„Wodurch aber wollt ihr die Herrschaft von Vater und Familie ablösen?“

„Durch das Regiment der Selbsterkenntnis und Liebe,“ rief der Greis. „Du mußt mich recht verstehen! Die Machtsucht, der Trieb, über andere zu herrschen, sich in ihrer Demütigung zu spiegeln und vor ihnen groß zu sein, ist ebensowenig dem gesamten Menschengeschlecht eingeboren wie dem Einzelnen. Das Kind in seinen ersten Jahren lebt im ruhigen Austausch mit der Umwelt. Erst wenn es die Unterdrückung durch den Hochmut der Erwachsenen, die Erniedrigung durch den egoistischen Eigenwillen der Eltern erfährt, erleidet seine Seele den unverbesserlichen Schaden, der jenes krankhafte Fieber erzeugt, das Machtwille, Ehrgeiz, Siegsucht und Menschenhaß heißt.

Und wie im Individuum, so in der ganzen Menschheit. Der selige Urzustand, die aurea aetas der Alten, das Paradies der Religionen, war die ursprüngliche gesund-nomadische Form des menschlichen Beieinanderlebens gewesen.

Da erhob sich der erste Vater über seine schwachen Söhne und spannte sie vor die neue Pflugschar, die ein hoher, wenn auch doppelsinnig-versucherischer Genius konstruiert hatte. Und siehe! Nicht mehr waren die Knospen und Sprößlinge des Menschengeschlechtes Kinder, nicht mehr Kinder der freien Mutter, die verehrt und heilig gehalten, den Samen wählte, der sie befruchten sollte. Die Kinder der Mutter waren zu Söhnen des Vaters geworden, des Vaters, der nicht in neun Monaten der mystischen Prüfung ein neues Leben mehr lieben lernte, als sich selbst, sondern in einem kurzen Kitzel den bald vergessenen Lebenssaft verspritzt hatte.

Die patria potestas, die Autorität, ist eine Unnatur, das verderbliche Prinzip an sich. Sie ist der Ursprung aller Morde, Kriege, Untaten, Verbrechen, Haßlaster und Verdammnisse, gleichwie das Sohntum der Ursprung aller hemmenden Sklaveninstinkte ist, das scheußliche Aas, das in den Grundstein aller historischen Staatenbildung eingemauert wurde.

Wir aber leben, um zu reinigen!“

„Durch welche Waffen wollt ihr die Autorität vernichten und den Zustand der Selbsterkenntnis und Liebe heraufführen?“

Chaim Leib Beschitzer, so hieß der alte Mensch, hob seine Arme drohend empor, seine hellen Augen, rotgerändert, glänzten vor Haß. Er rief:

„Durch Blut und Schrecken!“