Die letzte Umwälzung im Osten und Nordosten des Tschadsees hat sich erst im 19. Jahrhundert vollzogen als Folge der Einwanderung eines arabischen Stammes, der Waled Soliman. Dieser hatte früher seine Weidegründe im Gebiete von Fezzan und in der Syrte am Mittelländischen Meere. Er scheint niemals besonders volkreich gewesen zu sein, soll sich aber durch rücksichtslose Tapferkeit ausgezeichnet haben. Die Lebensgewohnheiten der Waled Soliman, wie überhaupt der zahlreichen versprengten arabischen Stammesteile, die wir in Centralafrika finden, dürften von denen der Beduinen der arabischen Steppen wenig abweichen. Die Waled Soliman suchten vor allem ihre Kamelherden auf Kosten Anderer möglichst zu vergrössern, nur hin und wieder ernteten sie die Datteln, welche sie von Anderen bestellen liessen. Von den festen Ortschaften erhoben sie einen Tribut, meist in Waffen, Vieh, Getreide, Kleidungsstücken u. s. w. bestehend, als Gegenleistung für den Schutz, den sie den Einwohnern gegen anderweitige Feinde angedeihen liessen. Den Überfluss ihrer Kamele, Wolle u. s. w. brachten sie in den grossen Ortschaften der Umgegend auf den Markt.

Während der Regierung des kräftigen Jussuf Pascha von Tripolis, eines Zeitgenossen Muhammed Alis von Egypten, gerieten sie in Streit mit der Amtsgewalt. Die Folge war, dass der Stamm decimiert wurde und fast eine ganze Generation macht- und führerlos blieb. Nachdem die Waled Soliman, ebenso wie andere arabische Stämme in Tripolitanien gänzlich niedergeworfen waren, und die türkische Regierung in Fezzan sich stärker geltend machte, wurden mit den nunmehr unterworfenen Arabern türkischerseits mehrere grosse Züge nach dem Süden unternommen, die sich hauptsächlich nach dem zwischen dem Tschadsee und Wadai gelegenen Lande richteten, aber sich bis nach Baghirmi hin erstreckten. An mehreren dieser Züge nahm der Spross eines führenden Geschlechts, Abd el Djelil, teil, der schon als Knabe in die Hände Jussuf Paschas gefallen war und von ihm als Geisel erzogen wurde.

Inzwischen war eine neue Generation der Waled Soliman emporgekommen, und bald darauf entstanden wieder blutige Kämpfe mit der Regierung, bei welchen Abd el Djelil, der die Führung seines Stammes übernommen hatte, seinen Tod fand. Jetzt beschlossen die Waled Soliman, ihre frühere Heimat endgültig zu verlassen und nach jenen Gegenden in der Nachbarschaft des Tschadsees zu ziehen, welche sie auf ihren Kriegs- und Raubzügen kennen gelernt hatten. Hier befanden sich vortreffliche Kamelweiden, und die Palmenhaine Kanems boten genügend Datteln. In den 40er Jahren folgte ein Teilstamm der Waled Soliman dem anderen in dieses Gebiet. Sie nahmen den dortigen Bewohnern ihre Kamele ab und verdrängten sie nach Westen und Osten. Bald waren sie stark genug, in das Gebiet der Tuareg im Nordwesten des Tschadsees Einfälle zu machen und diesen zahlreiche Kamele zu entwenden. Die kriegerischen Tuareg sammelten sich jedoch zu einem gemeinsamen Zuge gegen die Waled Soliman, und überraschten sie im Jahre 1850. Wiederum wurde ein grosser Teil der waffenfähigen Männer getötet.

Aber die Zähigkeit, welche die Araber überall gezeigt haben, bewahrte sich auch hier. Der Sultan Omar von Bornu, dessen Oberhoheit sie nunmehr anerkannten, stattete sie mit neuen Waffen und Tieren aus, und trotz der Anfeindungen der umliegenden Stämme und insbesondere der Völkerschaften des westlichen Wadai erholten sie sich bald wieder. Während Barth in den 50er Jahren die Überzeugung aussprach, dass die Waled Soliman dem Untergange geweiht seien, fand Nachtigal sie in den 70er Jahren wieder als die unumschränkten Herren in Kanem und in Borku und im Gebiete zwischen dem Tschadsee und Wadai. Inzwischen haben sie von ihrer herrschenden Stellung doch manches eingebüsst. Andere arabische Stämme, darunter die Mahamid haben sich neben ihnen in dem allerdings genügend grossen Weidegebiete Raum schaffen können, und während sie in früherer Zeit in einer Art von Abhängigkeit Bornu gegenüber standen, hat ein ähnliches Verhältnis dem mehr und mehr erstarkenden Sultanate Wadai gegenüber Platz gegriffen.

4. Baghirmi.

Das Sultanat Baghirmi, dessen geographischer Bereich in früherer Zeit in zahlreiche kleinere Fürstentümer zerfiel, gehorcht erst seit dem Anfange des 16. Jahrhunderts einem einzigen Oberherrn; die damals zur Herrschaft gelangte Dynastie ist — abgesehen von der Rabeh’schen Episode — bis heute ununterbrochen an der Regierung geblieben. Schon zu jener Zeit wurde die Hauptstadt Massenja gegründet. Die Einwohner von Baghirmi lieben es, wie so viele andere innerafrikanische Völkerschaften, ihr Königshaus auf ein arabisches, aus Yemen stammendes Geschlecht zurückzuführen, es dürfte jedoch in Kenga oder Hirla, einige Tagereisen östlich des Schari, seinen Ursprung haben. In der Gegend von Massenja hatten sich früher eingewanderte Fulbe die Herrschaft über die dunkelfarbigen Ureinwohner anmassen können, waren aber dem östlich gelegenen Sultanate Bulala tributpflichtig gewesen.

Die neuen Einwanderer unter dem Sultan Birmi Bessi räumten mit der Herrschaft der Fulbe gründlich auf und behaupteten sich im Kampfe gegen die Bulala, die später ihrerseits den neuen Herren tributpflichtig wurden, in jüngster Zeit jedoch Vasallen von Wadai geworden sind. In Typus und Sprache gingen die Sieger in der Urbevölkerung auf. Schon frühzeitig, im 17. Jahrhundert, scheinen die Fürsten von Baghirmi Vasallen der Herren von Bornu geworden zu sein.

Das Reich Baghirmi hat seine Grenzen vielfach geändert, je nachdem die Könige von einer grösseren oder geringeren Anzahl kleiner Duodezfürsten mit Erfolg Tribut erheischen und ungestraft ihre Sklavenjagden in deren Gebieten ausüben konnten. Im Westen war die Grenze der Schari, im Norden der Tschadsee und das Ländergebiet von Kanem, im Süden war der am weitesten vorgeschobene Tributärstaat das grosse Völkergebiet der heidnischen Sarra oder Sarua, mit deren Fürsten die Könige von Baghirmi vielfach verwandtschaftliche Beziehungen anknüpften, wiewohl sie gerade hier hauptsächlich ihre Sklavenjagden ausübten.