Am 12. Mai. Unsere Fahrt geht langsam vorwärts. Wir machen kaum 10 Seemeilen = 18·5 km in der Stunde. Dies ist für mich recht verdriesslich, weil ich dadurch später nach Colombo gelangen werde und mich somit auf der herrlichen Insel Ceylon nicht lange werde aufhalten können. Ich habe nämlich, wie schon erwähnt, den Plan gefasst, von Colombo mit dem am 1. Juni von dort nach Port Said u. s. w. gehenden Dampfschiffe der Messagerie maritime nach diesem Ort zu fahren, weil ich dadurch dem zwischen 10. und 15. Juni im Indischen Ocean beginnenden Monsum entgehe. Die Stürme und der hohe Seegang während des Monsums sind wohl nicht so schwerwiegend, aber entsetzlich ist es, dass während der Monsumzeit der unaufhörlich dicht fallende Regen und die dadurch erzeugte nasse Luft bis in die Cabinen des Schiffes eindringt, dort die Kleider, die Wäsche, das Bettzeug u. s. w. durchfeuchtet, und dass man während dieser Zeit nicht ein Stück trocken erhalten kann. Abgesehen von dieser Unannehmlichkeit, entsteht dadurch auch das Verderben der in den Koffern verpackten Stoffe, ein Umstand, welcher mir vornehmlich wegen der gekauften Seidenwaaren sehr peinlich sein würde.

13. Mai. Seit zwei Tagen haben wir auf dem Schiffe eine Temperatur von mehr als 25° R. Wohl wurde diese Hitze durch zeitweilig eintretende Gewitter momentan etwas vermindert, doch leider nur für kurze Zeit, und bald darauf herrschte wieder die frühere Hitze. Das italienische Ehepaar ist wenig seetüchtig und erkrankte, wenn auch nur leicht, in Folge des Gewittersturmes, respective der dadurch erzeugten Schiffschwankungen.

Am 14. Mai (Sonntag) war das Wetter ruhig, leicht bewölkt und die Temperatur auf 23° R. herabgesunken. Ich befand mich demnach während des Tages sehr wohl, aber die Nacht in der Cabine war dennoch schwül, und so geht es in den Nächten ohne Schwitzbad nicht ab. Man gewöhnt sich aber daran und schlaft dennoch sehr gut.

Am 15. Mai machte ich an mir die Erfahrung, dass die Erhaltung der Gesundheit es erfordert, während des Tages unter der Wäsche ein Wolleibchen und eine Wollbinde zu tragen, denn als ich vor zwei Tagen der grossen Hitze halber diese weggegeben hatte und nur ein einfaches Wollhemd trug, fühlte ich an dem darauffolgenden Tage Schmerzen in der Kreuzgegend. Ein über die Nacht genommener Priessnitz-Umschlag und dann das Wiederanlegen der besagten Wollunterkleider behob sofort das Unwohlsein.

Aufenthalt in Singapore.

Den 16. Mai trafen wir in Singapore ein, also mit einem Tage Verspätung im Vergleiche zu dem officiell angegebenen Ankunftstage. Nach dem Anlangen des Schiffes in den Hafen kam der Hafenarzt auf den Dampfer zur Inspicirung des Gesundheitszustandes auf demselben und zur Feststellung, ob auf dem Schiffe keine ansteckenden Krankheiten vorgekommen sind. Diese Massregel muss in dem Hafen von Singapore mit um so grösserer Genauigkeit durchgeführt werden, als dort alle von Bombay und von Hongkong, also von den beiden pestinfiscirten Städten kommenden Schiffe anhalten, mithin Singapore der Ansteckungsgefahr sehr ausgesetzt ist.

Der von der Lloydgesellschaft auf dem Dampfer Marquis Bacquehem angestellte Arzt, ein vor kurzer Zeit promovirter Doctor, hatte die Pflicht, dem inspicirenden Arzt von Singapore die Aufklärung über den Gesundheitszustand auf dem Schiffe zu geben.

Während der Fahrt des Dampfers von Hongkong nach Singapore waren von den ganz kleinen Kindern, welche die Chinesen mit sich genommen hatten, zwei Kinder gestorben, da sie die Seereise und ganz geänderte Lebensweise nicht überstehen konnten. Ausserdem befand sich auf dem Schiffe ein Matrose, welcher seit vier oder fünf Tagen an geschwollenen Drüsen erkrankt war und ein Fieber mit 38 Grad Körperwärme hatte. Nun befürchtete der Lloydarzt darin gleich einen Pestfall. Ich machte ihn wohl darauf aufmerksam, dass nach meiner Erfahrung aus Bombay dort die Pestkranken binnen 24 Stunden dem Tode erlagen oder, und zwar in den allerseltensten Fällen, nach dieser Zeit der Genesung entgegen gingen. Der Lloydarzt hielt dessenungeachtet seine Befürchtung aufrecht und gab trotz meiner ihm dringlich gemachten Gegenvorstellung dem inspicirenden Arzt aus Singapore Kenntniss davon. Dieser Inspicirungsarzt war nicht Doctor, sondern Apotheker, hatte also selbst kein Urtheil in diesem Falle. Er nahm mithin die ihm vom Doctor gegebene Befürchtung in sich auf, weil er die Verpflichtung in sich fühlte, die Stadt Singapore vor der Gefahr einer Ansteckung zu beschützen. Obgleich bei der nachfolgenden Einzeluntersuchung aller Chinesen, der übrigen Passagiere und der ganzen Schiffsbemannung kein Pestkranker gefunden wurde, so erklärte der inspicirende Arzt dennoch den Dampfer Marquis Bacquehem bis auf Weiteres in Contumaz und ordnete an, dass sämmtliche Chinesen auf die zum Quarantaineplatz bestimmte Insel zu überführen seien. Da aber dieser Arzt doch einsah, dass diese Massregel nicht ganz gerechtfertigt war, so erlaubte er, dass die europäischen Passagiere nach Singapore fahren können.

Ich benützte diese Erlaubniss und fuhr gleich mit dem Arzte nach Singapore, besuchte dort den Honorar-Generalconsul v. Brandt und seinen Stellvertreter v. Pustau, später dann auch den Dr. Rasch, welcher auf dem Dampfschiffe Marie Valerie mit mir nach Singapore gefahren war und sich dort zur Uebernahme einer ärztlichen Praxis niedergelassen hatte. Daselbst empfand ich eine grosse Freude darüber, bei Dr. Rasch wahrzunehmen und es auch von ihm bestätigt zu hören, dass es ihm vorzüglich gut ergehe und er ausserordentlich viel zu thun habe. Da hat sich wieder die Initiative glänzend belohnt.

Den folgenden Tag, 17. Mai, kam der inspicirende Arzt Vormittag wieder auf unseren Dampfer und fand den erkrankten Matrosen, welcher nach der Meinung des Lloydarztes einen »leichten Pestanfall« haben sollte, schon ziemlich wohl. Da mag es dem Apotheker eingeleuchtet haben, dass die Diagnose des Doctors unrichtig war, aber er fand es dennoch angezeigt, die Contumaz nicht aufzuheben, sondern verfügte noch eine Untersuchung des Blutes von dem erkrankten Matrosen und nahm zu diesem Zwecke einige Tropfen Blut desselben mit sich. Die Contumaz unseres Schiffes hatte demnach noch wenigstens 24 Stunden zu währen.