Ich denke so viel über diesen Krieg nach und komme zu keinem Resultat; wahrscheinlich, weil die „Ereignisse“ mir den Horizont versperren. Man kommt nicht über die „Aktion“ hinweg, um den Geist der Dinge zu sehen. Jedenfalls aber macht der Krieg aus mir keinen Naturalisten, — im Gegenteil: ich fühle den Geist, der hinter den Schlachten, hinter jeder Kugel schwebt so stark, daß das Realistische, Materielle ganz verschwindet. Schlachten, Verwundungen, Bewegungen wirken alle so mystisch, unwirklich, als ob sie etwas ganz anderes bedeuteten, als ihre Namen sagen; nur ist alles noch von einer grauenvollen Stummheit, chiffriert, — oder meine Ohren sind taub, übertäubt vom Lärm, um die wahre Sprache dieser Dinge heut schon heraus zu hören. Es ist unglaublich, daß es Zeiten gab, in denen man den Krieg darstellte, durch Malen von Lagerfeuern, brennenden Dörfern, jagenden Reitern, stürzenden Pferden und Patrouillenreitern u. dergl. Dieser Gedanke erscheint mir direkt komisch, selbst wenn ich an Delacroix denke, der’s doch noch am besten gekonnt hat. Uccello ist schon besser, ägyptische Friese noch besser, — aber wir müssen es doch noch ganz anders machen, ganz anders! Wann werde ich wohl wieder malen dürfen? Ich bin froh, daß ich von den Kriegsfreiwilligen weg bin, — ich glaube doch hier in unsrer Landwehrtruppe mehr Aussicht zu haben, früher heimkehren zu dürfen als die frischen Kriegsfreiwilligen. Frühjahr wird’s wohl werden! Ich glaube an kein früheres Datum. Aber vielleicht geht’s doch noch eher! Wenn diese Engländer nur nicht alles verschlampen.

Ich mach jetzt Schluß, lebt wohl, — — — — —

22. IX. 14.

L. M., ich hab mich heute so gefreut über das Lebenszeichen von Dir, die 3 Paketchen. Mit Handschuhen bin ich jetzt gut versorgt, für Winter die blauen, für Herbst und Regen undurchlässige Fäustlinge mit langer Manschette, die mir jemand aus Straßburg mitgebracht hat. Die Kartentasche habe ich an meinen Wachtmeister für 3 M. verkauft. Stimmt der Preis ungefähr? Die ich schon habe, ist noch solider, drum behalte ich die lieber. Aber gar keinen Gruß hast Du hineingelegt! Du denkst wohl, ich habe alle Deine anderen Grüße und Briefe erhalten? Nichts, gar nichts bisher, als die 2 nebensächlichen Karten (E.’s und von Dir) vor cr. acht Tagen. Aber schön, daß die Paketchen gekommen, auch die Batterie ist mir sehr wichtig. Lampe dazu besitze ich schon. Das Wetter klärt sich heute Nachmittag auf. Ich hatte mittags einen reizenden Ritt zu machen; die Vogesen haben etwas Liebliches und Friedliches, man kann zuweilen gar nicht an den Ernst dieses grauenvollen Krieges glauben, — bis man es wieder mit eigenen Augen sieht!! Wenn Du mir von nun an was schickst, schicke nichts mehr von dem, was ich Dir angegeben (Tintenstift, Meldekarten etc. — ich werde solche Dinge selbst besorgen können), sondern was Dich freut, auch einmal ein paar anständige Zigarren, — man raucht hier furchtbares Zeug; Zigaretten schick nicht, ich rauche am liebsten die französischen, die ich hier bekomme. Aber sonst sind wir für alles äußerst empfänglich.

Bekäme ich doch bald ein Brieflein von Mama und Dir!

Aus Straßburg, 24. Sept. 14.

Liebe Maria, ich bin hier seelenvergnügt in Straßburg, die Nacht gefahren von Saales aus; ich hab mir einen Kanonier mitgenommen zum Tragen der Besorgungen. Früh 6 Uhr kamen wir an, frühstückten und gingen dann zum Münster und bummelten durch die reizende Stadt. Ich kam mir so merkwürdig vor, es war wieder alles wie im Traum. Jetzt sitz ich in einem „Löwenbräu-Ausschank“ und esse mich an großen Butterbroden und Käse satt. Alles ist so friedlich, als wenn ich im „Roten Hahn“ in München säße — und draußen diese entsetzlichen Kämpfe! Ich kann mir kaum vorstellen, daß es wieder Zeiten geben wird, in denen man ohne Revolver ausgeht und die nächsten Höhen nicht mehr nach feindlichen Batterien oder Fantassins absuchen muß, ehe man seine Kolonne in Deckung fährt. Der gegenüberstehende Feind ist uns einfach eine Selbstverständlichkeit geworden!

Straßburg finde ich reizend, man fühlt sich ganz in einer uralten Stadt; im Münster machten die wunderbaren Glasfenster den stärksten Eindruck; Kandinsky reicht sehr nahe an diese Kunst heran, steht ihr sogar merkwürdig nahe; ich war ganz betroffen. Ich kann Dir gar nicht sagen, wie ich mich aufs Malen freue.

Sei du und Maman herzlich umarmt von

Eurem Fz.