Lieber Marx!

Inliegend das restierende eine Pfund von dem Atlas, das ich Dir leider nicht früher schicken konnte.

Sage Harney, wenn Du ihn siehst, daß er Ende der Woche von mir mindestens die erste Hälfte einer Reihe von Artikeln über Continental Democracy[1] bekommt – die Artikel so eingeteilt, daß jeder einzelne nicht mehr als 2 bis 21/2 Kolumnen in seinem Friend of the People ausmacht. Ich werden unter dem obigen Vorwand die gesamte offizielle Demokratie beim Kragen nehmen und sie dem englischen Proletariat dadurch verdächtigen, daß ich sie, inklusive Mazzini, Ledru-Rollin usw., mit den financial Reformers[2] auf dieselbe Stufe stelle. Das europäische Komitee wird catch it nicely.[3] Die Herren werden einzeln durchgenommen werden, Mazzinis Schriften, Ledru-Rollins famose Heldentaten vom Februar bis Juni 1848, Herrn Ruge natürlich nicht zu vergessen. Den Italienern, Polen und Ungarn werde ich deutlich genug sagen, daß sie in allen modernen Fragen den Mund zu halten haben. Das Ding mit dem Humbug, den Harney mit den Bettelbriefen der Mazzini und Konsorten treibt, wird zu arg, und da er sonst nicht zu bessern ist, so werde ich genötigt sein, die Albernheit dieser Kerls in seinem eigenen Blatt aufzudecken und den englischen Chartisten die Mysterien der kontinentalen Demokratie zu enthüllen. Ein ausführlicher polemischer Artikel hilft bei Harney immer mehr als alles Debattieren. Leider habe ich hier verflucht wenig Material.

Ich habe jetzt hier Sarraus jeune, Lafayette et la révolution de Juillet.[4] Wüßte ich noch ein paar andere Quellen aufzutreiben, so könnte ich für unsere Revue einen Artikel über die Julirevolution nebst Fortsetzung bis zur Februarrevolution machen und dabei die Histoire des dix ans[5] einer freundschaftlichen Kritik unterwerfen. Diese Dix ans[6] stehen noch immer von den Weitergehenden unangegriffen da und bilden in Deutschland wie in Frankreich ein sehr bedeutendes Bildungselement in der ganzen revolutionären Partei. Ich glaube, es könnte gar nicht schaden, den Einfluß dieses Buches auf die gebührenden Grenzen zurückzuführen; bis jetzt ist es unattackierte Autorität.

Herr Russell, der feige Patron, hat sich wieder einmal glänzend blamiert. Erst speit er Feuer und Flammen gegen die papal aggression.[7] Dann sieht er, daß die Manchester men[8] sich absolut nicht in die Schmiere mischen wollen und accouchiert nun mit seiner heroischen Maßregel, den katholischen Bischöfen das Tragen englischer Titel verbieten zu wollen. Und dann die schöne Andeutung, die er durch Herrn Peto machen läßt, es sei zwar sehr wünschenswert gewesen, in dieser Session schon das Stimmrecht auszudehnen, aber da die Law-Reform diesmal vorkomme, so müsse man das Stimmrecht bis nächstes Jahr verschieben. Echte Whig-Musterlogik. Übrigens sind die membres[9] sehr krittlig und unsicher, die Wahlen rücken heran, sie müssen liberale oder protektionistische flourishes[10] machen, und wenn die Exhibition nicht gerade in die belebteste Zeit der sessionalen grande politique[11] fiele, so könnte es dem kleinen Männchen schlecht gehen. Und auch so – qui sait?[12]

Das tägliche politische Brot wird überhaupt immer trockener. Die schöne Position, in der sich la belle France[13] jetzt wohlgefällt, ist auch erbaulich. Es läßt sich übrigens nicht leugnen, daß die Herren Burggrafen mehr und mehr aufhören, die Repräsentanten der Bourgeoisfraktionen zu sein, oder besser, daß die Bourgeois sich von ihren alten legitimistischen und orleanistischen Chefs mehr und mehr trennen. Erstens die bedeutende Minorität für Baroche in der Sitzung, wo die Koalition ihn stürzte, und die auch aus sehr vielen Nichtbonapartisten, ehemaligen Orleanisten usw. bestand; dann die offenbare Stimmung der konservativen Bourgeoisie en masse,[14] die weit günstiger für den Napoleon ist wie früher. Die Masse dieser Kerls will jetzt unbedingt weder orleanistische noch legitimistische Restaurations-Intrigen; les solutions les embêtent,[15] und was sie wollen, ist der Schlendrian der präsidentiellen Gegenwart. Die Kerls sind weder royalistisch, noch republikanisch, noch imperialistisch, sondern präsidentiell; das schönste aber dabei ist, daß diese süße Unbestimmtheit nur möglich ist bei der Masse selbst, und daß jeder, der sich als offizieller Repräsentant dieser Richtung geltend machen wollte, doch binnen sechs Monaten wieder aus der Neutralität und in eine bestimmte royalistische oder imperialistische Fraktion getrieben würde. Übrigens habe ich hier von französischen Blättern nur die Débats und den Charivari, der einem indes hier wieder leider Gottes witzig vorzukommen anfängt, grâce à l’esprit exquis du peuple dans ces parages.[16]

Von einem stupiden ungarischen Flüchtling, der mir hier dieser Tage zwischen die Beine lief, hörte ich, daß diese edle Sorte wieder von Mordkonspirationen und Emeuten bei Gelegenheit der great Exhibition[17] faselt. Mir schien es fast, als vernähme ich aus diesem Gepolter die heroische Stimmung der Stürmer von London, Willich und Barthélemy. Man entrinnt übrigens den Geistern nicht: neulich redet mich ein Kerl auf der Straße an, und siehe, es war ein Greatwindmillstreet-Flüchtling, der in Liverpool eine Stelle hat. „Und nähme ich Flügel der Morgenröte und flöge ans äußerste Meer“, so würde ich der Bande nicht entrinnen.

Die hiesigen Freetrader benutzen die Prosperität oder Halbprosperität, um das Proletariat zu kaufen, und John Watts ist der Makler dabei. Du kennst den neuen Cobdenschen Plan: eine National Free School Association, um eine Bill durchzusetzen, wodurch die townships[18] bevollmächtigt werden sollen, sich Lokalsteuern aufzulegen zur Errichtung von Schulen. Das Ding wird famos poussiert. In Salford ist außerdem schon eine Free Library und ein Museum eingerichtet – Leihbibliothek und Lesezimmer gratis. In Manchester ist die Hall of Science – und hier war Watts, wie der Herr Mayor von Manchester gnädigst anerkannte, wirklich der Makler – von einem Komitee aus dem Ertrag öffentlicher Sammlungen (zirka 7000 Pfund Sterling sind zusammen) aufgekauft und wird ebenfalls in eine Free Library verwandelt. Ende Juli soll die Geschichte – mit 14 000 Bänden to begin with[19] – eröffnet werden. Alle Meetings und Versammlungen zu diesem Zwecke erschallen vom Lobe der Arbeiter, und speziell von dem des braven, bescheidenen, nützlichen Watts, der mit dem Bischof von Manchester jetzt auf dem besten Fuße steht. Ich freue mich schon auf den Ausbruch der Entrüstung über den Undank der Arbeiter, der beim ersten shock[20] von allen Seiten losplatzen wird.

Mein Herr Alter hat mir dieser Tage einen angenehmen Brief geschrieben, worin er den Wunsch ausspricht, daß ich auf unbestimmte Zeit, das heißt solange der Tuck mit den Ermens dauert (und das kann bis 1854 sein), hier bleibe. Mir natürlich sehr angenehm, s’il me paie bien mon ennui.[21] Ich lasse mir das natürlich nicht merken, bringe dem „Geschäft“ dies „Opfer“ und erkläre mich bereit, „die Entwicklung der Verhältnisse hier vorderhand abzuwarten“. Nächsten Sommer kommt er her, und ich werde ihm dann mich so unentbehrlich zu machen suchen, daß er auf alles eingehen muß.

Grüße Deine Frau und Kinder herzlich.