Viel Zeit zum Grämen bleibt ihm nicht. Auch er muß tags darauf in seinen Dienst. Nicht die Kühe, nicht die Gänse, sondern die Heidschnucken werden seiner Obhut übergeben. --

Der Ohm macht nicht erst viel Aufhebens von Jachls Amtsantritt. »Einer nach dem andern wird unbrauchbar, dann kommt der Nächste an die Reih'; heut ist Jachl dran -- wird auch nicht ewig dran bleiben« --

Wie es Brauch ist, zieht der Schäfer mit hinein in den geräumigen Stall. Nur ein Gitter trennt Hirt und Herde. Auf verlassener Steppe liegt der Stall; denn die Schnucken brauchen weite Flächen. Nicht rasch wächst das abgegraste Heidekraut nach. --

Nie hat Jachl zu den beredsamen Leuten gehört. »Maulfaul« schelten ihn seine Freunde. Wer es nicht besser versteht, der kann ihn wohl so nennen. Seine Gedanken sind aber um so fleißiger. Jetzt ist es wohl ein Glück, daß er nicht von vielen Worten ist, sonst liefe er spornstreichs zurück nach Lüttersloh. --

Viele der Gebräuche und der Vorschriften, die sein neuer Stand erfordert, sind ihm nichts Unbekanntes. Aus einem Ställchen ist er in einen Stall gezogen; das ist sein Wohnungswechsel. Den fünfjährigen Jachl lockte bereits jede glockenklingende Schnuckenherde. Leidenschaftlich hängt er an Tieren, und von jeher beneidete er die Hütejungen. Sehnsüchtig folgte ihnen sein Blick. --

Der ihm nun anvertraute Stall erscheint ihm besonders wertvoll. Uralte Eichen und hohe Fichten umrahmen ihn. Man sieht, wenn man flüchtig hinschaut, kaum mehr als ein struppiges, schwärzliches Dach, dessen Ränder fast den Boden berühren. Der Platz vor diesem niederen Dach ist kahl genagt und ganz zertreten. --

Erprobte alte Schäfer sind ein »rarer« Artikel. Schlechte richten leicht großen Schaden an. Manchmal können Geld und gute Worte keinen guten Schäfer verschaffen. Leichter ist ein Professor ersetzt als ein Schnuckenschäfer.

Jachl fühlt sich geradezu für dieses Amt geschaffen. Kein anderer Stand dünkt ihm so herrlich. Ein reeller Schäfer muß wohl ebensolche Gedanken haben, wie sie in seinem Kopf rumoren. Und solche Liebe für alles, was kreucht und fleucht. Und so wenig Neugier auf alles das, was sonst in der Welt vorgeht. --

Viele, viele tausend kleine, blaugraue Heideschafe sind in Jachls Stall im Laufe der Jahre eingepfercht gewesen. Ordentlich andächtig stimmt den Jungen diese Vorstellung. Wenn er die doch bloß alle gesehen hätte!

Wenige Schritte entfernt von Jachls Schnuckenstall ist ein Kreuz errichtet. Unzählige Male hat er die Mär gehört, wie einst ein alter Schäfer an eine Birke gelehnt, stehend eingeschlafen ist. Das Nicken des Schlummernden habe der Bock als Herausforderung zum Kampf betrachtet und sich so rasend auf den Schäfer gestürzt, daß der Unglückliche mit zerschmettertem Schädel zu Boden sank. Jachl wirft immer einen scheuen Blick auf das Kreuz, wenn er daran vorüber muß. --