Ich darf wohl als selbstverständlich voraussetzen, daß ich als höflicher Mann zunächst auf den Dampfer stieg, auf dem die holde Weiblichkeit in so großer Zahl vertreten war. Ich hoffte durch das Erscheinen im Kreise meiner Offiziere ihnen eine vielleicht noch vorhandene Angst vor den deutschen Barbaren am schnellsten nehmen zu können. Der Kapitän führte uns persönlich durch seine Schiffsräume, wobei wir auch die Passagiere des Dampfers zu sehen bekamen. Hierbei erfuhren wir, daß eine große Zahl der Passagiere zu einer Varieté-Truppe gehörte, die am nächsten Abend in London ihr erstes Gastspiel geben wollte. Armes London! so kamst du durch unsere Schuld um einige sehr vergnügte Abende; denn allem Anscheine nach waren die hier auf dem Dampfer im Rauchsalon beisammensitzenden Künstler und Künstlerinnen sonst auf der Bühne weniger wortkarg und verlegen. Besonders die vier niedlichen Sängerinnen hätten wohl sicherlich mit ihren entzückenden Stimmen so manches Engländers Herz auch zu Kriegszeiten gerührt!
Unter den übrigen Passagieren befanden sich einige wehrfähige Belgier und Franzosen und auch eine belgische Familie, die nach ihren Aussagen bereits sechs Wochen auf eine Fahrgelegenheit zur Überfahrt nach England gewartet hatte. Nach all diesem Warten mußte selbst jetzt noch ihrem Vorhaben durch unser Dazwischenkommen ein jähes Ende bereitet werden.
Auch ein Amerikaner, ein Berichterstatter der Hearstschen Zeitungsgesellschaft, befand sich unter den Fahrgästen. Wie wir später erfuhren, hatte er die ganze Aufbringung und das Einschleppen der Dampfer mit einem kinematographischen Apparate aufgenommen, den er später verstanden hatte, sicher an Land mitzunehmen: Schon einige Tage danach erschien in der englischen illustrierten Zeitung „The Graphic” vom 27. März 1915 eine Serie von diesen Bildern, die später auch Aufnahme in den verschiedensten amerikanischen Blättern finden sollten.
Ich hatte mich längere Zeit mit ihm unterhalten, wobei er mir fortgesetzt beteuerte, daß unsere Fahrt durch das vermeintliche Minenfeld ihm einen ganz besonderen Eindruck gemacht hätte. Aus dem Gespräche merkte ich, daß er geglaubt hatte, daß wir jedesmal, wenn wir zum Zwecke des Auslotens der Wassertiefe unsere Fahrt vermindert hatten, einer gefährlichen Mine aus dem Wege gegangen wären. Tatsächlich erschienen auch später Artikel von ihm mit der Überschrift: „Unsere Fahrt durch das Minenfeld!” „Eine kühne Tat!”
So warteten nun die beiden Dampfer mit ihren Besatzungen und Passagieren die höhere Entscheidung über ihr weiteres Schicksal ab.
Ich selbst konnte für einige Zeit an Land gehen.
Stolz ragen aus dem sonst von den Engländern bei ihrem Abzuge in Grund und Boden geschossenen Orte Zeebrügge das prächtige, gänzlich neue Palast-Hotel und der noch nicht bezogene Neubau der Post und belgischen Staatsbank auf. Englisches Geld hatte dieses Prachthotel gerade vor Kriegsausbruch gebaut, und dieses englische Geld hatte es auch wieder vor der Zerstörung durch die Engländer bei der Räumung Zeebrügges bewahrt. Eigentliche Bewohner des Landes gab es kaum zu sehen, so daß es gescheiter war, Uniformen und Abzeichen der deutschen Truppen zu studieren, als sich viel um Land und Leute zu kümmern.
Für den Abend war ich zur Meldung bei dem Kommandierenden Admiral des Marinekorps, Exzellenz von Schröder, befohlen. Ein Auto holte mich von unserem Boote ab und fuhr mich durch das schöne flandrische Land nach Brügge, dem damaligen Sitze des Generalkommandos.
Zwar gab es stellenweise unterwegs zerschossene Gebäude zu sehen, doch verschwanden sie in der im großen und ganzen von den äußeren Spuren des Krieges verschont gebliebenen lieblichen Gegend, so daß es Mühe machte, derartige Zeichen des Krieges überhaupt zu entdecken. überall sahen wir dagegen bestellte Felder oder belgische Bauern und deutsche Soldaten bei der Feldarbeit, um die Frühlingssaat noch rechtzeitig der Mutter Erde anzuvertrauen.
Fürwahr ein gar wenig kriegerisches Bild, das wohl so mancher im deutschen Vaterlande sich gewaltig anders vorgestellt hatte und das auch wir nicht so friedlich erwartet hatten.