3. Dezember 1851.

[Engels an Marx, ohne Überschrift.]

„Représentants de la France, délibérez en paix!“[1] Und wo sollten die Herren ruhiger deliberieren können als in der Kaserne d’Orsay, gehütet von einem Bataillon chasseurs de Vincennes![2]

Die Geschichte Frankreichs ist in das Stadium der vollendetsten Komik eingetreten. Kann man sich etwas Heitereres denken als diese mitten im Frieden mit malkontenten Soldaten vom unbedeutendsten Menschen der ganzen Welt ohne allen Widerstand, soweit man bis jetzt urteilen kann, durchgeführte Travestie des 18. Brumaire. Und wie schön alle die alten Esel abgefangen sind! Der schlauste Fuchs von ganz Frankreich, der alte Thiers, der geriebenste Advokat des Barreaus, Herr Dupin, gefangen in der Falle, die ihnen der notorischste Ochs des Jahrhunderts gestellt hat, gefangen ebenso leicht wie die stiere republikanische Tugend des Herrn Cavaignac und wie der Maulheld Changarnier! Und um das Tableau zu vollenden, ein Rumpfparlament mit Odilon Barrot als „Löwe von Kalbe“, und dieser selbe Odilon verlangt, angesichts solchen Verfassungsbruchs verhaftet zu werden, und kann es nicht dahin bringen, daß man ihn nach Vincennes schleppt! Die ganze Sache ist expreß für den roten Wolff erfunden worden; der allein kann von jetzt an die Geschichte von Frankreich schreiben. Ist jemals in der Welt ein Coup mit alberneren Proklamationen gemacht worden als dieser? Und der lächerliche napoleonische Apparat, der Jahrestag der Krönung und von Austerlitz, die Provokation auf die konsularische Verfassung usw. – daß so etwas auch nur für einen Tag gelingen konnte, degradiert die Herren Franzosen doch wahrhaftig auf ein Niveau der Kinderei, das ohnegleichen ist.

Wunderschön ist das Abfassen der großen Ordnungsmäuler, des kleinen Thiers ganz vorzüglich, und des tapferen Changarnier. Wunderschön ist die Rumpfparlamentssitzung im 10. Arrondissement mit Herrn Berryer, der zum Fenster hinausschreit: Vive la République, bis endlich das ganze Lot [Pack, Haufen] abgefaßt und zwischen Soldaten in einen Kasernenhof gesperrt wird. Und dann der dumme Napoleon, der sofort aufpackt, um in die Tuilerien zu ziehen. Hätte man sich ein ganzes Jahr lang geplagt, man hätte keine schönere Komödie erfinden können.

Und am Abend, als der dumme Napoleon sich endlich in das langersehnte Bett in den Tuilerien geworfen hatte, da muß der Schafskopf erst recht nicht gewußt haben, woran er ist. Le consulat sans le premier consul![3] Keine Schwierigkeiten im Innern größer als überhaupt seit drei Jahren, keine außergewöhnliche Finanzklemme, selbst nicht einmal in seinem eigenen Beutel, keine Koalition an den Grenzen, kein Sankt Bernhard zu passieren, kein Marengo zu gewinnen! Es ist wirklich zum Verzweifeln. Und nun nicht einmal eine Nationalversammlung mehr, die die großen Pläne des Verkannten vereitelt; nein, für heute wenigstens ist der Esel so frei, so ungebunden, so absolut wie der Alte am Abend des 18. Brumaire, so vollständig ungeniert, daß er gar nicht umhin kann, den Esel nach allen Richtungen hin herauszukehren. Schreckliche Perspektive der Gegensatzlosigkeit!

Mais le peuple, le peuple! – Le peuple se fiche pas mal de toute cette boutique,[4] freut sich seines oktroyierten Stimmrechtes wie ein Kind und wird es wahrscheinlich auch gebrauchen wie ein Kind. Was kann aus diesen lächerlichen Wahlen von Sonntag über acht Tage hervorgehen, wenn es überhaupt dazu kommt! Keine Presse, keine Meetings, Belagerungszustand die Hülle und Fülle und dazu Befehl, binnen vierzehn Tagen einen Deputierten zu stellen.

Was soll aber aus dem ganzen Kram werden? „Stellen wir uns auf den welthistorischen Standpunkt“, so bietet sich uns ein famoses Thema zur Deklamation dar. So zum Beispiel – es muß sich zeigen, ob das Prätorianerregiment der römischen Kaiserzeit, das einen durchaus militärisch organisierten, ausgedehnten Staat, ein entvölkertes Italien und die Abwesenheit eines modernen Proletariats zur Voraussetzung hatte, möglich ist in einem geographisch konzentrierten, dicht bevölkerten Land wie Frankreich, das ein zahlreiches industrielles Proletariat hat. Oder: Louis Napoleon hat keine eigene Partei; er hat die Orleanisten und Legitimisten mit Füßen getreten, er muß jetzt eine Wendung nach links machen. Eine Wendung nach links impliziert eine Amnestie, eine Amnestie impliziert eine Kollision usw. Oder aber: Das allgemeine Stimmrecht ist die Grundlage der Macht von Louis Napoleon, er kann es nicht angreifen, und das allgemeine Stimmrecht ist jetzt mit einem Louis Napoleon unverträglich. Und andere dergleichen spekulative Themata, die sich famos ausspinnen ließen. Nach dem aber, was wir gestern gesehen haben, ist auf den peuple gar nichts zu geben, und es scheint wirklich, als ob der alte Hegel in seinem Grabe die Geschichte als Weltgeist leitete und mit der größten Gewissenhaftigkeit alles sich zweimal abspinnen ließe, einmal als große Tragödie und das zweite Mal als lausige Farce, Caussidière für Danton, Louis Blanc für Robespierre, Barthélemy für Saint-Just, Flocon für Carnot, und das Mondkalb mit dem ersten besten Dutzend schuldenbeladener Leutnants für den kleinen Korporal und seine Tafelrunde von Marschällen. Beim 18. Brumaire also wären wir schon angekommen.

Kindisch dumm hat sich das Pariser Volk benommen. Cela ne nous regarde pas; que le président et l’assemblée s’entre-tuent, peu nous importe![5] Aber daß die Armee sich anmaßt, Frankreich eine Regierung, und noch dazu welche, zu oktroyieren, das geht es doch wohl an, und der Mob wird sich wundern, was das für ein allgemeines, „freies“ Stimmrecht ist, das sie nun „seit 1804 zum erstenmal“ ausüben sollen!

Wie weit der offenbar über die Menschheit sehr verdrießliche Weltgeist diese Farce noch fortführen wird, ob wir binnen einem Jahre Konsulat, Empire, Restauration usw. vorüberspazieren sehen werden, ob die napoleonische Dynastie auch erst in den Straßen von Paris geklopft werden muß, ehe sie in Frankreich unmöglich wird, das soll der Teufel wissen. Mir kommt es aber vor, als ob das Ding eine merkwürdig verrückte Wendung nähme, und als ob die Crapauds einer wunderlichen Erniedrigung entgegengingen.