein Gefühl flüstert es mir immer zu. — — — — — Meine guten, kleinen Rehe! Daß ich diese wunderbare Herbststimmung nun wieder nicht erlebe, die fallenden Äpfel und alles, alles! Grüße Muttchen herzlich, auch K. — — — — —

18. IX. 15.

L., ich fühle etwas, auch unter guten Kameraden: man kann sich nicht mehr verständigen; fast jeder spricht eine andere Sprache. Es gibt nichts Trostloseres, Geistverwirrenderes, als über den Krieg zu sprechen; und über etwas anderes kann man schon gar nicht sprechen; das wirkt wie ein Irrenhausgespräch, rein fiktiv; keiner glaubt mehr voll an die Realität seiner Interessen und Weltbeziehungen; „denn es ist ja — Krieg!“ Und der Krieg selbst ist ein unlösbares Rätsel, das sich das menschliche Gehirn wohl selber ausgedacht hat, das es aber nicht aus-denken, zu Ende denken kann. Paul sandte mir ein Buch von Paul Rohrbach „Bismarck und wir“, — merkwürdig ungeistig; einfachste Realpolitik, die jedem zugänglich, der ein bißchen auf die Karte sieht: die Notwendigkeit des Suezkanals für Deutschland resp. Türkei usw.!! Reist man ein paar Kilometer über die Front, hat der Mensch — homo sapiens — englisch zu denken, nämlich: der Suezkanal muß unter allen Umständen englisch bleiben! Nirgends und von niemand wird der Krieg als menschliche Angelegenheit betrachtet, stets nur als englische oder türkische oder deutsche usw.; oder neutrale, wo das Pharisäertum seine schönsten Blüten treibt.

Kriegsgegner sind wohl alle; auch Deine Offiziere aus Gendrin mit ihren einstigen Hoffnungen und Erwartungen auf den kommenden Krieg. Aber sobald sich solche Kriegsgegner über dies Thema unterhalten und ihre Gedanken einigen wollen, geraten sie sofort in den schwersten und aussichtslosesten Streit; es ist, wie wenn der Teufel ihre Zungen leitete.