»Du, Ohm, wo is'n eijentlich mein Vater?«
»Weiß Gott, wo sich der in die Welt rumtreiben tut!«
»Un meine Mutta?«
»Weiß ich auch nich -- ›unbekannt verzogen‹!«
Die Hütte, in der die Beiden wohnen, hat allmählich einen sonderbaren Wandschmuck bekommen. Zu Beginn der Osterferien bringt Jachl immer ein großes, bedrucktes Blatt heim, auf dem von Rosen bekränzt die Worte zu lesen sind:
»Weil du von jeder bösen Sache
Dich ferne hieltst und sittsam bliebst
Und aufmerksam in jedem Fache
Dir möglichst alle Mühe gibst,
So nehme hier zum Angedenken
Dies Ehrenblatt als Zeichen an,
Daß du in allen Gegenständen
Nach Möglichkeit genug getan,
Und trag' es heim als Augenweide
Zu deiner Eltern Trost und Freude.«
Behutsam klebt Jachl seine Ehrenblätter an die Wand, eines und noch eines und wieder eines dazu. Längst kennt er die roten Tintenstriche, mit denen der Herr Lehrer durch das: »Zu deiner Eltern Trost und Freude« fährt, und die gleichmäßigen Buchstaben, die dafür seines Ohmes Trost und Freude verkünden. Ihm erscheint der schöne Vers deshalb nicht weniger schön. Nur -- Trost? Der Ohm hat gar keinen Trost nötig, und von zuviel Freude ist ihm beim Anschauen des Ehrenblattes auch nichts anzumerken.
Gar soviel Wissenschaften werden vom Herrn Lehrer nicht gefordert. Nur die nötigsten Fächer beschweren die Köpfe seiner Bauernjungen. Wieviel Jachl trotz guten Aufpassens nicht begreift, kommt in der Schule nie ans Tageslicht. Da ist in der Religionsstunde oft von sittlicher Kraft die Rede. Kraft zum Puffen und Stoßen, die ist den Jungen in der Schule nichts Unbekanntes, aber sittliche Kraft ist nur mangelhaft in ihren dicken Schädel zu bringen. Ohne Stocken hat Jachl in der Christenlehre die Worte aufgesagt: »Der Gottlosen Rotte beraubt mich, aber ich vergesse deines Gesetzes nicht.« Zwar weiß er nicht, wann der Gottlosen Rotte ihn beraubt hat, aber alles, was der Herr Lehrer aus der Bibel verkündet, das soll wohl stimmen. Also bemüht sich der Schuljunge auch an diese Beraubung zu glauben.
Je länger ich meinen Jachl kenne, je mehr neige ich der Vorstellung zu, man sollte ihn eigentlich zu den Glückskindern zählen. Immer nimmt er die Dinge, wie sie sind. Dahin haben ihn nicht Überwindung oder mühseliges Überlegen gebracht, sondern angeborene Veranlagung. Vielleicht ist's ein glücklicher Instinkt mit dem er gesegnet wurde; Rebellion steht nicht in seiner Lebensliste, und doch kann man ihn nicht temperamentlos nennen.