Druck und Verlag von Friedrich Pustet
Regensburg, Köln, Rom, Wien 1920
1. Kapitel: Fahrendes Volk
Rings düsterer Wald. Alte Buchen, mächtige Föhren und Tannen beschatten einen Boden, den nur selten eines Wanderers Fuß betritt. Ungestört äst dort der Hirsch, weidet das Reh und krächzt die Eule. Die geheimnisvolle Weihe von Jahrhunderten liegt über diesem Meere von Bäumen, über das wilde Stürme hinweggebraust und über dem so oft des herrlichen Frankenlandes Sonne aufgegangen. Neben der in sich zusammenbrechenden Eiche keimt und sproßt neues junges Leben in saftweichem Grün, unter dem Schatten weitästiger Buchen glüht unbegehrt und ungepflückt im schwellenden Moosgrunde die Erdbeere. Dem Schiffe gleich, das stolz die Wellen durchschneidet, fliegt in majestätischem Flügelschlage der Geier über das wogende Meer grünender Kronen, während in dem dichten Geäste die Sänger des Frühlings aus frischen Kehlen singen.
Dort, wo der Wald sich lichtet und von sanfter Anhöhe nach dem Tale niedersteigt, steht im Tannenschatten ein einsames Haus. Fest, massiv sind seine Mauern, aus regellosem Gesteine gefügt. Rings an den Wänden kriecht der schwarzgrüne Efeu träge hinauf und verschleiert mit seinen Blättern die kleinen Fensterbogen mit ihren sonnenblinden, runden Glasscheiben. Die Haustüre steht offen und gewährt freien Einblick in einen gewölbten, halbdunklen Hausflur, an dessen Ende ein roh gezimmerter alter Eichentisch auf weit gespreizten Beinen steht. Über diesem an der graufarbigen Wand hängt ein Kruzifix, schwarz, schmutzig, von Spinnengeweben umzogen, vom Holzwurme angefressen.
's ist Frühlingsabend. Die scheidende Sonne hat ihren Glanz in ungezählte Lichter gebrochen, welche auf dem jungen zarten Grün der Buchen und auf dem dunkeln Boden des Waldes ihren Abendreigen in feenhaftem Tanze feiern. Auch an dem alten Hause zieht scheidend ein rosiger Strahl vorüber, ein warmer Kuß, auf Leichenlippen gehaucht, und stirbt dann in dem Schatten der Waldesnacht.
Kein Vogelsang mehr! Die kleinen Flöten sind müde geworden und träumen von neuen Liedern für den morgigen Tag. Nur die Eule ächzt wie das Gewissen eines schlaflosen Sünders durch die tiefe Stille des Abends.