2. Jetzt etwas Ergötzliches. Proudhon hat in dem neuen, noch ungedruckten Buche, was Grün verdolmetscht, einen großen Plan, Geld aus Nichts zu machen und allen Arbeitern das Himmelreich nahe zu rücken. Niemand wußte, was das war. Grün hielt sehr hinter dem Berge, renommierte aber sehr mit seinem Stein der Weisen. Allgemeine Spannung. Endlich vorige Woche war Papa Eisermann bei den Schreinern, ich auch, und allmählich rückt der alte Zierbengel höchst naiv-geheimnisvoll heraus. Herr Grün hat ihm den ganzen Plan vertraut. Jetzt hört die Größe dieses Welterlösungsplanes: ni plus ni moins[5] als die in England längst dagewesenen und zehnmal bankrottierten Labour bazars oder labour-markets[6], Assoziationen aller Handwerker aller Zweige, großes Depot, alle von den Associés eingelieferten Arbeiten genau nach den Kosten des Rohproduktes plus der Arbeit taxiert und in anderen Assoziationsprodukten bezahlt, die ebenso taxiert werden. Was mehr geliefert, als in der Assoziation verbraucht wird, soll auf dem Weltmarkt verkauft, der Ertrag den Produzenten ausbezahlt werden. Auf diese Weise, spekuliert der pfiffige Proudhon, umgeht er und seine Mitassociés den Profit des Zwischenhändlers. Daß er dabei auch den Profit auf sein Assoziationskapital umgeht, daß dies Kapital und dieser Profit genau so groß sein müssen wie das Kapital und der Profit der umgangenen Zwischenhändler, daß er also mit der Rechten wegwirft, was die Linke bekommt, daran hat der feine Kopf nicht gedacht. Daß seine Arbeiter nie das nötige Kapital aufbringen können, weil sie sich sonst ebensogut separat etablieren könnten, daß die etwaige, aus der Assoziation hervorgehende Kostenersparnis durch das enorme Risiko mehr als aufgewogen wird, daß die ganze Geschichte darauf hinausläuft, den Profit aus der jetzigen Welt herauszueskamotieren und alle Produzenten des Profits stehen zu lassen, daß sie eine wahre Straubingeridylle ist, die von vornherein alle große Industrie, Bauhandwerke, Ackerbau usw. ausschließt, daß sie nur die Verluste der Bourgeois zu tragen haben, ohne ihren Gewinn zu teilen, alles das und hundert andere auf platter Hand liegende Einwände vergißt er über dem Glück seiner plausiblen Illusion. Die Geschichte ist zum Totschießen. Familienvater Grün glaubt natürlich an die neue Erlösung und sieht sich schon im Geiste an der Spitze einer Assoziation von 20 000 Ouvriers (man will gleich groß anfangen), wobei natürlich seine Familie kostenfrei gespeist, gekleidet und logiert wird. Der Proudhon aber blamiert sich und alle französischen Sozialisten und Kommunisten auf ewig, wenn er damit herausrückt, vor den Bourgeoisökonomen. Daher jene Tränen, jenes Polemisieren gegen die Revolution, weil er ein friedliches Heilmittel in petto hatte. Der Proudhon ist gerade wie der John Watts. Dieser setzt seinen Beruf darein, trotz seines disrespektablen Atheismus und Sozialismus bei den Bourgeois respektabel zu werden; Proudhon bietet alles auf, um trotz seiner Polemik gegen die Ökonomen ein großer anerkannter Ökonom zu werden. So sind die Sektierer. Dabei noch so eine alte Geschichte!
3. Jetzt wieder eine höchst kuriose Geschichte. – Augsburger Allgemeine Zeitung vom 21. Juli, Paris 16. Juli. Artikel über die russische Gesandtschaft .... „Das ist die offizielle Gesandtschaft – aber ganz außerhalb oder vielmehr über derselben steht ein gewisser Herr von Tolstoi, der keinen Titel hat, übrigens als ‚Vertrauter des Hofes‘ bezeichnet wird. Früher im Unterrichtsministerium beschäftigt, kam er mit einer literarischen Mission nach Paris, schrieb hier einige Memoirs für sein Ministerium, lieferte einige Übersichten der französischen Tagespresse. Dann schrieb er nichts mehr, tat aber desto mehr. Er macht ein glänzendes Haus, geht zu aller Welt, empfängt alle Welt, beschäftigt sich mit allem, weiß alles und arrangiert vieles. Er scheint mir der eigentliche russische Botschafter in Paris ... seine Verwendung bewirkt Wunder“ (alle Polen, die begnadigt sein wollen, adressierten sich an ihn), „auf der Gesandtschaft beugt sich alles vor ihm, und in Petersburg erfreut er sich großer Rücksichten.“ – Dieser Tolstoi ist niemand anders als unser Tolstoi, der Edle, der uns vorlog, in Rußland seine Güter verkaufen zu wollen. Der Mann hatte außer seiner einen Wohnung, wo er uns hinführte, noch ein glänzendes Hotel in der Rue Mathurin, wo er die Diplomatie empfing. Die Polen und viele Franzosen haben das längst gewußt, nur die deutschen Radikalen nicht, bei denen er es für besser hielt, sich als Radikalen zu insinuieren. Der obige Artikel ist von einem Polen geschrieben, den Bernays kennt, und sogleich in den Corsaire-Satan und National übergegangen. Tolstoi hat, als er den Artikel las, weiter nichts bemerkt, als sehr gelacht und Witze darüber gerissen, daß er endlich ausgefunden sei. Er ist jetzt in London und wird, da seine Rolle hier ausgespielt ist, dort sein Glück versuchen. Es ist schade, daß er nicht wiederkommt, ich würde sonst einige Witze mit ihm versucht und schließlich in der Rue Mathurin meine Karte abgegeben haben. Daß nach diesem der von ihm empfohlene Annenkow ebenfalls ein russischer Mouchard ist, c’est clair.[7] Selbst Bakunin, der die ganze Geschichte wissen mußte, da die anderen Russen sie gewußt haben, ist sehr verdächtig. Ich werde mir gegen ihn natürlich nichts merken lassen, sondern Revanche an den Russen nehmen. So ungefährlich diese Spione für uns sind, so darf man ihnen das doch nicht passieren lassen. Sie sind gute Sujets, um an ihnen Intrigenexperimente in corpore vili[8] zu machen. Dazu sind sie sonst so übel gar nicht.
4. Vater Heß. Nachdem ich dessen ... Gattin hier glücklich der Vergessenheit, das ist dem äußersten Ende des Faubourg Saint-Antoine, wo da ist Heulen und Zähneklappern (Grün und Gesellschaft), überliefert habe, erhalte ich vor einiger Zeit vermittels eines gewissen Reinhardt ein ferneres Wiederanknüpfungsschreiben des Kommunistenpapas. Das Ding ist zum Totlachen. Natürlich als ob nichts vorgefallen wäre, ganz in dulci jubilo[9] und dazu ganz der alte Heß. Nachdem er konstatiert hat, daß er mit „der Partei“ wieder einigermaßen ausgesöhnt (das Judde-Gränzchen scheint falliert zu haben) – „auch wieder Lust am Arbeiten hat“ (welches Ereignis mit Glocken eingeläutet werden sollte), folgende historische Notiz (de dato 19. August): „Hier in Köln wär’s vor einigen Wochen auf ein Haar zu einer blutigen Emeute gekommen, es waren schon sehr viele bewaffnet (wozu Moses gewiß nicht gehörte). Das Ding kam nicht zum Ausbruch, weil die Soldaten sich nicht zeigten (enormer Triumph des Kölner Schöppchesphilisters) usw. usw. usw.“ – Dann von den Bürgerversammlungen, wo „wir“, id est „die Partei“ und „Herr Moses“, qua Kommunisten „so vollständig siegten, daß wir usw. Wir haben zuerst die Geldaristokraten ... und dann die kleinen Bourgeois mit Glanz (da sie keine Talente unter sich haben) aus dem Felde geschlagen. Wir hätten (!) in den Versammlungen zuletzt alles durchsetzen können (zum Beispiel den Moses zum Oberbürgermeister machen); ein Programm, worauf die Versammlung ihre Kandidaten verpflichtete, ging durch, welches (hört, hört!) von den englischen und französischen Kommunisten nicht radikaler hätte abgefaßt (und von niemandem unsinniger als von Moses aufgefaßt) werden können (!!!) ... Sehe (sic!) Dich zuweilen nach meiner [Frau] um ... und teile dem Ewerbeck zur Herzensstärkung dieses mit.“ Gesegn’ Euch Gott diese „Herzensstärkung“, dies Manna aus der Wüste. Ich ignoriere das Vieh natürlich komplett – jetzt hat er auch an Ewerbeck geschrieben (und zwar bloß, um seiner weiblichen Seite einen Brief auf dessen Kosten zukommen zu lassen) und droht in zwei Monaten herzukommen. Wenn er mich besucht, denk’ ich ihm auch etwas „zur Herzensstärkung“ mitteilen zu können.
Da ich einmal im Zuge bin, so will ich Euch schließlich noch mitteilen, daß [Heinrich] Heine wieder hier ist und ich vorgestern mit Ewerbeck bei ihm war. Der arme Teufel ist scheußlich auf dem Hund. Er ist mager geworden wie ein Gerippe. Die Gehirnerweichung dehnt sich aus, die Lähmung des Gesichts desgleichen. Ewerbeck sagt, er könne sehr leicht einmal an einer Lungenlähmung oder an irgend einem plötzlichen Kopfzufall sterben, aber auch noch drei bis vier Jahre abwechselnd besser oder schlechter sich durchschleppen. Er ist natürlich etwas deprimiert, wehmütig, und was am bezeichnendsten ist, äußerst wohlwollend (und zwar ernsthaft) in seinen Urteilen – nur über Mäurer reißt er fortwährend Witze. Sonst bei voller geistiger Energie, aber sein Aussehen, durch einen ergrauenden Bart noch kurioser gemacht (er kann sich nun den Mund nicht mehr rasieren lassen), reicht hin, um jeden, der ihn sieht, höchst trauerklötig zu stimmen. Es macht einen höchst fatalen Eindruck, so einen famosen Kerl so Stück für Stück absterben zu sehen.
Auch den großen Mäurer habe ich gesehen. „Männlein, Männlein, was wiegen Sie so leicht!“ Der Mann ist wirklich sehenswert, ich habe ihm die größten Grobheiten gemacht, zum Danke nimmt mich der Esel in seine besondere Affektion und sagt mir nach, ich hätte ein sanftes Gesicht. Er sieht freilich aus wie Karl Moor sechs Wochen nach seinem Tode. Antwortet bald!
Euer E.
Mittwoch, 16. September 1846.
Amüsiert Euch an folgendem: Journal des Économistes, August dieses Jahres, enthält in einem Artikel über die Biedermännischen Artikel ... [über] den Kommunismus folgendes: Erst Heß’ ganzer Unsinn komisch französiert, dann heißt es, der nächste ist M. Marx. „M. Marx est un cordonnier, comme un autre Communiste allemand, Weitling est un tailleur. Le premier (Marx) n’a pas une grande estime pour le communisme français (!) qu’il a été assez heureux d’étudier sur les lieux. M. ne sort du reste non plus (erkennst Du an dieser Elsässer Phrase nicht Herrn Fix?) des formules abstraites und il se garde ... bien d’aborder aucune question véritablement pratique. Selon lui (gib acht auf den Unsinn) l’émancipation du peuple allemand sera le signal de l’émancipation du genre humain; la tête de cette émancipation serait la philosophie et son coeur le prolétariat. Lorsque tout sera préparé, le coq gaulois sonnera la résurrection germanique ... Marx dit qu’il faut créer en Allemagne un prolétariat universel (!!) afin de réaliser la pensée philosophique du communisme. Signé J. F. (mort depuis).“[10] Das war sein letztes Werk. Der vorherige Band brachte eine gleich komische Kritik meines Buches. Das Septemberheft enthält eine Kritik über Julium, die ich noch nicht gelesen.
In der Fraternité ist großer Streit zwischen Materialisten und Spiritualisten gewesen. Die Materialisten, mit 23 gegen 22 überstimmt, sind ausgetreten. Das hindert aber die Fraternité nicht, sehr hübsche Artikel über die verschiedenen Zivilisationsstufen und ihre Fähigkeit, sich zum Kommunismus fortzuentwickeln, zu bringen.