Von Nordenskjölds Eisstaub oder Kryokonit sahen wir fast nichts an der Ostküste oder in der Nähe derselben. In der Nähe der Westküste dagegen fand ich ihn an mehreren Stellen bis zu 30 km vom Rande des Eises, es waren freilich stets nur geringe Mengen, was zum Theil der späten Jahreszeit zuzuschreiben ist, da die Wasserlöcher, in denen man den Kryokonit hauptsächlich zu finden pflegt, zugefroren waren. Von Moränenschlamm oder Steinen (erratischen Blöcken) bemerkten wir nirgendswo das Geringste auf dem Eise,[103] ausgenommen an der letzten kleinen Abschrägung an der Westküste, wo wir aufs Land hinabstiegen oder vielmehr an dem ersten kleinen Gewässer, also nur etwa hundert Ellen von dem alleräußersten Rand entfernt. Dies stimmt vollkommen mit den früher auf dem grönländischen Inlandseis gemachten Beobachtungen überein, widerspricht aber den Behauptungen, welche viele Geologen in Bezug auf die Gletscher der größeren Eisperioden aufstellen. Sie sind nämlich der Ansicht, daß diese großen Moränen auch Kies und Steinen auf ihrem Rücken mit sich fortgeführt haben, eine meiner Anschauung nach ganz absurde Behauptung, die kaum einer anderen Widerlegung bedarf als des Hinweises auf das grönländische Inlandseis. Die Auffassung, daß dies in Bezug hierauf nichts beweisen kann, da Grönland zu lange dem Scheuern des Eises ausgesetzt war, um noch erratisches Material von irgend welcher Bedeutung zu besitzen, ist ganz werthlos; denn selbst wenn man auch nicht wüßte, daß stets Wanderblöcke in die grönländischen Eisfjorde hinausgeschoben werden (was faktisch der Fall ist), so hat doch Niemand leugnen wollen, daß unablässig große Mengen Moränenschlamm mit den Bächen unter den Gletschern hervorkommen, und dies müßte doch jedenfalls an die Oberfläche der Gletscher hinaufgeführt werden, falls sich in ihrer Masse eine starke aufwärtssteigende Bewegung geltend machte wie man dies behauptet hat. — —
Meteorologische Beobachtungen.
In meteorologischer Beziehung hat die Expedition überraschende Resultate erzielt. Temperatur. Wie bereits erwähnt, fiel nach Prof. Mohns Berechnungen die Temperatur in einzelnen Nächten (12.-14. Sept.) vermuthlich bis auf −45° C., und die Durchschnittstemperatur der Tage vom 11.-16. Sept., als wir uns ungefähr mitten im Lande oder ein wenig westlich von dem Höhenrücken befanden, betrug −30° bis −34° C. Dies sind mindestens 20° weniger als man infolge der allgemein angenommenen Gesetze für des Fallen der Temperatur mit steigender Höhe annehmen sollte, indem man von der Durchschnittstemperatur an den nahegelegenen Küsten ausgeht.
Auf die Meeresfläche reduzirt, ist diese Temperatur ohne Frage die niedrigste, die auf unserer Erde im Monat September beobachtet worden ist. Eine der kältesten Durchschnittstemperaturen dieses Monats, die uns bekannt ist, ist −9° C. auf Grinnells Land. In dem mittleren Theil Grönlands beträgt die kälteste Durchschnittstemperatur für den September sicher nicht viel weniger als −30° C. (also ein Unterschied von ungefähr 20°). Auf die Meeresfläche reduzirt, kann diese Temperatur jedenfalls nicht höher werden als −13° C.
Es kann daher scheinen, als wenn wir in Grönlands Innerem, wie Prof. Mohn sich ausdrückt, den zweiten Kältepol der nördlichen Halbkugel gefunden haben. Und wahrscheinlich ist das Innere Grönlands einer der kältesten Orte auf der ganzen Erde.
Bei der Temperatur verdient noch ein anderes Verhältniß Beachtung, nämlich der große Unterschied zwischen Tag und Nacht. Im Innern des Landes betrug derselbe 20–25°, indem wir während der kältesten Zeit der Nacht dem Anschein nach bis −45° C. hatten, während die Temperatur am Tage bis auf ungefähr −20° C. stieg. Ein so bedeutender Unterschied trat jedoch nur ein, als das Wetter Tag und Nacht hindurch völlig klar war.
Die Meteorologen können sich schwerlich eine Vorstellung von der niedrigen Temperatur machen, die wir im Innern Grönlands fanden, sie bildet sozusagen ein neues Phänomen, es müssen Faktoren vorliegen, mit denen man noch nicht gerechnet hat. Ich glaube, daß die niedrige Temperatur, sowie der große Unterschied zwischen der Tag- und Nachttemperatur sich am besten auf folgende Weise erklären läßt:
Daß die Ausstrahlung von Schneeflächen größer ist als von Erd- oder Steinflächen, darüber sind sich mehrere Forscher einig, da sie ausfindig gemacht haben, daß die Temperatur über den ersteren des Nachts, besonders bei klarem Wetter, stärker sinkt.
Es kann befremdend erscheinen, daß dies der Fall ist, da wenig Grund zu der Annahme vorhanden ist, daß die weiße glatte Schneefläche eine größere Wärmeausstrahlung geben sollte, als die rauhe dunkle Erdoberfläche. Es widerspricht auch der allgemeinen Erfahrung. Wie jeder norwegische Bauer wissen wird, frieren die Moore nicht zu, selbst nicht in der stärksten Kälte, sobald sie mit Schnee bedeckt sind, er mag noch so dünn sein; dagegen würden sie bei derselben Temperatur bis auf den Grund ausfrieren, sobald der Schnee entfernt ist. Würde die Ausstrahlung wirklich durch die Schneeschicht befördert, so müßte auch das Gefrieren dadurch befördert werden, jedenfalls wenn die Schneedecke so dünn ist, daß die geringe Wärmeleitungskraft des Schnees keine große Rolle spielen kann.
Bei genauerer Erwägung muß es zweifellos erscheinen, daß die wirkliche Ausstrahlung der Erdoberfläche durch eine Schneedecke vermindert wird. Wenn es dagegen den Anschein hat, als ob sie erhöht wird, so hat dies seinen Grund in der schlechten Wärmeleitung des Schnees. In Schichten, welche gute Wärmeleiter sind, wird, selbst wenn die Ausstrahlung sehr stark ist, allmählich der Oberfläche Wärme von innen zugeführt werden, und auf die Weise werden folglich die Ausstrahlungen einen großen Wärmeverlust für die ganze Masse verursachen, während die Wärme auf der Oberfläche selbst nicht so sehr sinkt, wie sie es nothwendigerweise in Schichten thun müßte, die schlechte Wärmeleiter sind. Hier wird nämlich die Ausstrahlung im wesentlichen nur Bedeutung für die allerobersten Schichten haben, denn da nur wenig Wärme von innen zugeführt wird, kann die Temperatur auf der Oberfläche einigermaßen ungehindert sinken, während die Temperatur ein kleines Stück unter derselben bedeutend höher ist. Der Unterschied in dieser Beziehung zwischen schlechten und guten Wärmeleitern ist derselbe, wie zwischen schlechten Kleidern, die gute Wärmeleiter sind, und guten Kleidern, die schlechte Wärmeleiter sind. Die ersteren werden ihrem Träger einen größeren Wärmeverlust zuführen, während sie selber auf der Oberfläche wärmer sind, die letzteren werden einen geringen Wärmeverlust herbeiführen, selbst aber kalt auf ihrer Oberfläche sein.