„Es ist eine Amsel.“
62. Eine Wanderschaft.
(Wiederholung der Umstandswörter.)
Hans, der noch sehr jung, aber schon ziemlich leichtsinnig war, ging eines Tages gänzlich unerwartet auf die Wanderschaft. Wo er eigentlich hin wollte, wußte er nicht. Ob ihn sein Wanderstab hierhin oder dorthin führen werde, war ihm ganz gleich. Er meinte immer, es sei überall viel zu sehen und man dürfe sich deshalb auch nirgends zu lange aufhalten. Trotzdem aber saß er zuweilen stundenlang auf einem Berge und stierte träumerisch in die Welt hinein. Bald sah er links, bald rechts, bald vorwärts, bald rückwärts.
Nur selten nahm er Arbeit an. Hatte er einmal kein Geld mehr, schrieb er schleunigst heim an seine Mutter und flugs kamen wieder einige Kassenscheine angewandert. „Heisa!“ jubelte er nun da gewöhnlich, „jetzt habe ich wieder Geld! Jetzt frisch und fröhlich weiter!“
So durchwanderte er sorgenlos, aber eigentlich auch zwecklos Städte und Länder und war jederzeit wohlgemuth. An den wirklichen Zweck des Wanderns dachte er selten und nie ernstlich. „Heute hier, morgen dort und immer lustig und gut leben“ war sein Wahlspruch.
Fünf Jahre war er jetzt bereits auf Reisen. Sein Aeußeres hatte sich in dieser Zeit merklich verändert. Ein starker Bart bedeckte über und über sein Gesicht. Das blühende, zarte Roth war längst von den Wangen gewichen. Sie hatten sich tief gebräunt. Sein Körper war hoch aufgeschossen und hatte sich kräftig entwickelt. Seine früher dünne Stimme klang jetzt tief, voll und männlich.
Da beschloß Hans endlich, wieder heimzukehren. Und mit der Ausführung dieses Entschlusses zögerte er auch keineswegs lange. Als ihn wenige Tage darauf einmal der Regen tüchtig durchpeitschte, kehrte er plötzlich um und nahm seinen Weg schnurstracks nach Hause.
„Ob man mich denn daheim wiedererkennen wird, oder nicht?“ dachte er still für sich.
Er reiste jetzt außerordentlich schnell. Nirgends rastete er lange. Er gönnte sich kaum Zeit, gehörig auszuschlafen. Bald war die Heimat erreicht. Langsam schritt er jetzt sein Vaterdorf entlang. Die Leute gingen stumm und gleichgiltig an ihm vorüber. Niemand erkannte ihn, sogar seine Schwester nicht. Kaum aber erblickte ihn seine Mutter, die zufällig unter der Hausthür stand, rief sie ihn sogleich bei seinem Namen und fiel ihm gerührt und weinend um den Hals.