Am Abend war mir schon viel leichter zumute. Ich fühlte sogar ein Prickeln, wenn ich an die Residenz dachte, die ich nur als Kind besucht hatte. Erst als ich im Zuge saß, ergriff mich Unruhe. Denn ich sah ja nach langem das erstemal und unter wie peinlichen Umständen dem Wiedersehen mit meinem Vater entgegen.
Am frühen Morgen kam ich in der Residenz an. Wie groß war selbst zu dieser Stunde das Leben hier! Der Asphaltboden zitterte in feinem Ausschlag wie das Deck eines Dampfers, wenn die Maschinen ihre Arbeit aufnehmen.
Lastwagen, Straßenbahnen, Automobile! Menschen mit scharfen, unbeugsamen Gesichtern, die nicht gesonnen waren, sich beschimpfen zu lassen; sie alle, Arbeiter, Marktweiber, Commis, Ladenmädeln, Kaufleute, Studenten, sie gingen, ohne rechts und links zu schauen, zielbewußt ihres Wegs. Soldaten sah ich fast keine, und das machte mir die meiste Freude. All diese fünf Jahre war ich an keinem Ort gewesen, wo ich nicht ununterbrochen hätte spähen müssen, ob mir nicht salutiert würde, oder ob ich nicht salutieren müsse.
Hier war ich nichts, drum war ich Wer! Und hier war ein anderer auch nichts, drum war ich doppelt Wer! — Mit Trotz und Trumpf fühlte ich das und mußte plötzlich stehen bleiben — denn vor langen — langen Jahren, ich wußte nicht wann und nicht wie, — hatte ich diese Empfindung schon erlebt.
Ich bezog in einem sehr wenig standesgemäßen Gasthof eines äußeren Bezirks Quartier.
Der Portier sah mich zuerst sehr erstaunt an und war nachher überaus katzenfreundlich.
Ich wusch, rasierte und kleidete mich streng nach der Dienstvorschrift, denn ich kannte meinen Vater. Er stellte jeden jungen Offizier, dessen Kappe nicht die vorgeschriebene Höhe hatte und dessen Adjustierung nicht genau den Satzungen des Dienstbuchs X entsprach.
Dann begab ich mich, ärgerlich, daß ich das feige, zaghafte Gefühl in mir nicht zu überwinden vermochte, zum Korpskommando.
In einem Vorzimmer fragte ich nach dem General. „Seine Exzellenz sind noch nicht hier,“ hieß es.