Die beiden Letzteren haben interessante Messungen über die Gletschergeschwindigkeit in Nord-Grönland vorgenommen. Besonders verdienen der Erwähnung Ryders Messungen des Uperniviks-Gletschers, der sich im August des Jahres 1886 mit einer Schnelligkeit bis zu 31 m in 24 Stunden bewegte.
Im Jahre 1880 unternahm der schwedische Geolog Holst eine Reise in Süd-Grönland, auf welcher er das Inlandseis besuchte und kleine Wanderungen auf dasselbe von verschiedenen Punkten aus unternahm. Der Zweck dieser Reise war im wesentlichen eine Untersuchung des von Nordenskjöld zuerst beschriebenen Eisstaubes (Kryokonit), der nach Holsts Analyse aus denselben Bestandtheilen besteht wie die Küstenfelsen, weshalb er ihn für Staub hält, den die Winde von der Küste aus mit sich geführt haben.
Eine der hervorragendsten Expeditionen auf dem grönländischen Inlandseis ist Nordenskjölds Expedition im Jahre 1883. Nicht zufrieden mit seiner ersten Eiswanderung i. J. 1870, wollte dieser unermüdliche Polarforscher noch weiter vordringen, um dem Innern Grönlands seine merkwürdigsten Geheimnisse zu entreißen. Er war nämlich gleich Whymper auf den Gedanken gekommen, daß sich inmitten dieser „Sahara des Nordens“ wie er das Innere Grönlands benennt, schneefreie Oasen vorfinden müßten, ja er war nahe daran, es für möglich zu halten, daß diese gleich den nördlichen Landstrecken Sibiriens bewaldet seien. Wenn auch keine der früheren Expeditionen nach Osten zu an eine Grenze der Eiswüste gelangt war, so sprachen doch allerlei Umstände dafür, „daß es in den meisten Fällen eine physische Unmöglichkeit ist, daß das Innere eines weitgestreckten Kontinents völlig eisbedeckt ist, bei den klimatischen Verhältnissen, die südlich von dem 80° N. Br.[29] auf unserer Erde herrschen“, ja, „was das Innere Grönlands betrifft, so ist es leicht nachzuweisen, daß die für eine Gletscherbildung nothwendigen Bedingungen dort nicht herrschen können, wenn sich nicht die Oberfläche des Landes langsam von der Ost- und Westküste nach innen zu hebt und dessen über dem Meere belegener Theil infolgedessen die Form eines runden Kloßes hat mit langsam nach dem Meere zu abfallenden Seiten“.
Die Betrachtung, welche Nordenskjöld zu diesem überraschenden Schluß führte, war die Annahme, daß zu einer Gletscherbildung stets ein gewisser Grad von Niederschlägen erforderlich ist; dies ist aber im Innern Grönlands nicht möglich, da die sämtliche von dem umgebenden Meer stammende Luft, welche die Niederschläge mit sich führen müßte, erst ihren Weg über die hohen Küstenfelsen nehmen muß. Während sie aber an den Felswänden emporstieg, hat sie sich, unter dem niedrigeren Luftdruck in der Höhe abgekühlt und erweitert und infolge dessen den größten Theil ihrer Feuchtigkeit abgegeben. Durch dies Abgeben der Feuchtigkeit würde indessen die gebundene warme Luft frei und die Temperatur der Luft erhöht. Indem sie nun auf der anderen Seite der Küstenfelsen niederfiel, würde sie indessen, je nachdem sie in einen höheren Luftdruck hinabgelangte, mehr und mehr erwärmt und zwar in gleichem Grade, wie sie während des Aufsteigens abkühlte. So müßte sie denn zu den Thälern des Innern in Gestalt von trockenen, warmen Winden gelangen, die dem bekannten „Föhn“ der Schweiz gleichen. Die feuchten Seewinde müßten deswegen in Grönland ihre Feuchtigkeit „gewöhnlich in Form von Schnee an den Felsen längst der Küste absetzen, wogegen aller Wind, der in das Innere des Landes gelangt, sei es von Osten, Westen, Süden oder Norden, trocken und verhältnißmäßig warm sein muß, falls nicht das Land einen organischen Bau von ganz anderer Beschaffenheit hat als alle andern Länder des Erdballes“.
Diese Schlußfolgerung würde bis zu einem gewissen Grade berechtigt sein, falls es ein Land gäbe, das vollständig von Küstenfelsen umgeben wäre und ein verhältnißmäßig niedriges Innere hätte, aber ein solches, größeres Land läßt sich kaum denken, am wenigsten kann man erwarten, daß Grönland diesen Bau haben sollte. Ich muß mich im Gegentheil vollständig Nordenskjölds Ansicht anschließen, wenn er sagt, daß Grönlands geologische Beschaffenheit auf einen orographischen Bau gleich dem Skandinaviens hindeutet, mit andern Worten, daß das Land aus Bergrücken und Berggipfeln besteht, die mit tiefen Thälern und Ebenen abwechseln; dann aber müssen auch in Grönlands Innerm in Bezug auf die Niederschläge günstige Bedingungen zur Bildung des Inlandseises vorhanden sein; denn wo mangelte es wohl in Skandinavien an Feuchtigkeit, falls man nur die erforderliche Temperatur hätte? Es scheint, als habe der große Polarreisende vergessen, daß es noch heutzutage im Innern von Skandinavien kleine Gletscher giebt, daß sich auch in den Alpen und an vielen andern Stellen, fern vom Meere, solche finden, und vor allen Dingen, daß sie einst eine unendliche Ausdehnung gehabt und unter anderem ganz Nordeuropa bedeckt haben. Hierauf wird er möglicherweise antworten, daß er gerade diese Behauptung bestreitet, die Eisdecke sei damals in dem Innern der Länder nicht zusammenhängend gewesen. Die Kosten der Expedition, der damals nicht allein die Aufgabe gestellt war, in das Innere Grönlands einzudringen, sondern die unter anderem versuchen sollte, die Ostküste zu erreichen (vergleiche Kap. X.), wurden ebenso wie Nordenskjölds erste Expedition nach Grönland i. J. 1870 von dem bekannten schwedischen Mäcen, dem Freiherrn Oskar Dickson bestritten, der zu diesem Zweck einen Dampfer, „Sofia“, zur Verfügung stellte.
Auf der Eiswanderung, die ihren Anfang am 4. Juli ungefähr an derselben Stelle nahm, wie die Wanderung i. J. 1870, wurde Nordenskjöld von 9 Mann begleitet, unter denen sich zwei mit Schneeschuhen versehene Lappen befanden, außerdem halfen ihm die meisten Offiziere der „Sofia“, sowie die Besatzung und zahlreiche Eskimos während der beiden ersten Tage bei dem Transport der Ausrüstung über das erste, unebene Eis. Unter den Begleitern befand sich auch der Direktor der kgl. grönländischen Handelsgesellschaft, Herr Hörring.
Im Laufe von 18 Tagen (bis zum 21. Juli) gelangte Nordenskjöld selber etwas über 117 km auf das Inlandseis hinauf und erreichte eine Höhe von 1510 m über dem Meeresspiegel. Hier wurde er aber von dem nassen Schnee, in den Schlitten und Menschen versanken, am Vordringen gehindert. Ehe man zurückkehrte, wurden indessen die beiden Lappen auf Schneeschuhen weiter ins Innere entsandt. Obwohl man nichts als Schnee und Eis gefunden hatte und obwohl man sich mitten auf einer unendlichen, meeresähnlichen Schneefläche befand, gab Nordenskjöld dennoch den Glauben an die Richtigkeit seiner Theorie nicht auf, sondern ertheilte den Lappen folgende schriftlichen Befehle:
„Falls man Land erreichen sollte, nehme man in aller Eile an Blumen und Gras mit, was zu finden ist, und zwar einen oder mehrere Stengel von jeder Blume und jedem Grashalm.
Auf dem Inlandseis am 21. Juli 1883.“
Nach 57 Stunden (24. Juli) kehrten die Lappen zurück und berichteten, daß sie 230 km weiter landeinwärts gekommen seien und eine Höhe von 1947 m über dem Meeresspiegel erreicht hätten; so weit sie aber hätten sehen können, sei nichts anderes zu erblicken gewesen als ein einziges flaches, unendliches Schneefeld. Selbst wenn man von der Schwierigkeit, um nicht zu sagen Unmöglichkeit, absieht, eine so lange Strecke in so kurzer Zeit auf einer Schneeschuhbahn zurückzulegen, wie man sie im Innern Grönlands findet, so muß man doch, wie wir später eingehender erklären werden, annehmen, daß die Lappen die von ihnen zurückgelegte Strecke zu hoch angeschlagen haben.