Manchester, Montag, 19. Mai 1851.

Lieber Marx!

Ich bin froh, daß mit den Briefen nichts vorgefallen ist, es ist immer besser so. Der hiesige Postmeister hat mir ebenfalls eine hinreichende Erklärung für den zu spät gekommenen Brief gegeben. Schreibe in Zukunft auf der Adresse die Straße und Nummer über der Stadt, so daß Manchester ganz unten steht, die Postschreiber sind daran gewöhnt und haben, weil die Straße unten stand, in dem einen Brief das „Manchester“ übersehen und ihn als Londoner Stadtbrief nach London zurückgeschickt.

Das Neueste ist, daß Du vollständig enfonciert [vernichtet] bist. Du glaubst, die richtige Theorie der Grundrente entdeckt zu haben. Du glaubst, der erste zu sein, der die Ricardosche Theorie umwirft. Malheureux que tu es,[1] Du bist überflügelt, vernichtet, geschlagen, assommiert. Die ganze Grundlage Deines monumentum aere perennius[2] ist zusammengebrochen. Höre: Herr Rodbertus hat soeben den dritten Band seiner „Sozialen Briefe an v. Kirchmann“ veröffentlicht – 18 Bogen. Dieser Band enthält eine „vollständige Widerlegung der Ricardoschen Lehre von der Grundrente und die Darlegung einer neuen Rententheorie“. Leipziger Illustrierte Zeitung von voriger Woche. Jetzt hast Du Dein Fett.

Die Bemühungen des großen Kinkel, aus der unrespektablen Gesellschaft, genannt europäisches Komitee, herauszukommen, ohne Gestank zu hinterlassen, sind sehr heiter. Du wirst im Samstags-Ind [unlesbar] gesehen haben, daß einige Heuldemokraten bei Elberfeld eine Versammlung und kleine riots[3] zustande gebracht haben und dabei diese Proklamation verteilt. Das ist zustande gebracht durch deutschkatholische Verbindungen von Ronge. Weder Kinkel noch sonst jemand vom Chor hätte dort etwas ausgerichtet.

Die Geschichte mit Cavaignac ist in jeder Beziehung fatal; wenn Girardin von ihm sagt, daß er die meiste Chance hat, so muß es wahr sein. Außerdem sehen die Kerle immer mehr ein, daß die Revision unmöglich ist – auf legale Weise. Und die illegale ist ein Staatsstreich, und wer zuerst Staatsstreiche anfängt, der wird ekrasiert, sagt das Débats. Napoleon fängt an, horriblement[4] verschlossen zu werden. Changarnier ist vernichtet, vollständig pensioniert, die Fusion führt zu nichts unmittelbar Praktischem, so hübsch sie ist, il n’y a que Cavaignac.[5] Ob der Kerl die Revolution aufschöbe, wäre am Ende so gefährlich nicht; einige Jahre resoluter industrieller Entwicklung, die Überdauerung einer Krise und einer neuen Prosperitätsperiode könnte durchaus nicht schaden, besonders wenn sie von bürgerlichen Reformen in Frankreich usw. begleitet wäre. Aber Cavaignac und die bürgerliche Reform, das ist in Frankreich die Zollreform und die englische Allianz, und bei erster Gelegenheit der Krieg gegen die heilige Allianz, mit Englands Hilfe, mit gehöriger Zeit zu Rüstungen, mit einer lang vorbereiteten Invasion gegen Deutschland, und das könnte uns die Rheingrenze kosten, die ohnehin das beste Mittel ist, den Crapaudsozialismus mit einer Abschlagszahlung von Gloire zur Ruhe zu bringen.

Das Débats ist übrigens so herunter, daß es nur noch in der Aufrechterhaltung des neuen Wahlgesetzes die Rettung der Gesellschaft sieht.

Das Frankfurter Journal läßt sich aus Köln schreiben, den Flüchtlingen in London gehe es jetzt leidlich, mit Ausnahme derer in der Kaserne, unter denen auch Willich sei. Die Augsburger Allgemeine Zeitung glaubt wirklich, die Fremdenbill sei noch in Kraft, und sieht die Flüchtlinge – diese ewigen Juden des neunzehnten Jahrhunderts – mit der blassen Furcht vor dieser Bill in London zitternd herumschleichen.

Von der portugiesischen Revolution sage ich gar nichts. Bemerkenswert ist bloß, daß Saldanha als rein persönlicher Insurgent, als ôte-toi de là, Costa Cabral, que je m’y mette,[6] absolut nichts ausrichtete, daß aber von dem Moment, wo er gezwungen war, sich an die liberalen Bürger von Oporto anzuschließen und in der Person des José Passos einen allmächtigen Repräsentanten dieser bürgerlichen Gewalt bei sich aufzunehmen, daß da die ganze Armee ihm zufiel. Die Stellung, die Passos erhält, und die nächste Entwicklung wird zeigen, ob Saldanha und die Königin die Bürger nicht gleich wieder zu prellen suchen. Lissabon ist nichts, Oporto ist das Zentrum der konstitutionellen Bürger, der Manchesterschule von Portugal.

Sei froh, daß Herr Goegg nicht zu Dir gekommen ist. Le diable emporte toutes ces médiocrités gonflées.[7]