Bella lachte nicht des Bemühens im Kleinen, dies Bild ihr ähnlich zu schaffen. Die gutmütige Bella fühlte Mitleiden; sie bat, diese öffentliche Versammlung zu endigen, denn sie müsse sich endlich doch sein Unglück wieder selbst vorwerfen, denn ihr Vorwitz habe ihn aus dem ruhigen Schoß der Erde gerufen. "Den Kuckuck mag's da ruhig gewesen sein", sagte der Kleine, indem er sich aus Widerspruchgeist verschnappte, "die Maulwürfe, die Reitwürmer, die Ameisen haben mich da noch viel ärger geschoren als ihr alle zusammen."

Chievres sagte, daß diese Anerkennung hinreiche, und verließ mit den übrigen Herren vom Hofe das Zimmer. Der Erzherzog klopfte nun dem Kleinen auf die Schulter und sagte ihm: er möchte jetzt an den Unterschied, welchen die Geburt, die ihn aus einer Wurzel, Bella aus einem Fürstenstamme hervorgehen lassen, mit ernstem Gemüte denken; eigentlich der Mann von Bella zu sein, wäre ihm nun unmöglich, denn wie in der Bibel stände: und der Mann soll dein Herr sein, so würde das Volk, das ihr gehorchte, ihn nie an ihrer Seite dulden; was aber möglich wäre und schon viel wert, er sollte ihr an der linken Hand angetraut werden und mit ihr in einem Hause unter dem Titel ihres Feldmarschalls wohnen, doch von Tisch und Bett geschieden sein; nur müßte er geloben, um sich dieser Auszeichnung würdig zu machen, mit unermüdlichem Fleiße alle verborgenen Schätze aufzusuchen und ihm, als dem Schützer des künftigen Zigeunerreichs, zu überliefern.

Der Kleine besann sich, endlich rief er: "Bravo, so ist's mir ganz recht, und ich möchte Eurer Hoheit um den Hals fallen, wenn Sie nicht so groß wären. Habe ich mein eignes Schlafzimmer, so werde ich ruhig liegen; ich weiß so nicht, wozu das Schlafen soll. Meine verlorene Frau, wenn es diese nicht ist, ließ mir keine Ruhe und hat mir ein Paar ganz neue Augen gekostet, die ich noch im Nacken sitzen hatte und mit denen ich voraussehen konnte, wenn ich sie vorzubringen vermochte. Das Zusammenessen hat mir auch bei meiner vorigen Frau, wenn es diese nicht ist, niemals sonderlich behagt: ich mochte schreien, soviel ich wollte, sie nahm die besten Stücke, und wenn ich nicht ruhig sein wollte, schlug sie mir mit den heißen Knochen, item mit dem Suppenlöffel ins Gesicht."

Als Bella sich dem Vorschlage ebenfalls gefügt hatte, so schickte der Erzherzog zu demselben Pfarrer, der den Alraun schon einmal getraut hatte, und ließ drohen, ihn bei Wasser und Brot wegen der heimlich vollzogenen Einsegnung gefangen zu setzen, wenn er eine zweite feierliche Einsegnung zu verrichten sich weigerte. Die arme Seele war zu allem bereit, und abends in einer Versammlung von wenigen Vertrauten des Erzherzogs wurde die Vermählung an der linken Hand gefeiert, welche sowohl die untergeordneten Seelen, wie Braka, Cornelius Nepos und den geizigen Pfarrer, als auch die Häupter unsrer Geschichte, den Erzherzog und Bella, miteinander in ein ruhig begründetes Verhältnis zu setzen versprach. Doch Bella weinte während der Vermählungsfeier so heftig, so unwillkürlich, daß sie keine Einwilligung geben konnte; umsonst fragte Karl zärtlich nach der Ursache ihrer Tränen, aber sie wußte keine, als daß ihr eine kleine Katze eingefallen, die sie einmal des Alrauns wegen ersäuft hatte: diese Sünde hätte sie vergessen zu beichten. Da sie keine Einwendung gegen diese Hochzeitzeremonien machte, so wurde die Hochzeit als beendigt angesehen, und der Kleine bezeigte noch an dem Abend seine Dankbarkeit gegen den Erzherzog, indem er aus einer zugemauerten Nische des Schlosses einen Schatz an Münzen und goldnen Ketten befreite, der über zweihundert Jahre darin geruht hatte.

Der Erzherzog, als er am Abende mit Bella allein war, fühlte sich ganz unerwartet durch die Erinnerung an die Golem Bella, wie sie in Erde zerfallen, so gestört, und Bella konnte die alte, ganz hingebende Vertraulichkeit so wenig in sich finden, daß beide froh waren, ihre Betten einander nicht so nahe wie in Buik gestellt zu sehen. Der Erzherzog versank in einen schönen Traum: es war ihm, als sähe er mit den prachtvollen Goldketten, die ihm der Alraun gefunden, die spanischen Großen, die selbst vor dem Könige mit bedecktem Haupte zu erscheinen wagten, zur Erde gedrückt; es war ihm, als könnte er viele tausend Soldaten mit diesen Ketten ziehen, und überall, wohin er mit ihnen zog, wurde ihm gehuldigt. Sein Nebenbuhler unterdessen, der doch aus einer Regung seines Blutes nicht schlafen konnte, fühlte sich wieder zu dem Leimen, der jetzt seines Wurzelherzens einziger Schatz geworden war, zurückgetrieben, und in der Begeisterung über sein Glück gelang es ihm diesmal besser: alles bildete sich unter seinen Händen so ähnlich, daß er entzückt den Besitz dieses selbstgeschaffnen Weibes jedem von Gott geschaffenen vorzog, das sich unmöglich den wunderlichen Gedanken eines solchen am Sonntage Quasimodogeniti gebornen fügen konnte. Bella aber genoß wohl in dieser Nacht des höchsten Glückes von allen, als ein wunderbarer Klang sie in der Mitternachtsstunde ans Fenster rief. Sie hörte die Sprache ihres Volkes, dessen zerstreute Führer, nachdem der Erzherzog ihnen eine Freiheit des Aufenthalts in den Niederlanden gewährt hatte, zu der anerkannten Fürstin ihres Volkes geeilt waren, sie mit einem Gesange nächtlich zu begrüßen, ihr Treue und Liebe bis in den Tod zu schwören. Wir wollen es versuchen, diese herzliche Begrüßung in einer Übersetzung wiederzugeben, nachdem wir vorher noch über die Einrichtung ihres Tanzes gesprochen haben. Sie hatten ihre Hände und Kleider mit einer Phosphorauflösung getränkt, die in jener Zeit nur ihnen bekannt war; sie leuchteten in Dampfwolken, und wo sie einander berührten oder aneinander strichen, wurde dies Leuchten zu einem hellen Glanze, der einige Zeit nachwährte und währenddessen der Gesang einfiel:

Gebüßt sind alle Sünden!
Wir steigen ans den Flammen
Und werden uns zusammen
Bei unsrer Fürstin finden;
Wir wecken die Schöne
Mit leisem Getöne,
Es klinget die Krone,
Vom Szepter berühret,
Der endlos regieret
Vom Vater zum Sohne
Im Herrschergeschlechte
Nach göttlichem Rechte.

Es füllt des Herbstes Odem
Das Aug' mit heißen Tränen,
Das Herz mit heil'gem Sehnen
Nach unsres Landes Boden.
Jetzt sinken die Wogen,
Die alles umzogen;
Die schaffende Stunde
Durchspielet die Felder,
und blühende Wälder
Entsteigen dem Grunde,
Und zahllose Kinder
Besingen den Winter.

Komm, Bella, führ die Deinen,
Wir schwören dir die Treue,
Komm, eil mit uns ins Freie,
Vom Schloß aus tote Steinen;
Wie schwarz sind die Mauern,
Da wohnet das Trauern,
Wie klirren die Waffen
Der lauernden Wachen;
Wie freundlich wird lachen
Des Morgens Erschaffen,
Wir folgen in Zuge
Den Vögeln im Fluge.

Wohl gehörte auch Bella zu einem Geschlechte der Zugvögel, die trotz aller zärtlichen Pflege und Liebe durch den Menschen, wenn sie die Stimme ihrer Brüder aus den Lüften vernehmen, nicht widerstehen können. Gibt es doch arme Völker am Eispol, denen die Freuden und Erfindungen unserer Zone kein Gefallen abgewinnen, und die beim Anblick eines Schwanes sich ins Wasser stürzen und mit ihm nach ihrer Heimat zu schwimmen wähnen; wieviel mächtiger wirkt die eigentümlich überlegene Natur in dem stolzen Herrschersinne nach, aus welchem Bella hervorgegangen. Sie war doch in Europa wie die fremde Blume, die sich nächtlich nur erschließt, weil dann in ihrer Heimat der Tag aufgeht. Ihre Sehnsucht, ihre Wehmut überströmten sie grenzenlos, sie konnte nicht bleiben und wußte doch nicht, warum; sie liebte den Erzherzog, wie sie ihn jemals geliebt, aber sie fühlte, seit er eine andre wie sie geliebt, daß sie seine erste Liebe mit sich trüge in die Ferne, und erst jetzt gestand sie sich, daß diese scheinbare Vermählung, so wenig dabei die Reinheit ihrer Sitte leiden konnte, sie tief gekränkt habe, weil ihr Karls Gesinnung, sich nicht heilig und ewiglich, wie ihr fürstlicher Sinn gemeint, mit ihr zu vermählen, deutlich daraus hervorgegangen sei. Was galt ihr seine Klugheit, wie er den Reichtum sich verbinden und benutzen wollte; sie kannte nur die Herrlichkeit der Armut, die alles besitzt, weil sie alles verschmähen kann: sie kannte nur ihr Volk, das jede Bezahlung von ihren Herrschern verschmähte und jede Tat für sie als schönsten Gewinn achtete. Sie nahete sich im innern Kampfe dem Bette des Erzherzogs, sie küßte ihn; wäre er erwacht, sie hätte nicht von ihm lassen können; aber er stieß sie im Schlaf von sich: ihm träumte, als ob die goldne Kette, worin er die Völker führte, ihm selbst, der sie hielt, immer enger sich um den Fuß wickelte, daß er dadurch zu fallen fürchtete; darum stieß er sie von sich. Sie aber fühlte das im bewegten Gemüte anders und sprang leicht aufs Fenster und zu den Ihren herab, ohne zu denken, ob ihr Sprung hoch oder nieder; aber das Glück ihres Volkes wollte sie unverletzt erhalten. Ihre Zimmer waren im ersten Geschoß, und der fahrende Schüler, den seine Liebe und Traurigkeit, nachdem er sie im Schlosse erkannt, des Nachts unter ihr Fenster getrieben, fing sie in seinen Armen auf. Die Zigeuner erkannten sie, setzten ihr die Krone auf, gaben den Szepter ihr in die Hand und zogen, ohne daß die Wachen etwas bemerkt hatten, stillschweigend mit ihr und dem fahrenden Schüler, daß er sie nicht verraten konnte, vors Tor, wo sie auf leichten Pferden, auf verborgenen Pfaden aller Nachforschung entgingen.

Als der Erzherzog aus dem bänglichen Schlusse seines Herrschertraumes zum Lichte aufwachte, das allen Träumen mit den kecken Worten entgegenzutreten scheint: ihr seid nicht wahr, denn ihr besteht nicht vor mir!—da meinte auch er, alles Traurige, was ihn bedroht, sei ein Hirngespinst gewesen. Wer spinnt aber im Innern unsres Hirnes? Der die Sterne im Gewölbe des Himmels in Gleichheit und Abwechselung bewegt! Der Schatz der Erzherzogs lag unversehrt vor dem Bette, er spielte leise damit, um Bella nicht zu erwecken. Aber der geschäftige Drang des Tages nahte immer tosender auf allen Straßen, und Bella erwachte immer noch nicht; er rief, er sah nach ihrem Bette, aber er fand sie nicht. Er durchlief ängstlich das Haus; aber Bella war nicht zu errufen. "Pflückt sie mir einen Blumenstrauß, unsern Morgen zu schmücken? Ist sie in der Frühmesse und dankt Gott für ihr Geschick?"