Stark durch Verbindung und Verschwägerung mit den mächtigsten Stämmen und Fürsten, vernichtete er so leichter den Fürsten der Naimanen, Kutschluk, in dem siebenten und letzten wider denselben geführten Krieg in der Schlacht am Kem, und wagte nun den Krieg wider den Herrscher von China selbst, wider Altan Chan, d. i. den goldenen, welcher ihm gleich Anfangs seines Auftritts für die dem Tschingsang (chinesischen Staatsminister) wider empörte Tataren geleistete Hilfe den Ehrentitel eines Grossfürsten[60], sowie damals der Herrscher der Kerait dem Owangchan[61] und dem Fürsten der Naiman den Ehrentitel Tajang verliehen hatte. Die Seele dieses siebenjährigen chinesischen Krieges, welcher mit der Besiegung Altanchan's, des vormaligen Oberherrn der Tataren und Mongolen, endete, war der Dschelaire Mokli, welcher zur Belohnung seiner Dienste den auszeichnenden chinesischen Titel Kojang[62], das ist Herrscher Eines Distrikts, erhielt. Der Kaiser von China war der mächtigste Feind des mongolischen Reichs im Osten, sowie Chuaresmschah, dessen Herrschaft sich über ganz Mittel- und Vorderasien erstreckte, der mächtigste und gefährlichste Nachbar im Westen. Nach dem glücklich vollendeten siebenjährigen chinesischen Feldzuge und der Einschüchterung des Ostens wandte Tschengischan seine ganze Macht wider den Herrscher des Westens, wider Mohammed Tekesch, zur Blutrache einer Karawane mongolischer Kaufleute, welche Ghairchan, der Statthalter von Otrar, hatte ermorden lassen. In diesem siebenjährigen Kriege befehligten die zur Eroberung des Westens bestimmten Heere theils Tschengischan in Person, theils seine vier Söhne, theils seine beiden grossen Feldherren Dschebe Nujan und Subutai Behadir; sie eroberten eben so viele Länder: Transoxana, Chuaresm, Chorasan, das persische Irak, Masenderan, Ghasna und Kipdschak, und die mongolischen Heere verheerten die Länder von den Ufern des Indus bis an die der Wolga. Ogotai und Dschaghatai belagerten Otrar, worin sich Ghairchan, dessen Gewaltthat der Anlass und die Rechtfertigung des Kriegs, sich zwei Jahre lang tapfer vertheidigte. Dschudschi, welcher gegen Chodschend befehligt war, kehrte nach einiger Uneinigkeit mit seinen Brüdern wieder nach Kipdschak zurück. Tschengischan befehligte in eigener Person die Verheerung von Samarkand und Bochara, der beiden grössten und bevölkertsten Städte Transoxana's, in deren jeder dreissigtausend Schlachtopfer bluteten, was nicht unglaublich, wie die Zahl derer, welche in den Städten Chorasan's bluteten, mit dessen Eroberung der vierte Sohn, Tuli, betraut war. Zu Nischabur soll eine Million, zu Sebsewar siebzigtausend gemetzelt worden sein. Glaublicher ist die Entvölkerung Chuaresm's, aus dessen Hauptstadt allein einmalhunderttausend Künstler und Handwerker in die östlichen Länder geschleppt worden. Bamian, vor dessen Mauern ein Enkel Tschengischan's, aus seinem Sohne Dschaghatai, fiel, erhielt den Namen Mobaligh, d. i. verfluchte Ballei, und musste den Mord mit dem Blute seiner Einwohner sühnen. Die beiden Feldherren Dschebe Nujan und Subutai Behadir durchstäupten Persien bis an die Ufer des Sees von Urmia, drangen dann durch die Pässe des Kaukasus nach Russland und Kipdschak vor und wurden durch die Niederlage der Russen Herrscher an der Kalka, die sich in den Donesch ergiesst, wie sie Herrscher an der Kalka, die in den Bujursee mündet. Tschengischan selbst verfolgte am Indus den Sultan Dschelaleddin Mankburni, den Sohn des Mohammed Tekesch, der in einer Insel des kaspischen Meeres sein Leben geendet, und konnte dem Sohne seine Bewunderung nicht versagen, als derselbe, bis an das Ufer des Indus verfolgt, vom steilen Ufer sich ganz bewaffnet mit dem Pferde in den Indus stürzte und denselben durchschwamm: Ein Sohn, würdig seines Vaters, rief Tschengischan, ihm mit Bewunderung nachsehend, aus. Beim Kurultai, welches Tschengischan am Karagöl (Schwarzsee) zur grossen Jagd an alle Uluse ausgeschrieben hatte, erschien der älteste, Dschudschi, nicht, doch sandte er seinerstatt kostbare Geschenke an Pferden. Tschengischan unternahm von da den vierten Feldzug wider das empörte Tanghut und starb auf demselben, nachdem er durch letztwillige Anordnung zu seinem Nachfolger im Reiche weder den ältesten Dschudschi, noch den zweiten Dschagatai, sondern den dritten Ogotai ernannt hatte.
Die Jasa.
Tschengischan's Politik, deren Hauptaugenmerk die Versöhnung feindlicher Stämme und die engere Verbindung mit freundlichen mittels Verschwägerung, erhellt schon aus dem Erzählten; aber seine bürgerliche Gesetzgebung und seine Staatseinrichtungen erfordern noch besondere Beleuchtung. Er ist der Gesetzgeber seines Volkes. Aus den bisherigen europäischen Geschichtschreibern mongolischer Geschichte ist nur die bürgerliche Gesetzgebung desselben, d. i. die Jasa, bekannt, aber in Wassaf, dem Livius der persischen Geschichtschreibung, welcher, berühmt unter dem Namen des Lobredners der Majestät[63], schon anderthalb Jahrhunderte nach Tschengischan, zu Ende des dreizehnten Jahrhunderts der christlichen Zeitrechnung und zu Anfang des vierzehnten, schrieb, und aus der grossen Sammlung von Staatsschreiben, welche ein halbes Jahrhundert später der Staatssekretär Mohammed Hinduschah, beigenannt die Sonne des Stylisten[64], für Schah Oweis Behadirchan, den zweiten Herrscher der zweiten Dynastie der Ilchane (deren Gründer sein Vater, der grosse Hasan), aus den Archiven zusammentrug, lernen wir auch die besonderen Namen der Gerichtsordnung und des Militärcodex kennen. Die erste, nach welcher den Oberrichtern das Recht zu sprechen in ihren Bestallungsdiplomen eingeschärft ward, hiess Kutatgu bilik Tschengischani, d. i. das Kutadische Tschengischanische überlieferte Wort; denn unter dem Titel von Bilik gibt Reschideddin neun und zwanzig überlieferte Worte Tschengischan's, und Kutat (oder Kitad) ist der Name der Familie Tschengischan's; den Namen des Militärcodex hat nur Wassaf aufbewahrt; derselbe hiess: Tumendschin, d. i. wovor man sich zu hüten; dieses ging, sowie das Bilik, unmittelbar von Tschengischan selbst aus, aber an der Jasa hatte die Weisheit seines Sohnes Dschagatai grossen Antheil. Da die einige und zwanzig Punkte des ersten und des zweiten bereits bekannt gemacht worden, so genügen hier ein Paar Federstriche zum Umrisse des Geistes der Gesetzgebung Tschengischan's. Häufige Todesstrafe und Prügel waren die Sanction derselben, die Todesstrafe nicht nur auf Verbrechen, sondern auch auf Unsittlichkeit und auf die Verletzung abergläubischer Sitte gesetzt; so wurde der überwiesene Lügner, Zauberer, der, welcher bei Donnerwetter badete, und wer ins Wasser oder auf Asche pisste, mit dem Tode bestraft; den Prügeln, womit vorzüglich die Uebertretung der Kriegszucht bestraft ward, waren auch die Prinzen des Geblüts unterworfen, und dieselben entehrten nicht; ihre Zahl immer ungleich, von drei, fünf, sieben bis sieben und siebzig.[65] Die grösste politische Tugend der Mongolen die blindeste Unterwürfigkeit in den Willen des Herrschers, indem nur Einer der Herr und alle Anderen Sklaven; Nichts von Geburt aus, oder wenn auch durch diese und durch Stammverwandtschaft geadelt und zu Würden erhoben, wieder Nichts vor des Herrschers Allmacht; die zweite Tugend schweinische Unreinigkeit, indem es ihnen verboten, ihre Kleider zu waschen, die sie auf dem Leibe tragen mussten, bis sie ihnen in Stücken abfielen[66], also gerade das Gegentheil jüdischer und moslimischer Gesetzgebung, wovon jene zwischen Reinem und Unreinem so genau unterscheidet, diese wiederholtes Waschen zur Pflicht macht. Gastfreundschaft war geboten, doch durfte keiner zum Mahle niedersitzen, ohne dazu geladen zu seyn, keiner auf Kosten seiner Tischgenossen schlemmen; Titel und Phrasen waren untersagt, selbst der Kaan durfte nicht anders als bei seinem Namen angeredet werden; ein persischer Sekretär, welcher das im Namen Tschengischan's an eine belagerte Stadt erlassene Aufforderungsschreiben mit Floskeln ausgeschmückt, büsste dieselben mit seinem Leben. Alle Mädchen und Frauen der Mongolen standen dem Herrscher zu Gebot; die Tarchanen, d. i. Freiherren, waren von allen Steuern befreit und hatten zu jeder Stunde freien Zutritt zum Kaan. Die Erbfolge in der Familie Tschengischan's war durch die Jasa, welche hievon die Brüder Dschudschi Kasar's ausschloss und die Herrschaft dem Uluse Ogotai's, des zweiten Sohnes, zusprach, festgesetzt, aber die Verkündung der Thronbesteigung musste auf einem Kurultai, d. i. einem Landtage, feierlich vollzogen werden. Der erste und grösste Hofdienst war der des Oberstjägermeisters, denn die Jagd als Vorspiel und Vorübung des Kriegs vertrat die Stelle der Bildung und Erziehung, da das Handwerk und die Kunst der Mongolen nur Krieg und Verheerung.
Das Heer und das Testament.
Die Periode der Staatseinrichtungen Tschengischan's fällt in die sieben Jahre, welche von seiner zweiten Thronbesteigung als gewaltiger Herrscher bis zum Ausbruche des siebenjährigen chinesischen Krieges verflossen; aber die militärische Einrichtung des Heeres nach Zehnern, Hunderten, Tausenden und Zehntausenden hatte schon früher stattgefunden. Das Buch der vier Uluse, dessen Verfasser Ulugbeg und welches dem Stammbaume der Türken[67] zu Grunde liegt, schreibt die Eintheilung des mongolischen Heeres in sieben Treffen schon dem Oguschan zu; in jedem Falle ist diese Einrichtung eine türkische und weit älter, als Tschengischan, und verschieden von der arabischen Eintheilung, welche nur fünf Abtheilungen des Heeres kennt. Die Türken und nach ihnen die Mongolen theilten ihr Heer in die folgenden sieben Theile: 1. Buldschunghar, auf türkisch Karaul, die Vorposten oder Vedetten; 2. Borunghar, auf türkisch Mankalai, der Vortrab des Heeres, auf arabisch Makaddemetol-dschisch; 3. Unghar, auf türkisch Ssaghkol, der rechte Flügel, auf arabisch Jemin; 4. Dschunghar, auf türkisch Ssolkol, der linke Flügel, auf arabisch Jesar; 5. Ghul, auf türkisch Jesaul, das Mitteltreffen, der Mittelpunkt des Heeres, die Fahnen und Standarten, die Rossschweife und Heerpauken, von den Arabern Kalboldschisch, d. i. das Herz des Heeres, genannt; 6. Okdschunghar, auf türkisch Tschenkdaul, der Nachtrab, auf arabisch Sakat; 7. Bestunghar, auf türkisch Bassdürma und auf persisch Kemingjah, d. i. der Hinterhalt; dieser Theil des Heeres war, wie der türkische und persische Name zeigt, zu Ueberfällen aus dem Hinterhalte bestimmt; er zog aber, der letzte, in so grosser Entfernung vom Nachtrab, dass er den Staub desselben nicht sah. Diese letzte Abtheilung, sowie die erste, fehlt in der Strategie der Araber. Ein Corps von zehntausend Mann hiess Tumen oder Toman, eine Benennung, welche auch den Länderabtheilungen und später Münzen beigelegt ward, wie denn noch heute Silber- und Goldtomane in Persien cursiren; die Silber- und Goldmünzen der Mongolen hiessen Balisch. Die Jagd, Pfeilschiessen, Pferdetummeln und Ringen waren die Uebungen des Heeres und der Feldherren, welche hierin mit gutem Beispiele vorgehen mussten: „Die grossen Fürsten und das ganze Heer muss sich in der Jagd üben und den Namen bestimmen, bei welchem sie, wenn sie ins Feld ziehen, ausgerufen werden sollen; sie sollen mit zu Gott gewandtem Herzen beten, bis sie mit göttlicher Hilfe die vier Weltgegenden unterjocht.“ lautet das zehnte der hinterlassenen Worte Tschengischan's; dann das eilfte: „Der Mann sei unter dem Volke ruhig und schweigsam, wie ein Kalb, falle aber in der Schlacht wie ein hungriger Geyer auf die Feinde.“ und das zwölfte: „Jedes Wort, das einmal gesprochen worden und von dem man zweifelt, ob es im Scherze oder Ernste gesprochen worden, kann nicht mehr zurückgenommen werden, – gilt für Ernst.“ Die grösste Auszeichnung war, wenn der Kaan auf einen mit dem Finger zeigte; dem mit dem Finger Ausgezeichneten[68] waren die Einkünfte der Minen, die guten Pfeilschützen, die Pferde der Post, die Jagdvögel, die Jagdhunde der eroberten Länder zugesprochen.[69] Die feste Grundlage des Herrschergesetzes Tschengischan's war Familieneinigkeit und festes Zusammenhalten der Stammverwandtschaft; eine Lehre, welche er durch das bekannte Gleichniss vom Pfeilbündel, dann von den zwei Schlangen, der einköpfigen Vielschweifigen[70] und einschweifigen Vielköpfigen, seinen Söhnen versinnlichte. Von diesen bekleidete Ogotai, der Oberste Jägermeister, das erste Hofamt, Dschagatai versah die Stelle des Obersten Richters und wachte auf die Vollziehung der Jasa, an deren Verfassung er so grossen Antheil hatte; dem Ogotai lag die innere Verwaltung, d. i. die Erhebung der Steuern, dem jüngsten, Tuli, die Sorge für das Haus und die Truppen, für den Herd und das Heer ob; der jüngste Sohn war, wie schon oben gesagt worden, nach mongolischen Gesetzen der Hüter des Herds und der Herden und nach des Vaters Tod der Erbe der ganzen Wirthschaft, wiewohl das Haupt der Familie und des Stammes stets der Erstgeborne blieb. Das mongolische Gesetz trennte also das Ansehen der Erstgeburt von dem Stammvermögen, indem die Stammherrschaft zwar dem Aeltesten, das Vermögen aber dem Jüngsten des Hauses zuerkannt ward. In diesem Sinne sollte Dschudschi, der älteste der vier Söhne, dem Vater auf dem Throne gefolgt sein, aber mit demselben unzufrieden, besonders seitdem er nicht auf dem letzten Kurultai zur grossen Jagd erschienen, sprach Tschengischan's letzter Wille die Thronfolge dem dritten Sohne, Ogotai, das Stammvermögen aber, das ist die grösste Macht des Heeres, dem jüngsten Sohne, Tuli, zu. Von hundert neun und zwanzig Toman, d. i. hundert neun und zwanzigtausend Mann, aus welchen das Heer bei Tschengischan's Tod bestand, hinterliess er hundert ein Tausend dem Tuli, jedem der vier anderen: Dschudschi, Dschagatai, Ogotai, Gulgan, nur viertausend; den rechten Flügel über acht und dreissigtausend Mann befehligte der erste der neun Orlöke, der treue Freund und Waffengefährte Bughurdschi; den linken von zwei und sechzigtausend Mann der Eroberer China's, der Kojank Mokli der Dschelaire, welchem drei Hesare, d. i. dreitausend Mann Dschelairen als ein Leibregiment überlassen worden; fünftausend seinem jüngsten Bruder Utdschigin, dreitausend seinem Bruder Katschiun und eben so viele seiner Mutter Ulun, tausend dem Sohne des Bruders Dschudschi Kasar's. Diese Truppen erbten in den Familien fort. Als Tschengischan sein Testament machte, liess er aus den Archiven den Familienpact holen, welchem noch das goldene Siegel seines Vorfahren Tumenai aufgedrückt war und welchem die folgenden Ahnen, nämlich: Kabulchan, der Urgrossvater, Bertan Behadir, der Grossvater, und Jisukai, der Vater Tschengischan's, ihre Unterschriften beigesetzt hatten[71]; er zeigte diese Familienurkunde, vermöge welcher der letzte Wille des Herrschers als Gesetz geachtet werden musste, den Söhnen, befahl ihnen, den Bruder Ogotai als Herrn anzuerkennen, und empfahl die Leitung der Reichsgeschäfte dem Vetter Karadschar Nujan, dem Sohne seines Oheims, dem Ahnherrn Timur's. Ogotai erhielt das Reich als oberster Herrscher, Tuli das Stammgebiet am Onon und Kerulon und die östlichen Länder. Dem Uluse Dschudschi's, der kurz vor dem Vater verstorben, ward der Besitz von Kipdschak erhalten; Dschagatai's Antheil waren die Länder der Uighuren, die kleine und grosse Bucharei, die Länder am Ili und zwischen dem Dschihun und Sihun (Oxus und Jaxartes), welchen, sowie der türkischen Mundart der Uighuren, der Name der Dschagataischen verblieb.
Der Familienvertrag zu Karadscha.
Der Familienvertrag der Familie Tschengischan's sowohl, als der grosse Einfluss Karadschar's als Leiter, Rath und Orakel der tschengisischen Familie ist bisher von keinem europäischen Schreiber mongolischer Geschichten gehörig ins Auge gefasst worden; selbst die soeben angeführte Stelle Mirchuand's über den Familienvertrag ist unberücksichtigt geblieben. Das seit kurzem erst in englischer Uebersetzung bekannt gewordene treffliche Werk des Stammbaums der Türken, welches den Kern der Geschichte der vier Uluse von Ulugbeg enthält, gibt darüber sowohl, als über Karadschar's Einfluss und Ansehen umständlichen Bericht; wir lernen daraus, dass dieser Familienvertrag Temghai Tumenaichan, d. i. das Insiegel Tuminechan's, hiess, und also schon vom Ururgrossvater Tschengischan's datirt. Diesen Familienvertrag liess Tschengischan auf seinem Sterbebette holen und führte seinen Söhnen zu Gemüthe, dass er sowohl, als Karadschar, denselben immer genau beobachtet hätten. Karadscharchan erscheint also schon hier als das Haupt eines Zweiges der Familie Tschengischan's, welches im Namen derselben mit Tschengischan einen Familienvertrag eingegangen oder vielmehr den erneute, welchen der Ahnherr Tumenaichan zwischen seinen Söhnen Kabulchan und Katschulai geschlossen und welchen später Jisukai und Temudschin bestätigt hatten; mehr als einmal erwähnt desselben die Geschichte des Stammbaums; sie erwähnt desselben unter der Regierung Tewa's, des eilften Chan's der Familie Dschaghatai, als des zwischen Karadschar Nujan und Tschengischan geschlossenen Familienvertrags, und abermals unter der Regierung von Sijurghurtmisch, dem zwei und dreissigsten Chane des Uluses Dschaghatai[72]; dieser Familienvertrag des tschengisischen Hauses, welcher zuerst von Tumenaichan, dem vierten Ahnherrn Tschengischan's, zwischen seinen beiden Söhnen Kabul und Katschulai aufgerichtet, von seinem Urenkel Jisukai bestätigt worden, ward von seinem Ururenkel Tschengischan mit Karadschar erneuert und blieb bis zu dem letzten Chane des Uluses Dschaghatai, von Tumenaichan bis auf die Zeit Timur's, d. i. durch dreihundert Jahre, aufrecht. Karadschar Nujan hätte zweifelsohne den Thron, wenigstens im Uluse Dschaghatai, für sich selbst behaupten können, aber er wollte lieber denselben verleihen, als selbst einnehmen; so erhob er einige Jahre nach dem Tode Dschaghatai's statt eines Sohnes den Enkel desselben, Kara Hulagu, auf den Thron, setzte denselben zwar auf die Vorstellung des Grosschan's Gajuk ab und einen Sohn Dschaghatai's als Chan, dann aber, als dieser gestorben, den Kara Hulagu zum zweitenmal als Chan des Uluses Dschaghatai ein.[73] Karadschar war der Sohn Emir Songhur Tschitschan's, der Enkel Emir Irdümdschi's, der Urenkel Emir Kadschulai's, des Sohnes Tumenai's und also der Vetter Tschengischan's im dritten Grade, indem ihre Urgrossväter Brüder waren. Warum Tumenai, da ihre Urgrossväter Kabul und Katschulai Brüder, warum Tumenai, welcher acht Söhne hatte, den Hausvertrag der Herrschaft nur unter den beiden obgenannten abschloss, erhellt nicht aus den bisher bekannten Quellen mongolischer Geschichte; wahrscheinlich weil Katschulai dem Kabulchan die Nachfolge streitig machte. Nach den vier durch die vier Söhne Tschengischan's begründeten Ulusen war das Haus Karadschar's das mächtigste des tschengisischen Stammes und Herrschaft und Welteroberung gingen auf den Nachkömmling Karadschar's im fünften Grade, auf Timur Gurgan, über.[74] Der Stamm des Hauses Karadschar's war der der Berla's.[75] Karadschar, der Rath Tschengischan's und seiner Söhne Ogotai und Dschaghatai, starb bald, nachdem er den Kara Hulagu, den Enkel Dschaghatai's, zum zweitenmale auf den Thron gesetzt, acht und neunzig Jahre alt[76], und hinterliess zehn Söhne, deren ältester, Itschel, der Ururgrossvater Timur Gurgan's.[77]
Charakter und Sitten der Mongolen.
Ehe wir von Tschengischan zur Geschichte seiner Nachfolger, Herrscher der Mongolen, übergehen, nur noch ein Paar Worte über den Charakter und die Sitten des Volkes. Die beste und kürzeste Schilderung derselben liegt im Namen Mongol selbst, sei es, dass derselbe, wie die persischen Quellen sagen, trübe und traurig, sei es, dass er, wie ein mongolischer Geschichtschreiber behauptet, trotzig und unerschrocken bedeute. Es hat mit dem Namen der Mongolen dieselbe Bewandtniss, wie mit dem der Slaven, welchen die Fremden von Slavo: schwach und feige, die Eingebornen von Slaba: Ruhm und Glanz, abgeleitet haben; wie dem auch sei, der Charakter der Mongolen entspricht der doppelten Angabe der Bedeutung ihres Namens, sie sind eben so ein trübes und trauriges, als trotziges und unerschrockenes Volk. Die Traurigkeit und Schwermuth spricht sich schon in den Klaggesängen, welche vom mongolischen Geschichtschreiber Ssetsen aus der ältesten Zeit her erhalten sind, in der wehmüthigen Sehnsucht nach den Ufern des Onon und Kerulon, sowie in den Volksliedern der heutigen Mongolen aus; ihre Tapferkeit hat sich Asien unterworfen und Europa zittern gemacht, ein trauriges barbarisches Volk, das erst Tschengischan durch das Beil und die Prügel gesittigt, und das durch Raubsucht und angeborenen Sklavensinn das tüchtigste Werkzeug zur Welteroberung; „sie hatten das Herz des Löwen, die Geduld der Hunde, die Behutsamkeit des Kranichs, die List des Fuchses, die Vorsicht des Raben, die Raubsucht des Wolfes, die Heftigkeit der Hahnen, für Familie sorgend wie Hühner, die Ruhe der Katzen, die Heftigkeit im Anfall vom Schweine“, welche Eigenschaften der Morgenländer dem vollkommenen Krieger insgemein beilegt[78]; man könnte aber auch sagen, dass sie alle Eigenschaften der zwölf Thiere ihres Jahrescyclus in sich vereinten, dass sie diebisch wie Mäuse, stark wie Stiere, raubsüchtig wie Panther, vorsichtig wie Hasen, listig wie Schlangen, schrecklich wie Drachen, muthige Renner wie Pferde, folgsam wie Schafe, kinderliebend wie Affen, familiensorgsam wie Hühner, treu wie Hunde, unrein wie Schweine; der Cyclus ihres Jahres war das Sinnbild ihres sittlichen Gesichtskreises. Mittler Statur, breit von Schultern, stark vom Rücken, hervorragender Brust und eingezogenen Bauchs, von grauen und braunen Augen, die aus schiefen Winkeln hervorglotzen, von breiten olivenfarbenen Wangen, Stumpfnasen, dicken Lippen, spärlichen Barthaaren, aber wucherndem Haarwuchse auf dem Kopfe, dessen Vordertheil vom Scheitel bis zu den Ohren hufeisenförmig geschoren; leicht, flink, mit ihren Pferden wie Centauren zusammengewachsen; gewandte Bogenschützen, wie einst die Parther, nie gefährlicher als im Fliehen, mit Kampf und Beute gesättigt noch immer nach Kampf und Beute durstend, undankbar, schmutzig, grob, raubsüchtig, grausam, aber leibeigen, wahrheitsliebend, prunkhassend, tapfer und blindlings gehorsam, Niemand war ihnen Freund, aber sie hassten der Denuncianten scheussliche Brut. Ihre Nahrung: Hirse, Haiden und Fleisch von allen Arten, am liebsten das des Pferdes, aber auch Mäuse, Hunde, Katzen und sogar gebratenes Menschenfleisch; das Fett leckten sie von den Fingern und schmierten damit ihre Stiefel. Ihr liebstes Getränke: Stutenmilch sammt dem daraus gezogenen, gegohrnen, berauschenden Kumis und Meth; ihre Kleider aus Thierfellen genäht, ihre Waffen aus Eisen geschmiedet, ihre Kopfbedeckung eine dreieckige, am Rande verbrämte Mütze, der sogenannte tatarische Hut, die der Frauen eine ellenhohe Pyramide aus leichtem Holz, deren Obertheil mit Pfauenfedern und Juwelen geschmückt, mit einem Flore bedeckt, welcher Baghtak hiess, woraus die Missionäre Botta, die Venezianer Bauta gemacht. Die Weiber, deren grösste Schönheit die kleinste Nase, wie bei den Chinesen der kleinste Fuss, bereiteten den Kumis und die getrocknete sauere Milch, welche Kurut[79] hiess; sie verfertigten alle Arten der Hausgeräthe, Kleider, Zelte, Reitzeug, Schilde, Schuhe, Socken, Betten, die vermählten mit weissem, bis auf die Brust reichenden Schleier verhüllt, ihre ledernen aufgeschlagenen Oberkleider hielt ein Gürtel um die Brust zusammen. Die Frauen, deren Zahl nur durch die Lust des Mannes oder durch seine Mittel, sie zu erhalten, beschränkt war, genossen grossen Ansehens und Einflusses, besonders die Mütter und die Stiefmütter, deren der Sohn nach des Vaters Tod gewöhnlich sich einige als Gemahlinnen aneignete. Sie glaubten, dass der Mann in jenem Leben seine Weiber wieder finde, aber damit der Herrscher bis zu ihrem Hinscheiden im anderen Leben nicht langweile, sandten sie ihm seine Beischläferinnen, dieselben schlachtend, ins Grab nach.
Aberglaube und Gebräuche.