[3] Die gefallene Größe malte sich in seinen schönen Augen.

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Dienstag, 9. März 1847.

Lieber Marx!

Das inliegende Broschürli wurde mir heute morgen von Junge überbracht; Ewerbeck habe es vor einigen Tagen zu ihnen gebracht. Ich sah mir das Ding an und erklärte, es sei von Mosi, und setzte dem Junge dies Punkt für Punkt auseinander. Heute abend sah ich Ewerbeck, er gestand, es gebracht zu haben, und nachdem ich das Ding gehörig heruntergerissen, kommt heraus, daß er selbst, Ewerbeck, der Verfasser des sauberen Machwerkes ist. Er hat es, wie er behauptet, in den ersten Monaten meiner Anwesenheit hier verfaßt. Der erste Rausch, in den ihn die von mir mitgeteilten Neuigkeiten versetzten, hat ihn dazu begeistert. So sind diese Jungens. Während er den Heß auslachte, der sich mit fremden Federn schmückt, die ihm nicht stehen, und den Straubingern verbot, dem Grün zuzustecken, was ich ihnen vortrug, damit der es nicht ebenso mache, setzt er sich hin und treibt es – in der besten Absicht der Welt, wie immer – um kein Haar besser. Moses und Grün hätten die Sachen nicht mehr verhunzt als dieser volkstümliche ...... Doktor. Ich habe ihn natürlich erst etwas verhöhnt und ihm schließlich verboten, je wieder solches Zeug zu laxieren. Aber das sitzt dem Volke in den Knochen. Die vorige Woche setze ich mich hin und schreibe aus Unsinn eine anonym herauszugebende Broschüre über die Lola Montez. Samstag las ich ihm einiges daraus vor, und heute abend erzählt er mir mit gewöhnlicher Bonhommie, daß ihn dies zu einer ähnlichen Produktion inspiriert habe, die er bereits den nächsten Tag über denselben Gegenstand gemacht und dem Mäurer für seine Inkognitozeitschrift (sie erscheint wirklich ganz im geheimen und nur für die Redaktion unter Zensur von Madame Mäurer, die bereits ein Gedicht von Heine gestrichen) eingehändigt. Er teile mir dies jetzt schon mit, um seine Ehrlichkeit zu salvieren und um kein Plagiat zu begehen! Dies neue Meisterstück dieses erpichten und verpichten Schriftstellers wird natürlich eine Übersetzung meines Witzes in solenn-überschwenglichen Stilum sein. Dies letztere Probestück kurzen Gedärmes ist zwar im übrigen wurst, zeigt aber doch, wie dringend nötig es ist, daß entweder Dein Buch oder unsere Manuskripte so rasch wie möglich erscheinen. Die Kerle tragen sich alle mit dem Kummer, daß so famose Ideen dem Volke solange verborgen bleiben, und wissen am Ende kein anderes Mittel, sich diesen Stein vom Herzen zu wälzen, als daß sie selbst so viel davon aus ihrem Darme pressen, als sie passablement verdaut zu haben meinen. Lasse den Bremer also nicht fahren. Wenn er nicht antwortet, schreibe nochmals. Akzeptiere das möglichst Geringe, im Notfall. Diese Manuskripte verlieren mit jedem Monat, den sie auf Lager zubringen, 5 bis 10 Franken pro Bogen an exchangeable value.[1] Noch ein paar Monate, la diète prussienne en discutera, la querelle bien entamée à Berlin,[2] und der Bauer und Stirner sind nicht mehr zu 10 Franken pro Bogen verkäuflich. Bei einer solchen Gelegenheitsschrift kommt man allmählich auf einen Punkt, wo hohes Honorar als Forderung des schriftstellerischen point d’honneur[3] ganz beiseite gesetzt werden muß.

Die Konstitutionsbroschüre bekommst Du baldmöglichst. Ich werde sie auf einzelne Blätter schreiben, damit Du einlegen und weglassen kannst. Wenn Aussicht da ist, daß Vogler einiges zahlt, so frage ihn, ob er den Lola-Montez-Witz – zirka anderthalb bis zwei Bogen – nehmen will, brauchst aber nicht zu sagen, daß das Ding von mir herrührt. Antworte mir umgehend darüber, sonst versuche ich in Bellevue. Du wirst in Débats oder Constitutionnel gelesen haben, daß Schufterle Schlepfer in Herisau vom großen Rat wegen württembergischer Klagen außerstande gesetzt ist, weiter revolutionäres Zeug zu drucken, er selbst hat es in Briefen hierher bestätigt und sich alle Zusendungen verbeten. Also Grund mehr, an dem Bremer zu halten. Ist es gar nichts mit dem, so bleibt nur die „Verlagsbuchhandlung“ in Bellevue bei Konstanz. Au reste, wenn das Unterbringen unserer Manuskripte mit dem Unterbringen Deines Buches kollidiert, so foutiere [schleudere] in Teufels Namen die Manuskripte in eine Ecke, denn es ist viel wichtiger, daß Dein Buch erscheint. Wir beide beißen doch bei unseren Arbeiten darin nicht viel heraus.

Du hast vielleicht in der gestrigen (Montags) Kölner Zeitung einen biedermännischen Artikel über Martin du Nords Skandalgeschichte gelesen. Dieser Artikel ist von Bernays – er macht von Zeit zu Zeit die Börnsteinsche Korrespondenz.

Die hiesige Polizei ist jetzt sehr bösartig. Es scheint, sie wollen mit aller Gewalt eine Emeute oder eine massenhafte Konspiration gelegentlich der Hungersnot herausbeißen. Erst streuen sie allerlei Druckschriften aus und heften placats incendiaires[4] an, und jetzt haben sie gar Brandstiftungsmaschinen gemacht und ausgestreut, die aber nicht angesteckt waren, damit der Épicier die ganze Größe der teuflischen Bosheit erkennen könne. Dazu haben sie die schöne Geschichte mit den communistes matérialistes[5] angefangen, eine Masse Kerls verhaftet, von denen A den B, B den C, C den D kennt usw., und nun auf Grund dieser Bekanntschaft und einiger Zeugenbehauptungen die ganze Masse unter sich meist unbekannte Kerle in eine „Bande“ verwandelt. Der Prozeß dieser „Bande“ wird bald vorkommen, und wenn zu diesem neuen System die alte complicité morale[6] hinzukommt, so kann man jedes beliebige Individuum mit der größten Leichtigkeit verurteilen. Cela sent son Hébert.[7] Auf diese Art ist nichts leichter, als auch den père[8] Cabet ohne weiteres zu verdonnern.

Komme doch, wenn es irgend möglich, im April einmal hierher. Bis zum 7. April ziehe ich aus – ich weiß noch nicht, wohin –, und habe um dieselbe Zeit auch einiges Geld. Wir könnten dann einige Zeit höchst fidel zusammen verkneipen. Da die Polizei jetzt allerdings eklig ist (außer dem Sachsen, von dem ich schrieb, war auch mein alter Gegner Eisermann geschaßt, beide sind hier geblieben, vergleiche K. Grün in der Kölner Zeitung), so ist es allerdings am besten, daß man den Rat des Börnstein befolgt. Versuche beim französischen Gesandten, auf Deine Auswanderung einen Paß zu kriegen; wenn das nicht geht, dann wollen wir sehen, was hier auszurichten ist – es gibt wohl noch einen konservativen Deputierten, der sich durch die sechste Hand rühren läßt. Du mußt platterdings mal wieder aus dem ennuyanten Brüssel weg und nach Paris, und das Verlangen, etwas mit Dir zu kneipen, ist auch meinerseits sehr groß. Entweder mauvais sujet[9] oder Schulmeister, das ist alles, was man hier sein kann; mauvais sujet unter liederlichen Stricken, und cela vous va fort mal quand vous n’avez pas d’argent,[10] oder Schulmeister von Ewerbeck, Bernays und Konsorten. Oder sich von den Chefs der französischen Radikalen weise Ratschläge geben lassen, die man nachher noch gegen die anderen Esel verteidigen muß, damit sie nicht gar zu stolz in ihrer schwammigen Deutschheit sich brüsten. Hätte ich 5000 Franken Renten, ich täte nichts als arbeiten und mich mit den Weibern amüsieren. Wenn die Französinnen nicht wären, wäre das Leben überhaupt nicht der Mühe wert.

Hast Du Louis Blancs [Geschichte der französischen] Revolution gesehen? Ein tolles Gemisch richtiger Ahnungen und grenzenloser Verrücktheiten. Ich habe erst die Hälfte des ersten Bandes in Sarcelles gelesen. Ça fait un drôle d’effet.[11] Kaum hat er einen durch eine nette Anschauung überrascht, so poltert er einem gleich den furchtbarsten Wahnsinn über den Kopf. Aber der Louis Blanc hat eine ganz gute Nase und ist auf gar keiner üblen Spur, trotz allem Wahnsinn. Er bringt es aber doch nicht weiter, als er jetzt schon ist – „ein Zauber bleit ihn nieder“, die Ideologie.