Uebrigens muß die Wirkung dieses Bildes immer eine außerordentliche gewesen sein. Sie liegt schon in der Concipirung der übermenschlichen Gestalten. Die byzantinische Kunst hat ihre Heiligenbilder nach ganz eigenthümlichen Gesetzen gezeichnet. Sie durften nicht mehr wie die Götter der Griechen und Römer menschenähnlich sein, sie mußten eher wie die der alten Aegyptier etwas Menschenfeindliches haben. Ich glaube nicht, daß das, wie man gewöhnlich behauptet, nur Folge technischen Unvermögens gewesen, ich glaube, daß es so vom Anfang an in der Absicht gelegen. Lange hatte das Christenthum nichts als symbolische Zeichen für seinen Gott gehabt; als man es endlich wagte, sich von ihm ein körperliches Bild zu formen, suchte man es gleich von den lebenswahren Darstellungen der Heiden zu unterscheiden. Daher denn diese unmöglichen Gestalten, die eher wie Schemen zu einem erst zu erschaffenden Menschen, als wie Abbilder des fleischgewordenen Christus und seiner Mutter Maria erscheinen. Dem Volke aber stellte man sie gerade als solche — vera icon — vor, um ihnen größere Achtung und längere Verehrung zu sichern. Und wirklich, so wie er hier in der Aja Sophia hingezeichnet ist, lebt der Erlöser in der Phantasie jedes Griechen fort.

Es hat dieses unabänderliche Festhalten eines Götterbildes viel für sich; wie bei den Dogmen schützt es vor manchen Verirrungen. Wir sehen an den Werken einer späteren Kunstthätigkeit, daß in Griechenland und Aegypten dasselbe zur Rettung der Religion versucht ward. Und die Bestrebungen unserer Schule der Nazarener, Overbeck und Veit, wollen sie Anderes? Das Abendland, das seine Kunst von diesem religiösen Zwange emancipirt hat, müßte den ersten Bekennern des Christenthumes weit heidnischer als das heutige Morgenland erscheinen. Das Wesentliche dabei ist, daß das Heidenthum tief dem menschlichen Fleische eingeboren ist, und daß alle Völker, die hochgebildeten Aegyptier wie die wilden Indianer in Mexiko, mit dem Glauben an den einen Gott begonnen und mit der Vielgötterei geendigt haben; eine Entwicklung, der überall die religiösen Bilder behilflich waren. Das christliche Constantinopel hatte einen Cultus der Vielgötterei so ausschweifend, als ihn nur Rom in den Tagen seiner tiefsten Verkommenheit gehabt. Nicht genug, daß eine wegweisende und eine stadtbeschützende Mutter Gottes und jede mit ihrem besonderen Publicum und ihren eigenthümlichen Wunderthaten da war, man verehrte auch Götterbilder aus der früheren Zeit des Heidenthumes. Die Statue des Glückes der Stadt stand in mannigfaltigen Abbildungen auf den öffentlichen Plätzen, bewahrt und mißhandelt von dem Aberglauben der Bürger, je nachdem sie sich ihren Schicksalen günstig oder ungünstig zeigte. So fest haftete die alte Gewohnheit, daß noch im 15. Jahrhundert ein ausgezeichneter Bürger diis divus, göttlich unter den Göttern, genannt ward. Der Stein, der diese Inschrift trägt, ist mit der Jahreszahl 1446 an einem Thore von Galata eingemauert.

Kann man solchen Beispielen gegenüber das Verbot, welches der Koran gegen die Bilder gesetzt hat, tadeln und es unverzeihlich finden, daß die Türken die Mosaikbilder der Aja Sophia übertüncht haben? Gewiß, diese Enthaltsamkeit ist ihnen kein geringeres Opfer, als es uns das wäre, die vier Wände unserer Stuben nackt und bilderlos zu lassen.

Um das Aeußere der Moschee liegen auf drei Seiten Höfe; frei ist sie nur auf der vierten, in welcher die Apsis steht, und die dem Seraiplatze zugekehrt ist. Der Erdboden rings herum ist wenigstens um zwei Klafter höher als der marmorne des Inneren. Das zeigt sichtbar genug, wie hoch der Schutt über dem alten Constantinopel gehäuft liegt. Wie vieles mag darin noch begraben sein, hoffentlich wie andere Todte zu künftiger Auferstehung. Säulenschäfte und breite Capitäle ragen daraus hervor, die heute den Obst- und Tespiehhändlern zu Tischen für ihre Waaren dienen. So wachsen aus Trümmern die Berge wieder auf.

In dem Hofe zur Linken, dem nordöstlichen, steht ein Grabmal, das die Gebeine Mustapha I. und des Sultans Ibrahim bewahrt; schönere Grabcapellen stehen in dem rechtsseitigen Hofe, dem südwestlichen. Sie sind aus Marmor gebaut und ihr Inneres reich mit bunten Porzellantafeln und edlen Steinen verkleidet. Blasse Rosen in mattblauem Grunde ist die Zeichnung, die am häufigsten vorkömmt. Kostbare Teppiche decken den Boden und persische Shawls die Grabhügel. Alle Mausoleen standen offen, und in den säulengetragenen Portiken saßen Beter, die zum Heile der Todten in dem Koran lasen, denn der Mohammedaner glaubt wie wir und übt diesen Glauben sogar in einem weit reichlicheren Maße, daß man den Todten die ewige Seligkeit durch die Fürbitte des Gebetes erkaufen oder vergolden könne. Große Maulbeerbäume stehen um die Capellen herum und trennen mit schattiger Abgeschiedenheit den Ort von der Straße, die sich draußen so nahe und so lärmend zudrängt. Selim II., Murad III., Mohammed III. und neben ihm seine 17 Brüder, die er selber hatte hinrichten lassen, sind es, die hier bestattet liegen.

Der eigentliche Vorhof, schon in griechischer Zeit das Proauleion, der Harem der Mohammedaner, ist vor dem Haupteingange auf der West-Nord-Westseite. Von alten Holzhäusern umgeben, voll Gerümpel, verkümmerter Bäume und ärmlichen Gemüsepflanzungen, macht er den Eindruck des Verfalles und der Vernachlässigung. Nichts als ein kleines verstecktes Holzpförtchen führt zu ihm. Ich ließ mich auf einem alten Marmorblocke nieder, mit den Karten und der Magnetnadel die Lage der Aja Sophia zu bestimmen. Bald sah ich mich von einem schaulustigen Publicum, Diener, die zur Moschee gehören, umrungen. Eine Weile schauten sie mir schweigend zu; dann, als sie wohl das Verständniß der Karten gelernt hatten, begehrten sie, daß ich ihnen die kaiserliche Moscheen und Serais darauf zeige. Daß die Aja Sophia doch die schönste unter Allen sei, war der Schluß jeder ihrer Reden; mir vergalten sie die kleine Gefälligkeit mit schwarzem Caffee. So finde ich das Volk überall dankbar und freundlich.

Die Lage der Aja Sophia glaube ich auf den Karten irrthümlich gezeichnet; die Handbücher verlegen, selbst wenn ihre Verfasser das Richtige wußten, der Kürze wegen den Haupteingang gegen Westen, die Apsis gegen Osten, die beiden Flügelseiten gegen Süden und Norden. Statt dessen durchschneidet die Magnetnadel als Diagonale das ganze Quadrat, so daß der Haupteingang West-Nord-West, die Apsis Ost-Süd-Ost, die linke Seite Nord-Ost-Nord und die rechte Seite Süd-West-Süd liegt.

Die beste künstlerische Schilderung des Baues hat Salzenberg geliefert. Was Hammer darüber gibt, ist mit so vielen handgreiflichen Unwahrheiten vermischt, daß mir auch das rein Geschichtliche verdächtig geworden ist. Kugler bringt nicht mehr als klingende Phrasen, weil ihm die eigene Anschauung fehlte; sehen ist aber zum Urtheile über architektonische Kunstwerke nothwendig wie das Hören bei der Musik. Bei beiden Künsten ist die Stimmung der vom Künstler beabsichtigte Erfolg; die aber empfinden wir bei beiden nur dann, wenn Mauern und Säulen um uns aufragen und die Töne uns im Ohre liegen.