Ich handle aus Naturnotwendigkeit, aus dem, was meiner Natur notwendig erscheint. Ob falsch, ob richtig, kann nicht mehr das Entscheidende sein; nicht ob ich göttlichen oder menschlichen Gesetzen in mir folge. Ich habe aufgehört, das enträtseln zu wollen.
Während ich dies Letzte schreibe, bin ich schon weit fort; ich kritzle im Zuge, der mich eilend und rollend immer mehr von Dir entfernt.
Liebe, Begeisterung und Leidenschaft für Vieles, was der nur „gesunde Verstand“ verspottet, werden mein Leben immer zu einem reichen machen. Freudigkeit und Festigkeit können mich nie für immer verlassen. So nehme ich, trotz allem, fast heiter dieses — soll ich es Martyrium nennen? — auf mich. Ich kann auch nicht sagen: Verzeihe. Etwas eigentümlich Doppeltes ist in jedem Leben, in dem des Künstlers in verstärktem Grade. Tausend melodische Ueberraschungen werden Deinem Schmerz entsteigen. Gib Dich ganz jenen berauschenden Schöpferaugenblicken hin, deren Seligkeiten Du ja bereits erfahren; aus diesem Eden kannst Du nie vertrieben werden.
Bedenke ich, wie das alles anfing, wie alles zusammen- und auseinandertrieb, die Wandlungen und Handlungen, die in den wenigen Monaten liegen, so ergreift mich etwas wie Andacht vor den im Dunkel verborgenen Wurzeln des Lebens. Vermissen, Verlangen, welche Früchte mögen sie Dir tragen?
Ich brachte alles über Dich in Fülle, auch jetzt das Harte, aber nun nennt Dich die Welt — einen Dichter.
Es schmerzt Dich vielleicht, und Du begreifst es kaum, Geliebter, daß ich in diesen Augenblicken fähig bin, überhaupt zu schreiben. Doch sieh, immer erscheint mir eine Eisenbahnfahrt wie ein Zwischenspiel, wie ein Akt, der trotz seiner Tatsächlichkeit eigentlich nicht mitrechnet in der Schale, auf die all unser Erleben niederfällt. Die Geräusche des fordernden Tages draußen können die Ansprüche meiner Seele beirren; die Geräusche einer Fahrt sind schwach, mir kaum vernehmbar; sie werden übertönt von feierlich schwebenden Gedanken, die zu mir zu Gast kommen.
Erst wenn ich diesen Zug verlassen, wenn ich das Ziel meiner Fahrt erreicht habe — schon Tage vorher werde ich diesen langen letzten Brief von einer Nebenstation aus an Dich schicken — kann ich zu ermessen beginnen, was es tatsächlich bedeutet, nie mehr in heißer Sehnsucht auf Dich warten zu können. Und wie jetzt draußen wechselnde Bilder an mir vorüberziehen, so werden Stunden wechselnden Fühlens mich umfangen. — Unser Leidensweg führt durch die Seele, aber der unserer tiefsten Erkenntnisse, die aufwärts tragen wollen, auch.
Ich hatte Angst vor dem kleinen Glück, aber Menschen, in denen diese Angst nicht zu überwinden ist, müssen hart sein können — hart gegen sich und hart gegen die, welche sie am meisten zu lieben glauben.
Roland, Du Einziger, in dieser Stunde erlausche ich vieles, was wir selten in uns vernehmen. „Ich fürchte mich nur, meiner Qual nicht würdig zu sein.“ Du erinnerst Dich dieses Dostojewski-Wortes, dessen Inhalt zuerst befremdend erscheint, und das doch imstande ist, soviel Adliges in uns zu wecken.
An Bäumen mit weißen Stämmen und hängenden Kronen jagt der Zug vorüber. Zahllose Bilder wirft die Natur in die dahinfliegenden Fenster: Gelbwogende Kornmeere, buntblühende Wiesen, rotknospende Büsche, leise sich wiegende Gräser; sie alle beredte Verkünder des ewig verschwendenden Nährbodens, der uns trägt. In einen seltsamen Traumzustand gleite ich hinein — — —