Esther suchte es ihm auszureden, endlich sagte sie: „Bedenk Er sich wohl! Wenn Er sich allzusehr vor ihr fürchtet, so heirate Er mich nicht. Mir ist es einerlei, ich tue es nur, um Ihn aus dem Elend zu retten; das bedenk Er sich und geh Er und laß Er mich allein.“ Der Verlobte ging. Kaum war er fort, so stand Esther mit Mühe auf, erschrak, als sie sich im Spiegel erblickte, und rang die Hände.

Der Majoratsherr beschaute den schmalen Raum, der sie trennte; er glaubte sie trösten zu müssen. Aber ehe er entschlossen, ob er sich einem kühnen Sprunge hingeben oder durch ein Brett beide Fenster in aller Sicherheit vereinigen könnte, hörte er, wie alle Abende, einen Schuß, und es überfiel der gesellige Wahnsinn die schöne Esther schon wieder. Sie schlüpfte mit Eile in ein kurzes Ballkleid und warf darüber einen feuerfarbenen Maskenmantel, nahm auch eine Maske vor, und so erwartete sie die übrigen Masken zu dem Balle. Es ging wie am vorigen Tage, nur viel wilder. Groteske Verkleidungen, Teufel, Schornsteinfeger, Ritter, große Hähne schnarrten und schrien in allen Sprachen, er sah die Gestalten, sowie ihre Stimme sie belebte. Sie war schlagend witzig gegen alle Angriffe, die sie sich selbst machte, und scheute in diesen Spottreden keine ihrer Schwächen, die sie je gehabt hatte; aber sie wußte auch von allem die beste Seite zu zeigen. Nur einer Maske wußte sie nichts zu antworten, die ihr vorwarf, so nahe ihrer Hochzeit solchen Leichtsinn zu treiben. „Nennen Sie dieses Almosen, das ich dem armen Jungen reiche, keine Hochzeit. Ich bin verlassen; der Majoratsherr wird sich immerdar zu lange in Unschlüssigkeit bedenken, ehe er etwas für mich tut, meine Pulse schlagen bald die letzte Stunde, kurz David tanzte vor der Bundeslade, und ich tanze dem höheren Bunde entgegen.“ Bei diesen Worten ergriff sie die Maske und raste einen schnellen Walzer, welchem Beispiel die anderen Masken folgten, während ihr Mund mit seltener Fertigkeit Violinen, Bässe, Hoboen und Waldhörner tanzend nachzuahmen wußte.

Kaum war dieser allgemeine Tanz beendet, so wurde sie angefleht, die Fandango zu tanzen. Sie warf die Maske und auch das Ballkleid von sich, ergriff die Kastagnetten und tanzte mit einer Zierlichkeit den zierlichsten Tanz, daß dem Majoratsherrn alle anderen Gedanken in Wonne des Anschauens untergingen. Als ihr nun alle für diese Kunst ihren Dank zollten und sie nur mit Mühe wieder zu Atem kam, sah sie mit Schrecken einen kleinen Mann eintreten, den auch der Majoratsherr, sobald sie ihn genannt, in einer sehr abgetragenen Maske die Herren begrüßen sah. „Gott, das ist mein armer Bräutigam,“ sagte sie, „der will mit seinen Kunststücken Geld verdienen.“ Diese armselige Maske trug einen kleinen Tisch und Stuhl auf dem Rücken, empfahl seine Kunststücke, ließ einen Teller umhergehen, um für sich einzusammeln, und eröffnete den Schauplatz mit sehr geschickten Kartenkünsten; dann brachte er Becher, Ringe, Beutel, Leuchter und ähnliche Schnurrpfeifereien vor, mit denen er das größte Entzücken in der ganzen Gesellschaft erregte. Zuletzt sprang er in einem leichten, weißen Anzuge, doch wieder maskiert, wie eine Seele aus dem schmutzigen Maskenmantel heraus und versicherte, mit seinem Körper seltsame Kunststücke machen zu wollen, legte sich auf den Bauch und drehte sich wie ein angestochener Käfer umher. Aber Esther faßte einen so gräßlichen Widerwillen gegen ihn in dieser Verzerrung, daß sie mit zugehaltenen Augen in Krämpfen auf ihr Bett stürzte. Im Augenblicke waren dem Majoratsherrn alle Gestalten verschwunden; er sah die Geliebte, die Unterdrückte im schrecklichsten Leiden verlassen; er beschloß, zu ihr zu eilen. Er sprang die Treppe hinunter; aber er fehlte die Tür und trat in ein Zimmer, das er nie betreten. Und ihm und seiner Laterne entgegen drängten sich ungeheure gefiederte Gestalten, denen rote Nasen wie Nachtmützen über die Schnäbel hingen. Er flieht zurück und steigt zum Dache empor, indem er sein Zimmer sucht.

Er blickt umher in dem Raume, und still umsitzen ihn heilige Gestalten, fromme Symbole, weiße Tauben; und das Gefühl, wie er zwischen Himmel und Hölle wohne, und die Sehnsucht nach dem himmlischen Frieden, dessen Sinnbilder ihn umgaben, stillte wie Öl die Sturmeswellen, die ihn durchbebten, und eine Ahnung, daß er ihm nahe, daß es seiner auf Erden nicht mehr bedürfe, drängte seine aufglimmende Tätigkeit für Esther wieder zurück.

Doch diesem höheren Traum stellte sich die Wirklichkeit mit spitzer Nachtmütze, einem bunten Band darum gebunden, eine Brille auf der roten Nase, einen japanischen, bunten Schlafrock am Leibe, mit bloßem Schwerte entgegen; natürlich der Vetter, der, von dem Geräusch im Hause erwacht, den Majoratsherrn mit den Worten begrüßte: „Sind Sie es, lieber Vetter, oder Ihr Geist?“ — „Mein Geist,“ antwortete der Majoratsherr verlegen, „denn kaum weiß ich, wie ich hier unter die Engel versetzt bin.“ — „Kommen Sie in Ihr Zimmer zurück,“ entgegnete der Vetter, „sonst verlassen die Tauben ihre Eier; meine Puthähne unten wollen sich ohnehin nicht zufrieden geben, Sie waren gewiß auch dort, ich konnte mir dieses Treppensteigen, den Lärm bei den Tieren nicht anders erklären, als daß ein Dieb von der Judengasse eingestiegen sei. Nun ist es mir nur lieb, daß Sie es sind. Vielleicht etwas mondsüchtig, lieber Vetter? Das weiß ich zu kurieren.“ — Unter solchen Gesprächen führte er den Majoratsherrn in sein Zimmer zurück. Dieser aber faßte den Entschluß, dem Vetter zu erzählen, daß er Esther in Krämpfen ganz verlassen aus seinem Fenster gesehen habe, und daß er in der Eil’, ihr zu Hilfe zu kommen, die Türen verfehlt habe. — „Welch ein Glück,“ rief der Vetter, „denn wenn die Türe der Gasse offen gewesen, Sie wären nicht ohne Unglück oder Schimpf hinausgekommen.“ — Der Majoratsherr war an das Fenster gegangen und sagte: „Sie scheint jetzt zu schlummern, der schreckliche Anfall ist vorüber.“

Der Leutnant erzählte aber weiter: „Vor einem Jahre hätten Sie die Esther sehen sollen, da war sie schön; da kam der Sohn eines Regimentskameraden vom Lande hieher unter die Dragoner. Er war das einzige Gut der Mutter, seitdem der Vater in einem Scharmützel geblieben; denn die sind oft gefährlicher als die großen Schlachten. Ich sah es, wie sie ihm das letzte Hemde zu seiner Equipierung nähte; sie dachte nicht, daß es sein Sterbehemde werden sollte. Aber der Mensch war unbesonnen, ich sah es ihm gleich beim Reiten an: er wollte immer Kunststücke auf den Straßen machen und dachte nicht daran, daß da Leute neben ihm gingen. Genug, der verliebt sich in die schöne Esther, und sie in ihn, und mein junger Herr will abends zu ihr schleichen, und wie die armen Juden außer ihrer Gasse mißhandelt werden, so meinen sie die Christen drinnen auch mißhandeln zu können, und fallen über ihn her, — besonders die alte Vasthi, die hätte ihn fast erwürgt. Die Sache ward laut, die Offiziere wollten nicht mit dem jungen Fähndrich weiter dienen. Er kam zu mir: was er tun sollte? Ich sagte ihm: schießt Euch tot, weiter ist nichts zu tun. Und der Mensch nimmt das Wort buchstäblich und schießt sich tot. Da hatte ich Mühe, es der Mutter auf gute Art beizubringen. Die Esther aber bekommt seitdem abends um die Zeit, wo er sich erschossen, einen Eindruck, als ob ein Pistolenschuß in der Nähe fiele, — andre hören es nicht, — und dann ein Anfall von Reden, Tanzen, daß kein Mensch aus ihr klug wird; und die andern im Hause lassen sie allein und scheuen sich vor ihr!“ — Entsetzt von dem kaltblütigen Vortrage rief der Majoratsherr: „Welche Klüfte trennen die arme Menschheit, die sich immer nach Vereinigung liebend sehnt! Wie hoch muß ihre Bestimmung sein, daß sie solcher Fundamente bedarf, daß solche Opfer von der ewigen Liebe gefordert werden, solche Zeichen, — die, mehr als Wunder, die Wahrheit der heiligen Geschichte bewähren? O, sie sind alle wahr, die heiligen Geschichten aller Völker!“ — Nach einer Pause fragte er: „Ist denn die Vasthi wirklich der Würgengel? Die Leute sagen, daß sie den Sterbenden den Todesdruck gebe.“ — „Wenn das der Fall ist,“ sagte der Vetter, „so ist es Milde, daß sie nicht lebend begraben werden, weil ein törichtes Gesetz gebietet, die Toten nach dreien Stunden aus dem Hause zu schaffen.“ Es habe ihm ein Arzt versichert, daß er deswegen einem, der an Krämpfen gelitten, schwören mußte, bei ihm zu bleiben, daß er nicht erstickt würde, wenn man ihn für tot hielte. Und da sah er, wie die Verwandten ihn verlegen bereden wollten, fortzugehen, der Tote sei tot; aber er blieb und rettete das Leben des Erstarrten, der ihm noch lange dankte. Da sollte die Obrigkeit ein Einsehen haben und das frühe Beerdigen verbieten. „Aber lassen Sie uns von angenehmeren Dingen reden,“ fuhr der Vetter fort. „Ich habe Ihnen vielen Dank zu sagen, Sie haben mein Glück gemacht. Meine vortreffliche Herzens- und Hofdame fühlt eine so gütige, mütterliche Zärtlichkeit gegen Sie, daß sie mir die seit dreißig Jahren versagte Hand reichen will, insofern ich Sie verpflichten kann, als ein geliebter Sohn in ihrer Nähe zu bleiben und unser nahendes Alter zu unterstützen. Da Sie nun, lieber Vetter, Ihr ganzes äußeres Dasein mit der Verwaltung des Majorats mir übertragen haben, ich auch aus der näheren Kenntnis der Verhandlungen ersehe, daß Sie viel zu abstrakt in Ihren Studien sind, um Ihrem Vermögen selbst vorstehen zu können, so habe ich, gleichsam als Ihr natürlicher Vormund, Ihr Wort dazu gegeben.“