Du wirst in den Zeitungen jetzt auch des öfteren die englischen Stimmen lesen, die von Friedensverhandlungen wie von einem ganz absurden deutschen Hirngespinst reden, — laß Dich davon nicht täuschen. Dies Zeitungsgerede ist ganz irrelevant, — mein Optimismus ist ganz unerschüttert. Was sagst Du zu dem „opfernden Großgrundbesitzer“ im beiliegenden Zeitungsabschnitt, — ist der nicht köstlich? Geradezu unglaublich ist der nebenstehende hysterische Blödsinn der Morning Post.

Kuß und Liebe von
Deinem
Frz.

Koehler hat sich sehr über Deinen Obstgruß gefreut.

p. s. Heut Abd. kamen noch 3 liebe Paketchen von Dir: Ingwer, Gelee und Kragen. Vielen Dank. Gelee werd ich morgen zum Frühstück versuchen, (hab ich Dir schon geschildert, daß unser Kasino eine Blockhütte ist, rund um und das Dach mit Schilf bekleidet, und drin sitzt Dein Franzl als Frühaufsteher meist allein vor seiner Frühstückstasse und ißt morgen Rieder Gelee dazu? das Ganze wär ein ideales Atelier für mich!) Kragen probier ich auch morgen. Deine Nachricht, daß in Berlin die Militärlieferungen nachlassen, ergänzt ja sehr meinen jetzigen Optimismus. Es freut mich sehr, daß Du ein bißchen Kleiderluxus treibst. Die innere Trauer hat doch nichts mit schäbiger Kleidung zu thun; das fehlt auch noch, daß sie darin ihren äußerlichen Ausdruck findet! Um Gottes willen!

23. X. 15.

L.,

hast Du den letzten „Sturm“ (13/14) gelesen? Mich hat darin einiges betroffen, z. B. die sehr unverstandene Nachahmung meiner Holzschnittgedanken durch * * *. — Dann der Briefwechsel zwischen * * * und * * *, der sein Verhältnis zu mir erwähnt; das ist ein so seltsames Gefühl; man traut’s sich immer nicht zu und vergißt ganz, daß Bilder „wirken“, rücksichtslos und auf ihre Weise, wie es einem mit Kindern gehen mag, die ihr Leben leben, und die Dinge sagen, die der Vater gar nicht gemeint hat, — und doch stammen sie von ihm. In dem Verhältnis von mir zu meinem Vater ist dies zweifellos wahr. — Und drittens regte mich das Stück von Aug. Stramm außerordentlich an. Wie immer gerate ich beim Lesen natürlich auf musikalische und malerische (in dem Fall rein kubistische) Vorstellungen; ich bin gänzlich außerstande, sein Werk literarisch, sagen wir: dichterisch zu werten, aber es geht in Formenvorstellungen und musikalisch-thematisch ganz rein in mich ein. Du wirst mir gewiß sofort entgegnen, daß ich hier wieder die Form suche und nach der Form urteile, statt nach dem Inhalt und dem Gefühl zu suchen, das durch das Werk ausgedrückt ist. Ich kann diese Dinge nicht trennen. Denn ich meine: wäre kein reines und starkes Gefühl in dem Werk, könnte seine Form mich doch auch nicht erregen, — denn erregt wird doch zweifellos mein Lebensgefühl. Die Art, wie Stramm seinem Gefühl Ausdruck gibt, ist so rücksichtslos, so bewußt und von einer so schöpferischen Lust eingegeben und bestimmt, die sich so wenig um die Trägheit des Lesers kümmert, wie der Komponist einer Chaconne oder wir Maler heute. Unser Gefühl von der Welt findet keinen anderen Ausdruck. Über das Gefühl läßt sich nicht streiten; ob es nun vielen oder allen oder wenigen zugänglich ist, darum können wir uns nicht sorgen; das müssen wir dem „Weltgeist“ überlassen. —

Ich lese eben in der Zeitung, daß Euer Fleischmenü von Staats wegen wieder beschnitten und eingeschränkt wird; — — — — — ich bin froh, daß Du momentan bei Geld bist und ich Dir auch schicken kann, so kannst Du Dir manches extra leisten. Du würdest Dich wahrscheinlich baß verwundern, wenn Du unsern täglichen Frühstückstisch sähest: prachtvolles Weißbrot, Salzstangen und Schnecken mit Weinbeeren drin und Zuckerguß wie beim „beehrens uns ferner“! Wir leiden keinen Mangel; mein Magen hat sich aber auch erstaunlich erholt. — — — — —

Dein Frz.

28. X. 15.