Ein Löwe, der ein hohes Alter auf seinem Rücken trug, lag vor seiner Höhle. Die Mähne, die einst in üppiger Fülle seinen Leib schmückte, hing nur noch in dünnen Büscheln über die Schultern. Das Auge, das sonst feurig durch die Wüste spähte, stierte matt vor sich hin. Aus den früher so mächtigen Tatzen, die sich jetzt auf dem heißen Sande hinstreckten, war alle Kraft gewichen.
Das Mahl, das sich der Löwe gestern herbeigeholt hatte, war von ihm unberührt geblieben. Der gute Appetit, dessen er sich stets erfreute, schien gänzlich verschwunden. Auch an ihm behauptete das Naturgesetz, demzufolge selbst der Stärkste dem Tode verfällt, seine Rechte.
Der Wunsch, daß man den Beherrscher der Wüste gern noch einmal sehen möchte, führte eine Menge Thiere herzu. Darunter befanden sich freilich auch solche, welche die Schadenfreude herbeitrieb. Man sah sogar einige, die nun ihren Haß an dem hinfällig Gewordenen auslassen wollten.
Der Fuchs, der zu den ärgsten Feinden des Löwen gehörte, kränkte ihn mit allerlei beißenden Reden. Der Wolf, dem der Wüstenkönig einmal ein feistes Lamm abgejagt hatte, schimpfte den Sterbenden einen schändlichen Räuber. Ein Büffel, der seit Jahren in Furcht vor dem Löwen lebte, stieß ihn mit seinen Hörnern. Sogar ein träger Esel, der aus bloser Laune den König der Thiere nie leiden konnte, versetzte ihm noch einen Schlag mit seinen Hufen.
Da trat endlich ein Roß, dem der Löwe nur unlängst noch sein Junges zerrissen hatte, herzu. Es richtete sein Auge, dessen Ausdruck von Mitleid zeugte, schweigend auf den Sterbenden. Dieses edle Thier konnte die gemeine Gesinnung, derzufolge man sich an einem unschädlich gewordenen Feinde rächt, nur verabscheuen. Es hielt eine solche Handlungsweise, die nur aus Niederträchtigkeit hervorgehen kann, für die größte Schande.
Der Löwe, dem dieser Edelmuth nicht entging, warf dem Pferde einen dankbar gerührten Blick zu. Bald darauf aber machte der Tod, mit dem er schon geraume Zeit kämpfte, seinem Leben ein Ende.
75. Das Wasser.
(Desgleichen.)
Das Wasser, welches ein tropfbar-flüssiger Körper ist, bedeckt zu zwei Drittheilen die Erdoberfläche. Seine Farbe, die durch die darin aufgelösten Stoffe bedingt wird, tritt verschieden auf.
Fast himmelblau leuchten uns die Spiegel derjenigen Seen, welche sich zwischen den Alpen ausbreiten, entgegen. Im schillernden Dunkelgrün wälzt die Woge, die der Sturm auf dem Weltmeere vor sich her treibt, dem Ufer zu. Fast farblos dagegen erscheint der Strahl, der sich aus dem Röhrbrunnen ergießt.