Leb wohl und gehe etwas vergnügt in unserm Häuschen umher, — der Krieg dauert nun keine Ewigkeit mehr. — — —
Frz.
24. XI. 15.
L., ich lese und lese immer noch im Emanuel Quint; es wird einem so warm und frei bei diesem reinen Werk zumute. Es erklärt mir ja auch so viel von Deinem neuen Denken, für das ich mir keinen rechten Schlüssel wußte, weil es immer so stark durchsetzt war von Nebenschlüssen und Folgerungen, die aus einer andern Quelle stammten und die mir die reine Linie Deiner Gedanken verwischten und verzerrten. Aber in diesem Buch liegt die reine Linie, die ich selbst immer suche; wenn ich Dir einen Rat geben sollte, wäre er: lege den höchst mißverständlichen, weil immer sophistischen Tolstoi zur Seite; ich will gar nicht anzweifeln, daß Tolstoi dasselbe im Herzen will wie Hauptmann, aber er ist sprachlich d. h. in seiner Logik eitel; ich fühle das absolut sicher, so oft ich ihn lese; er ist tendenziös und darum trotz seines ehrlichen Ringens unrein. Und ebenso d. h. in viel größerem Maß unrein sind die „Neuen Wege“. Die liegen voller Schlacken und führen von der reinen Linie unweigerlich ab. Ich verstehe jetzt natürlich auch K.’s Wesen viel besser, da ich sein greifbares, geistiges Vorbild kenne. Auch er wird sich zu hüten haben, daß er nicht in Dilettantismus und in irgendeine Art von Eitelkeit gerät.
Eines bleibt mir gänzlich unbegreiflich: die geringe geistige Aufnahmefähigkeit unsrer Zeit. Ein Egidi, ein Häckel u. a. werden tausendfach verschlungen und ein solches Buch bleibt ungelesen, — wenigstens nach meinem Wissen und scheinbar ohne Wirkung auf den Geist unsrer Zeit. Ob Kandinsky es gekannt hat?? Ich halte es für möglich; denn wir kannten Kandinsky selbst sehr wenig. Kennt es Kubin, Klee und Wolfskehl? Schenke es vor allem Niestlés; Du kannst es ihnen von mir aus zu Weihnachten schenken. Ich möchte unbedingt einmal Hauptmann kennen lernen; vielleicht machen wir einmal eine Reise nach Schlesien. Die Erklärung, warum das Buch so wenig Einfluß gewinnen konnte, kann nur in der Unreife der Menschen liegen; sie mißverstehen das ganze Buch sicher gründlich, nehmen es literarisch und können es bis zur geistigen Reinheit nicht durchdenken. Hauptmann macht ihnen, vielleicht aus einer inneren Güte und einem Mitleids- und Schamgefühl heraus leicht, ihn mißzuverstehen. Grade darin liegt ein unglaublich feiner geistiger Takt in ihm, der ihn in dem Buch nie verläßt. Lieber thun, als wären es Kieselsteine und keine Perlen, die man vor die Säue wirft; nur die Sehenden dürfen merken, daß es keine Kieselsteine sind. Das macht mir diesen Geist so vertrauenswürdig.
Nun noch einen lieben Kuß; ich muß schnell schließen, damit der Brief noch wegkommt.
Dein
Frz.
Samstag 27. XI. 15.
L., einliegend zwei Bilder, noch aus meiner Offiz.-Stellvertreterzeit in Ch. aufgenommen mit den Herren der II. Abt. und meinem jetzigen Chef Oberleutnant * * * (der 5. von links, mit seinem Dantegesicht). Der rückwärts an der Hauswand neben mir steht, ist Leutnant * * * der Schwager des Dürnhauser Barons.
Gestern fiel Schnee, heut ist es ganz klar und kalt, richtiger strenger, trockener Winter. Man hört den ganzen Tag keinen Schuß. An den Krieg läßt sich schwer noch glauben; der Balkanfeldzug hat etwas so unwahrscheinlich Glückhaftes, die Fehler der Gegner, aus denen wir unser ganzes Glück ziehen, etwas noch Unwahrscheinlicheres, — es liegt für mich viel Shakespearisches in diesem langen Drama, nicht zum wenigsten durch Griechenlands zweideutige Haltung, die die Spannung theaterhaft erhält und durch das Eingreifen des „jungen Bulgariens“ als Deus ex machina. Ich hätte nie gedacht, daß die europäische Welt noch derartiger romantischer Dramen fähig wäre. Wenn ich heut an den Krieg denke, gerate ich ganz in Shakespearische Vorstellungswelt und Dichtung. Ich sag das nicht leichtsinnig, — es gibt im Gegenteil sehr zu denken, nach der Seite der Dichtung und der Kunst hin als nach der Seite des Lebens und des Menschengeistes.