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[Ohne Jahresangabe.] 3. April [1851].
Lieber Marx!
Die Geschichte mit meinem geöffneten Briefe ist sehr sonderbar. Auf dem Kontor kann er nur von unserem Kommis geöffnet worden sein, und dem traue ich die Courage dazu nicht zu; außerdem könnte er es nur während der Abwesenheit des alten Hill getan haben, und ich glaube nicht, daß der einen Moment das Kontor verließ. Von den Ermens war keiner in der Stadt. Die Sache ist natürlich nicht zu ergründen, da eine bedeutende Chance vorhanden ist – vu[1] die Interpellationen im Parlament wegen der Flüchtlinge –, daß es auf der Post selbst geschehen. Daß ich dem Kommis, der mehr in Ermen Brothers’ als in Ermen and Engels’ Diensten steht, in der letzten Zeit etwas verdächtig geworden bin, fiel mir schon früher auf; aber von da bis zum Brieferbrechen il y a loin encore.[2] Jedenfalls werde ich dem Ding in Zukunft vorzubeugen wissen. Wenn der Narr den Brief auch gelesen hätte, so läge daran nicht einmal viel; denn wollte der Kerl jemals, zum Beispiel wenn mein Alter herkäme, von der Information Gebrauch machen, so wäre er so kompromittiert, daß er sofort geschaßt würde. Indes, wie gesagt, ich traue ihm die Courage nicht zu.
Was die Frage angeht, die Du in Deinem vorletzten Briefe stellst, so ist sie nicht ganz klar. Indes wird, denke ich, folgendes genügen.
Der Kaufmann als Firma, als Profitmacher, und derselbe Kaufmann als Konsument sind im Commerce zwei ganz verschiedene Personen, die sich feindlich gegenüberstehen. Der Kaufmann als Firma heißt Kapitalkonto, respektive Gewinn- und Verlustkonto. Der Kaufmann als Fresser, Säufer, Wohner und Kindermacher heißt Haushaltungsunkostenkonto. Kapitalkonto debitiert[3] also dem Haushaltungsunkostenkonto jeden Centime, der aus der kommerziellen in die Privattasche wandert, und da Haushaltungsunkostenkonto nur ein Debet, aber kein Kredit hat, also einer der schlechtesten Schuldner der Firma ist, so ist am Ende des Jahres die ganze Debetsumme von Haushaltungsunkostenkonto purer Verlust und wird vom Profit abgeschrieben. Bei der Bilanz und der Berechnung des Profits-Prozent wird indes gewöhnlich die Summe, die für die Haushaltung verbraucht wird, als noch vorhanden, als Teil des Profits angesehen; zum Beispiel bei 100 000 Taler Kapital sind 10 000 Taler verdient, aber 5000 verjubelt worden, so rechnet man, 10 Prozent Profit gemacht zu haben, und nachdem alles richtig gebucht worden, figuriert Kapitalkonto im nächsten Jahre mit einem Debet von 105 000 Taler. Die Prozedur selbst ist etwas verwickelter, als ich sie hier darstelle, indem Kapitalkonto und Haushaltungsunkostenkonto selten oder nur beim Jahresabschluß in Berührung kommen, und Haushaltungsunkostenkonto gewöhnlich als Debitor von Kassakonto figuriert, das den Makler macht, aber es kommt schließlich auf dies hinaus.
Bei mehreren Associés ist die Sache sehr einfach. Zum Beispiel A hat 50 000 Taler im Geschäft und B ebenfalls 50 000; sie machen 10 000 Taler Profit und verbrauchen jeder 2500 Taler. Die Kontos stellen sich also am Ende des Jahres bei einfacher Buchhaltung ohne die imaginären Kontos:
| A Kredit bei A & B – Kapitaleinschuß | 50 000 | Taler |
| A Kredit bei A & B – Profitanteil | 5 000 | - |
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| 55 000 | Taler | |
| Debet bei A & B – für Bar | 2 500 | - |
| ——————- | ||
| A Kredit für nächstes Jahr | 52 500 | Taler |
Ebenso B. Dabei rechnet das Geschäft aber immer, 10 Prozent Profit gemacht zu haben. In einem Worte: die Kaufleute bei der Berechnung der Profitprozente ignorieren die Existenzkosten der Associés, dagegen bei Berechnung der Kapitalvermehrung durch den Profit bringen sie sie in Anschlag.
Über die ungarische Kampagne – oder noch besser, wenn’s ginge, über sämtliche Kampagnen von 1848/50 zu schreiben, wäre mir schon recht, wenn nur die Quellen alle beizuschaffen wären. Die Neue Rheinische Zeitung könnte mir zu nichts dienen als zur Vergleichung der österreichischen Bulletins, und wie lückenhaft die sind, weißt Du. Ich müßte wenigstens zehn bis zwölf Werke über diese Kampagne allein haben, und selbst dann fehlte mir noch die Hauptsache: der Kossuthsche Közlöny (Moniteur). Bei nichts blamiert man sich so leicht wie bei der Kriegsgeschichte, wenn man räsonieren will, ohne die sämtlichen Data über Stärke, Verproviantierung und Munitionierung usw. zu haben. Alles das geht für eine Zeitung, wo alle Blätter gleich schlecht unterrichtet sind und wo es darauf ankommt, aus den paar Daten, die man hat, die richtigen Schlüsse zu ziehen. Aber um post festum sagen zu können in allen entscheidenden Fällen: hier hätte so und so gehandelt werden müssen, und hier wurde richtig gehandelt, obwohl der Erfolg dagegen zu sprechen scheint; dazu sind, glaube ich, die Materialien für den ungarischen Krieg noch nicht genug vor dem Publikum. Zum Beispiel wer schafft mir die Etats der österreichischen und ungarischen Armeen und der verschiedenen Korps am Vorabend jeder Schlacht und jeder wichtigen Bewegung? Kossuths und Görgeys Memoiren müßten erst heraus sein, und die von Dembinski vorgelegten Schlacht- und Kampagnenpläne in authentischer Gestalt vorliegen. Indes selbst mit dem existierenden Material ließe sich schon manches aufklären und vielleicht ein ganz interessanter Artikel machen. So viel ist jetzt schon klar: die ungarische Insurrektion, wie die polnische von 1830, wie das russische Reich 1812, ist Anfang 1849 nur gerettet worden durch den Winter. Ungarn, Polen und Rußland sind die einzigen Länder Europas, wo eine Invasion im Winter unmöglich ist. Es ist aber schon immer fatal, wenn eine Insurrektion nur durch den Dreck gerettet wird, der sie in unergründlicher Tiefe umgibt. Wäre die Geschichte zwischen Österreich und Ungarn im Mai statt im Dezember zum Eklat gekommen, so wäre nie eine ungarische Armee organisiert worden und der ganze Quark endigte wie Baden, ni plus ni moins.[4] Je mehr ich Krieg ochse, desto stärker wird meine Verachtung gegen den Heldenmut – eine abgeschmackte Phrase dieser Heldenmut, die ein ordentlicher Soldat nie in den Mund nimmt. Napoleon, wo er keine Proklamationen und Tiraden macht, sondern coolly[5] spricht, spricht nie von glorieux, courage indomptable[6] usw., sondern sagt höchstens: il s’est bien battu.[7]