L., ich bin so froh, daß meine Post nun doch richtig angekommen ist. Vielleicht läßt Du Dir es doch für ein nächstes Mal ein bissel zur Lehre dienen. Warum die Postsperre stattfand, wissen wir selbst nicht. Daß mein Antwerpener Kommando auch erst später trifft, hat mit den Kriegsaussichten etc. gar nichts zu tun. Diese Schießkommandos sind ja gewissermaßen Friedensübungen, die jetzt auch während des Krieges abgehalten werden und zu denen eben nach einem gewissen Schema alle tüchtigen Reserveoffiziere kommandiert werden; ein solches Kommando aus der Front ist natürlich eine Auszeichnung. Könnte ich Dir doch etwas von meinem Gleichmut, — nenne es meinetwegen in der alten (d. h. Deiner neuen) Sprache: Gottvertrauen geben; ob ich nun bei der Kolonne bin oder als Batterieoffizier verwendet werde, ist ja ganz gleich. Es kann mir gar nichts geschehen, was mir nicht notwendig geschehen muß. Es gibt keinen dummen Tod oder ein dummes Unglück oder Glück; ich las wieder viel im Evangelium, — wie kannst Du eigentlich im Evangelium lesen und doch Angst haben? Thatsächlich: mir ist das gänzlich unverständlich. Lies Deinen Nerven aus dem Evangelium vor, da müssen sie doch ruhig werden und Dein ganzes Wesen muß freudig werden.
Von meinen Urlaubsgedanken hast Du ja inzwischen gehört, ich hoffe sehr, daß es gelingt. Ich habe um 14 Tage eingegeben. Es wäre zu schön! Also wenn ich telegraphiere, erschrick nicht. — — — — —
3. XI. 15.
L., Ührchen und Manschettenknöpfe sind richtig und gesund angekommen. Ich habe eine wahre Freude dran, wieder so anständige Dinge in der Hand zu halten und zu tragen; deshalb laß ich mir auch den silbernen Reitstock machen, — ich hab es zu lange entbehrt, mich anständig tragen zu können. Mein Urlaub scheint mir ziemlich sicher; das Regiment hat ihn befürwortet, was, wenn nicht irgendwelche Befehle höheren Ortes kommen, wie z. B. Sperre, für die Divisionsentscheidung maßgebend ist. Ich fahre dann wohl entweder morgen abend ab Metz oder übermorgen, — ich glaube nicht, daß es länger dauert. Treffpunkt natürlich bei Maman, wenn ich Dir keinen genauen Zug telegraphiere. Zum Schreiben fehlt mir jetzt natürlich jede Stimmung, nachdem ich hoffen darf, Dir in ein paar Tagen meine Liebe mündlich zu sagen!
Es ist nicht verwunderlich, daß Ihr mein „sehen der Musik und Literatur“ nicht ganz verstehen könnt; es ist vollkommen die einseitige Eigentümlichkeit meiner malerischen Begabung, musikalisch und literarisch natürlich ein Manko; ich halte es für ausgeschlossen (jedenfalls für einen unglücklichen Fall), wenn jemand für alle Kunstarten ein gleich reines Artverständnis hätte. Ich habe literarisch lange daran gelitten, weil ich so oft meinte, Dichtung eben als Dichter und literarisch werten und genießen zu können. Dabei blieb ich immer Dilettant (wie Goethe großen Angedenkens in der Malerei!). Erst jetzt beginne ich mich vor Literatur ebenso frei zu machen, als ich es seit langem vor Musik bin. Ich sehe alles, alles ist in meiner Auffassung bildnerisch figuriert. Auch ethische Gedanken wie die Bibel z. B. setzen sich bei mir nicht als Sozialismus oder Pantheismus ab, sondern gehen in rein bildnerische, malerische Gedanken auf. Ich werde daher z. B. Tolstoi nie ganz folgen können.
Nun, diesmal nicht addio, sondern auf baldiges Wiedersehen.
Nach dem letzten Urlaub.
19. XI. 15.
L....
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