Gög-Dere — Himmelsthal — heißt die Schlucht, welche die Stadt in zwei Theile scheidet, und Gög-Su das Wasser, das darinnen vom Olymp herabkömmt. Oben auf dem Berge ist Gög-Dere wirklich ein Thal, breit und mit reichlichem Grün ausgefüllt; unten im flachen Lande aber stehen seine Wände einander so nahe, daß sie zu überspannen der einzige Spitzbogen einer kühn geschwungenen Brücke genügt. Steil und tief senken sie sich zu dem Wildbache hinab. Felsen springen aus den Uferhängen hervor, scharf und kantig als seien eben erst Stücke davon weggebrochen, und unten im Bette liegen andere glatt und rund vom anprallenden Wasser zugeschliffen. Auf einem solchen Blocke haben wir heute Morgens das Frühstück genommen, die Gäste einer armenischen Familie, die eines der Häuser oben auf dem Ufersaume der Schlucht besitzt. Von einer kleinen Blumenterrasse waren wir schmale Fußsteige und eingehauene Stufen hinab und unten über eine künstliche Brücke auf das Felseneiland geführt worden, wo Tisch und Stühle bereitet waren. Dort sitzend tafelten wir eingeengt wie in eine der himmelhohen Gassen unserer europäischen Hauptstädte, nur daß statt des unruhevollen Menschengedränges das einsame Rauschen des Wassers und statt der häßlichen Häusermauern lebendiges Erdreich uns umgab. Denn Blumen und Schlingpflanzen und selbst ganze Stauden wachsen aus den Uferhängen hervor und verkleiden sie, und wo sich auf einem vorspringenden Felsen so viel Erde gesammelt hat, um einer Wurzel Halt und Kräftigung zu geben, da haben sich sogar Bäume wie auf Postamenten aufgestellt; die neigen sich über und schauen herab, als wollten sie sich im Wasser bespiegeln. Hinter uns, dort wo der Bach mit hüpfenden Fällen herkömmt, war die Aussicht durch eine undurchdringliche Wildniß von Büschen und Schlinggewächsen verschlossen, und vor uns sahen wir unter dem malerischen Bogen der sarazenischen Brücke hinweg in die Ebene, die eingerahmt zwischen den Uferwänden in weiter Ferne wie der Ausblick aus irgend einer Lebensenge auf breitere Hoffnungsfelder erschien. Das ganze reiche Wachsthum der überfließenden Natur hier unten ist das Werk weniger Wochen. Denn jährlich mit dem ersten Frühlinge, wenn die Schneemassen des Olympes geschmolzen zu Thale fließen, nehmen sie auch das Holz mit sich, welches das vorige Jahr in dieser immerkühlen Höhlung geschaffen hatte. Das zeigt recht wie zeugungskräftig dieser Boden ist.

Die Hausleute erfreuten sich sichtlich an dem Gefallen, welches ich an dem Orte und an der ganzen Situation fand. Mit ihrer Freundlichkeit entwickelte sich auch ihre Mittheilsamkeit. Weine, Liquere, Caffee, frische Erdbeeren, eingesottene Früchte und Bäckereien wurden herum gereicht, und dazu von dem erzählt, was hier noch immer die Phantasie der Menschen füllt — so schrecklich muß es gewesen sein — dem Erdbeben des Jahres 1855. Sie zeigten die Felsen, die es damals aus den Ufern herabgestürzt hat, und die, zu mächtig selbst für die Gewalt des Frühjahrsstromes, immer noch mitten im Flusse liegen, leicht unterscheidbar von den anderen, die als Gerölle von den Bergen herabgespült worden sind, durch ihre scharfen Kanten und Ecken. Von der Brücke erzählten sie, daß sie ehemals bedeckt und von Buden eingefaßt gewesen sei, daß diese aber auch das Erdbeben zu Falle gebracht habe. Zweimal hatten sich die Stöße wiederholt, jedesmal mit solcher Intensität, daß in wenigen Secunden ganze Stadttheile niedergelegt und die festesten Bauten verletzt waren. Wer konnte, rettete sich hinab in die Ebene, um wenigstens geborgen vor den vom Berge herabfallenden Steinblöcken zu sein. Dort lebten Tausende wochenlang unter Teppichen und Decken, die sie in Zelte zusammengeflickt hatten. Insbesondere schien die Frau unseres Wirthes noch unter dem Eindrucke jenes Ereignisses zu zittern. Ein einziger Felsblock hatte vor ihren Augen ihr Haus zerdrückt; sie war dann nach Constantinopel geflüchtet, und hatte ein ganzes Jahr lang nicht den Muth zur Rückkehr finden können. Die schwächeren Erdstöße, die seitdem immer wieder verriethen, daß die Kraft, welche diese Berge geformt, noch nicht zur Ruhe gekommen ist, haben sie in eine fortwährende Aengstlichkeit versetzt, so daß sie jedes Geräusch für das Zeichen eines neuen Erdstoßes hält. Das gab Veranlassung zu manchem Scherze und quälender Neckerei.

Dann aber sprachen die Leute auch von dem Glücke ihrer Ehe, von Kindern und Enkeln. Das brachte mich dahin das Begehren auszusprechen, das unseren Besuch eigentlich veranlaßt hatte, das Innere ihres Hauses zu sehen. Das wurde gerne gewährt. Eine breite Holztreppe führt nach dem ersten Stockwerke. Sie läuft dort in die Sala aus, welche hier aber nicht nur in der einen Richtung von vorne nach hinten das Haus durchschneidet, wie in Italien, sondern auch von rechts nach links, so daß in das Quadrat des ganzen Baues ein regelmäßiges gleichschenkliches Kreuz gelegt ist; da an jedem Ende desselben Fenster sind, ist dadurch noch mehr Durchzug und Kühle als in dem italienischen Hause gewonnen. Die vier durch das Kreuz ausgeschnittenen Winkel des Hauses dienen zu den besonderen Gemächern der Familie. In einem sind die Staatsstuben, in dem anderen die Arbeitszimmer des Hausherrn, in dem dritten die Schlafzimmer und in dem vierten die Wohnungen für den Schwiegersohn und die Tochter angebracht. An den Wänden laufen niedere Divane her, die mit einfachem Kattun überzogen sind, wie denn überhaupt die ganze Einrichtung unserer Verwöhnung sehr einfach erscheint, und das bei Leuten, die ihr Vermögen nach Hunderttausenden zählen. Nur der sogenannte Salon macht einigen Anspruch auf größere Eleganz durch die europäischen Canapees, Schaukelstühle und Standuhren, die darin zur Schau gestellt sind. Auf der Treppe stand eine große Marmorvase aus so dünnem Steine, daß er beinahe durchscheinend ist, mit folgender bisher unentzifferter und auch meiner Unwissenheit nicht lesbaren Inschrift:

ΕΛΕΥξΙΕCΤξΙΖΙΔ.

Die Vase ist in Kutahia, dem alten Cotiaium, einer phrygischen Stadt, zwei Tagereisen von hier gefunden. Ihre Formen sind die rohen einer verkommenen Bildung, welche aber doch noch die Spuren einer edleren Abstammung festgehalten haben.

Was bei uns Hof wäre, ist hier als Garten hergerichtet. Die Wege sind geradlinig und schmal, mit blendend weißem Sande bestreut; die Beete klein, von Buchs umsäumt, mit außerordentlich bunten Blumen in symmetrischer Anordnung bepflanzt. Der ganze Eindruck mahnt mich lebhaft an das, was ich auf chinesischen Bildern gemalt gesehen, und in chinesischen Romanen beschrieben gelesen. So auch die Wirthschaftsgebäude, die alle klein und pavillonartig wie das Wohnhaus selbst um den Garten gereiht sind. Der Baustyl der türkischen Häuser überhaupt, wie ich sie hier und in Constantinopel sehe, läßt mich diese Aehnlichkeit finden. Vielleicht, daß er so Asien von einem Ende zum andern allen seinen Völkern mehr oder weniger gemeinsam ist, weil er zu den Eigenthümlichkeiten des Klima’s stimmt. Unter den Wirthschaftsgebäuden ist auch ein türkisches Bad, im kleinen Raume dasselbe was die großen öffentlichen Bäder sind. Auch hier reiner Marmor auf den Dielen und an den Wänden, und kleine spinnwebverdüsterte Fenster in der Kuppel. Keinem nur einigermaßen reichen Hause fehlt diese Anstalt eines unentbehrlichen Luxus!

Für den Nachmittag hatte uns unser Consul, Herr Falkeisen, zu einem Feste geladen, das er in seinen Gärten und Kellern auf dem Schloßberge gab. Diese sind natürliche Grotten, wie sie den ganzen Olymp durchwühlen. Einige derselben hat das Erdbeben verschüttet und die Fässer darinnen zertrümmert. Ein riesiger Felsblock, der aus der Wölbung sich losgelöst, hält eine Höhle so fest verschlossen, daß Herr Falkeisen dort heute noch nicht nach dem Schicksale seiner Weine forschen konnte. Vielleicht öffnen erst spätere Jahrhunderte dieses Grab, und finden statt eines wartenden Kyffhäuser diesen anderen auch vergessenen aber saftvoll gebliebenen Geist. Der Schaden war für Herrn Falkeisen ein bedeutender gewesen; zu dem Verluste des Weines kam auch die Auslage, neue Keller graben, die verschütteten ausputzen, vergrößern und stützen zu lassen. Das Ganze dieser Gänge bildet ein kleines Labyrinth, in dem wenigstens Anfangs ein Zurechtfinden ohne Führer unmöglich ist. Er hatte es uns zu Ehren beleuchten lassen, und die tiefe Perspective der sich verlierenden Lichter gab gleich auf den ersten Blick einen Begriff von der Größe dieser Keller, die die Natur ihrem edelsten Bodenproducte selbst geformt hat.

Die Weine, welche uns zu kosten gegeben wurden, glichen bis zur Möglichkeit der Verwechslung denen der Mosel- und Rheingegenden. Das ist ein Erfolg der Weinbau- und Kellerzucht des Herrn Falkeisen. Als ich bei einem, der mir dadurch besonders auffiel, mein Erstaunen laut äußerte, rief eine Stimme aus dem Dunkel neben mir: „Ach, Herr Jeses, Sie müssen ja ein Rheinländer sein; Sie reden gerade so!“ „Nun, Sie können auch nicht weit weg von Freiburg sein?“ frug ich zurück. Und so war es. Der Bursche, eine struppige und etwas verwilderte Gestalt, ist von Herrn Falkeisen vor 14 Jahren aus dem Breisgau hierher als Kellermeister verpflanzt worden. In der langen Zeit ist er nicht in seine Heimath zurückgekommen, und auch von seinen Landsleuten hat er hier nicht viel gesehen; seine Freude in mir einen zu finden, war daher unbändig, so recht wie jedes Gefühl, das zehn Jahre lang gehungert hat. In einiger Entfernung bleibt er mein steter Begleiter, und hält, die Hände über dem Bauche zusammengefaltet, die Blicke halb glückselig und halb melancholisch unverwandt nach mir gerichtet. Sein lange nicht mehr gekämmtes Haar steht ihm dazu sonderbar zu Berge. Ich erzählte ihm von der deutschen Heimath was ich weiß und auf der Höhe seines Begriffsvermögens vermuthe, und hielt ihm dann die Predigt gegen das Laster des Trunkes, welche Herr Falkeisen für ihn begehrt hatte. Vergebene Mühe! Wie sollen auch Worte Leidenschaften zähmen, wenn die nur eine Nacht alten Entschlüsse schon am nächsten Morgen wieder derselben Versuchung unterliegen! Dann war auch seine Philosophie nicht ohne Gründe, die er den meinigen entgegenstellte. Er suchte Vergessenheit, Vergessenheit der Gegenwart und der Vergangenheit, die ihm beide unerträglich sind, weil die eine besser als die andere war. Die abendliche Wirthshauspfeife, das Bierglas, das Kartenspiel und die anderen edlen Vergnügungen, die alle diesen uncivilisirten Ländern der Türkei fehlen, hat ihm nichts ersetzt. Wer in der Gegenwart nichts hat, von der Zukunft wenig hofft, dem gibt auch die Erinnerung meistens nur Stiche. Da ist denn Vergessen seiner selbst allerdings der einzige Trost.

Ohne Badenser oder Schweizer fand ich übrigens noch keinen Winkel der Welt; das verräth die große Rührigkeit dieser zwei kleinen Völkchen. Ihren Namen und ihr Geld tragen sie hin, wo nur irgend etwas zu erwerben ist.

Die jährliche Weinproduction von Brussa soll ungefähr 140.000 Pfunde, das sind etwas über 100.000 Flaschen, betragen. Zur weiteren Ausfuhr verkäuflich ist davon nur das, was Herr Falkeisen producirt. Daß von dem Reste, bei so außerordentlichen Begünstigungen wie sie das Klima und der Boden hier bieten, so wenig ausgeführt wird, liegt zum Theile in dem Verschulden der hiesigen Production, ebenso aber auch in der Abneigung der auswärtigen Consumtion. Die türkische Weincultur ist wenig sorgsam. Man läßt die Reben flach über den Boden wie Unkräuter kriechen und keltert die verschiedensten Trauben in demselben Fasse zusammen. Indeß auch wenn diese Zucht verbessert wird, glaube ich nicht, daß türkische Weine, so lange unser Geschmack so bleibt wie er heute ist, starken Absatz auf den europäischen Märkten finden werden. Darum hätte ich auch kaum den Muth, der Regierung besondere Bemühungen zur Hebung der Weinproduction anzurathen. Man könnte da die Staats- und Privatcassen zu großen Ausgaben verführen, die schließlich nutzlos verschwendet erschienen. Sicherer glaube ich die Hoffnung, wenn die Capitalien zu dem Zwecke der Rosinenerzeugung angelegt sind, wie das viel auf den Inseln des Archipel geschieht. Smyrna führte davon Millionen aus.