Noch am selben Tage gegen Mittag setzte unser Schiff seine Reise fort. Dieses Mal blieben wir aber näher dem Ufer, und so konnte ich die Besichtigung der Insel Ceylon besser fortsetzen. Längs der ganzen Küste befinden sich weit in das Land hinein, soweit das Auge reicht, dichte Cocosnusspalmenwaldungen, die mitunter eine solche Dichtigkeit haben, dass ein Durchgehen oder Durchschliefen geradezu unmöglich erscheint. Am Südrande der Insel sah ich die Stadt Port de Galles, welche mit ihren vielen schönen Gebäuden landeinwärts auf dem Hange eines Berges liegt und einen reizenden Anblick gewährt. Da die ganze Insel keinen natürlichen Hafenplatz besitzt, so haben die Engländer, welche Eigenthümer der Insel sind, sowohl bei Colombo als auch bei Port de Galles Riesenbauten aufführen lassen, um dort künstliche Häfen zu schaffen. In Colombo war ich in der Tageszeit um netto 4 Stunden vor Wien voraus und um 4700 km südlicher als unsere Kaiserstadt.
In der Zeit vom 6. bis 9. März durchquerte die Marie Valerie den Indischen Ocean südlich vom Bengalischen Meerbusen und steuerte fortwährend im 6. Grade nördlicher Breite von der Südspitze der Insel Ceylon bis zur Nordspitze der Insel Sumatra. Dabei hatte der Dampfer sowohl die entgegenkommende Meeresströmung als auch den von Tag zu Tag sich stärker entwickelnden Nordostwind zu überwinden, wodurch die Fahrtgeschwindigkeit auch etwas vermindert wurde. Am 6. März legten wir in 24 Stunden 500 km, am 7. März 433 km, am 8. März 400 km und am 9. März wieder 440 km zurück.
Am 8. März war der Wind schon so stark, dass die Schaumperlen der Wellen hie und da bis auf das Deck geschleudert wurden, und dennoch machte sich die schaukelnde Bewegung dieses famos gebauten Schiffes kaum fühlbar. Dasselbe soll keinen Kiel an seinem Boden haben, sondern ganz flach sein, ein Umstand, der auch den grossen Vortheil mit sich bringt, dass die unteren Räume eine sehr grosse Ladung aufnehmen können. Der stärker blasende Wind verschaffte uns indess den Gewinn, dass die Temperatur, obgleich wir nur 6 Grade vom Aequator entfernt waren, sich ganz annehmbar anliess. Allerdings hatten wir noch 24° R., aber durch die heftige Bewegung der Luft wurde die Wirkung dieses Wärmegrades sehr abgeschwächt. Ausser der jetzt regelmässigen Führung meines Tagebuches beschäftigte ich mich in diesen Tagen viel mit der Lectüre des höchst interessanten und wissenschaftlich sehr gediegenen Werkes »Nippon« (zwei starke Bände), welches die Freiherren Alexander und Heinrich von Siebold aus dem Nachlasse ihres Vaters, des niederländisch-indischen Generalstabsobersten Philipp Freiherrn von Siebold, herausgegeben haben, und das mir einer der Söhne, welcher k. u. k. Legationsrath ist, zum Geschenke machte. Des Abends las ich kleine englische Romane, um mich in der Kenntniss der englischen Sprache zu verbessern.
Ganz nett war ein Bewegungsspiel, welches Nachmittags in der Zeit von 4 bis 6 Uhr auf dem Deck des Schiffes arrangirt wurde. Zum Zwecke dieses Spieles ist auf dem Fussboden des Deckes ein Rechteck mit 1·2 m und 1·4 m Seitenlängen in 12 Abtheilungen mit den nebenstehenden Ziffern in Kreide gezeichnet, ausserdem sind mehrere 1·8 m lange, dünne, runde Holzstöcke mit flachen, unten 10 cm breiten Ansätzen, sowie 12 hölzerne, mit Bleiplatten eingelassene Quadrate, 10 cm Seitenlänge und 1·8 cm Dicke, vorhanden. Sechs der Quadrate sind mit weisser, und sechs mit rother Farbe bestrichen. In einer Entfernung von 7·5 m vom gezeichneten Rechtecke ist der Anfangspunkt des Spieles bezeichnet, von welchem aus die kleinen Brettchen gegen die Figur geschoben werden. Es spielen zwei Personen, welche abwechselnd je mit einem Stosse ihre Brettchen so gut als möglich zu postiren, oder die gut placirten Brettchen des Gegners wegzuschieben, oder ihm oder auch sich selbst eine Barrière zu machen bestrebt sind. Sind beiderseits je die sechs Brettchen hinausgeschoben worden, so werden die Resultate jeder Person notirt, die Hölzchen zurückgenommen, und es beginnt die zweite Tour, wobei die Spieler abwechselnd anfangen. Steht ein Brettchen auf 0, so ist das Resultat für diese Tour für den betreffenden Spieler ebenfalls 0. Sieger ist Derjenige, welcher nach Schluss der Touren 51 Einheiten erreicht hat. Auf Deck ist dieses Spiel um so interessanter, als bei jedem Stosse die wechselnde Neigung des Schiffes in Erwägung gezogen werden muss.
An diesem Tage, um 10 Uhr Vormittags, als wir eben im 6. Grad nördlicher Breite und 90·5 Grad östlicher Länge waren, sahen wir ein grosses Segelschiff, einen Dreimaster, in der Richtung gegen Südafrika segeln. Als der Segler unseren Dampfer wahrgenommen hatte, gab er ein Flaggenzeichen und näherte sich unserem Schiffe. Der Brückenofficier erstattete hiervon sofort dem Schiffscapitän die Meldung, der auf der Brücke erschien, worauf mit dem Schiffsglase die Signalsprache entziffert wurde. Der Segler gab das Signal, dass er Däne sei und Enedika heisse, was der Capitän der Marie Valerie zum Zeichen, dass er verstanden wurde, durch das Hissen der österreichisch-ungarischen Flagge beantwortete. Hiernach gab das dänische Segelschiff noch das Signal, dass auf seinem Schiffe Alles wohl sei, was wir mit dem Aufziehen der Salutflagge erwiderten. Der Däne gab diesen Salut zurück, wendete die Richtung wieder nach Südafrika und setzte die Fahrt fort. Unser Schiff hatte in der Zwischenzeit natürlich seinen Lauf nicht unterbrochen. Der Capitän theilte mir späterhin mit, dass das Segelschiff die Signale gegeben habe, damit von ihm, dem Capitän, aus im nächsten Hafen der Ort und die Stunde des Antreffens dieses Seglers angegeben werde. Dies wird dann von dort aus in die Heimat telegraphirt, und auf diese Weise bleibt das Schiff in Evidenz. Der Segler mag etwa 2000 t Reis aufgeladen haben, um diese vermuthlich nach England, Schweden oder Dänemark zu bringen. Hierzu dürfte er aber, trotzdem er in Hinblick auf Meeresströmung und Windrichtung die richtige Zeit für die Fahrt gewählt hat, immerhin noch fünf Monate nöthig haben!
Am 9. März zur Mittagszeit nahmen wir zu beiden Seiten des Schiffes Land wahr, und zwar war es im Süden die den Holländern gehörige Insel Sumatra und im Norden eine Insel, die zur Nicobaren-Gruppe zählt und unter englischer Herrschaft steht. Später fuhren wir knapp am Nordrande von Sumatra vorbei und erblickten dichtbewaldete und tief zerklüftete Gebirgsketten ohne alle Spuren menschlicher Niederlassungen. Diese Gegenden sollen von Menschen bewohnt sein, die sich bisher noch jeder Civilisation entzogen haben, sich wie die Thiere im dichtesten Walde verbergen, und sogar noch zur Classe der Menschenfresser gehören.
Am 10. März durchquerte die Marie Valerie den nördlichen Eingang zur Meeresenge (Strasse) von Malakka und steuerte direct auf den Ort Penang oder Pinang an der langgestreckten Halbinsel von Malakka zu. Von dieser Halbinsel gehört der nördlichste Theil, anschliessend an Burma (Hinter-Indien), den Engländern, der mittlere Theil zum Königreiche Siam, und der südlichste Theil (Peninsula) wieder den Engländern. Die Stadt Penang oder Pinang liegt auf einer, England unterstehenden Insel, welche sich an der Grenzlinie zwischen dem englischen und siamesischen Besitze befindet.
Der König von Siam, Chulalonkorn, in seiner Hauptstadt Bangkok, ist wohl noch selbständig, sein Königreich ist aber einerseits von den Engländern, und andererseits von den Franzosen mit ihren im Osten liegenden Besitzungen Tonking, Annam und Cambadja (Küste Chochinchina) ganz umfasst, und so hat es den Anschein, dass die Unabhängigkeit des Königs Chulalonkorn nicht mehr von langer Dauer sein dürfte.
Der König machte vor mehreren Jahren eine Reise durch Europa und hat sich aus dieser Zeit eine besondere Vorliebe für Oesterreich bewahrt, die er mit Freuden manifestirt, wenn ihn Oesterreicher in Bangkok besuchen. Es wurde mir auch von verschiedenen Seiten dringend anempfohlen, von Singapore aus auf einige Zeit dorthin zu reisen, um dort wieder neue und höchst interessante Verhältnisse kennen zu lernen. Leider wird es mir aber nicht möglich sein, diese kleine Reise zu unternehmen, da das Dampfschiff in Singapore nur zwei Tage anhält, und das Benützen anderer Schiffe meine ganze Reiseroute zerstören würde.