11. Februar 1853.

Lieber Marx!

Da haben wir nun die grande affaire[1] der Herren Kossuth und Mazzini. Unsere Nachrichten hier sind sehr unvollkommen, aber meiner Ansicht nach müssen wir morgen oder Montag hören, daß alles am Ende ist. Mailand ist ein sehr schönes Terrain zum Straßenkampf, wenig gerade Straßen, und diese ohne alle Verbindung, fast überall enge krumme Gassen mit hohen, massiven, steinernen Häusern, jedes eine Festung für sich, die Mauern oft 3 bis 5 Fuß und mehr dick, an Durchbrechen kaum zu denken, die Fenster des rez-de-chaussée[2] mit Eisengittern wie hier und da in Köln versehen (fast allgemein). Aber was hilft das alles, sie haben keine Chance. Nach 1849 hat Radetzky die Befestigungen der alten Zitadelle wieder herstellen lassen, und wenn die fertig sind, und dazu war Zeit genug, so gehört Mailand den Österreichern, solange sie die für Insurgenten ohne Militärinsurrektion uneinnehmbare Zitadelle besitzen. Daß von Bellinzona, wo die Tessiner von jeher zugunsten jeder italienischen Bewegung Massen von Lügen in die Welt schickten, keine weiteren Nachrichten da sind, spricht sehr gegen eine Ausbreitung der Insurrektion in der Umgegend.

Ich halte die ganze Geschichte für sehr mal à propos,[3] da ihr einziger Anlehnungspunkt, außer der Tyrannei der Österreicher in general,[4] doch nur der Montenegrodreck ist, wo après tout[5] auch die türkische „Ordnung“ über die zernogorzische homerische Barbarei siegen muß. Diese großen Diktatoren lassen sich also ganz à la Seiler durch ordinäre diplomatische Staatsaktionen hereinreiten und schwören auf die welthistorische Wichtigkeit der „orientalischen Frage“! Daß sie dabei auf irgendeinen windfall[6] von seiten Louis Napoleons rechnen, ist klar, der wird sie aber, wenn nicht alles gegen die Erwartung geht, schön in der Patsche sitzen lassen und als Anarchisten behandeln. Außerdem ist zu vermuten, daß der Moment des Ausbruchs wie bei allen präorganisierten Aufständen weit mehr durch die lumpigsten Lokalzufälligkeiten bestimmt wurde als durch entscheidende Ereignisse.

Mazzini scheint wenigstens auf dem Fleck zu sein; es ging auch nicht anders. So dumm seine bombastische Proklamation auch ist, so mag sie bei den schwülstigen Italienern doch etwas ziehen. Dagegen der Mann der unbegrenzten Tätigkeit, Kossuth! Celui-là est absolument mort, après cela.[7] Solche lächerliche Prätentionen affichiert man Anno 1853 doch nicht ungestraft. So abgeschmackt auch die abstrakte Insurrektionswut des Mazzini hier erscheint, so glänzend steht er doch da gegen den braven Kossuth, der seine Rolle von Widdin wieder aufnimmt, und aus sicherem Hinterhalt die Befreiung des Vaterlandes aus nichts von nichts zu nichts dekretiert. Der Kerl ist wirklich ein lâche[8] und ein misérable.[9]

Jetzt wollen wir sehen, was die italienischen Bauern machen; selbst im Falle unerhörter unglaublicher Glücksfälle könnten Vater Mazzini und seine Bürger und Adligen da sehr unangenehme Dinge erleben; und wenn die Österreicher Gelegenheit finden, diese Bauern auf den Adel loszulassen, tun sie es gewiß.

Die Österreicher müssen noch 120 000 Mann in Italien haben; wie dagegen zu insurgieren ist, ohne Aufstände unter den Truppen selbst, kann ich nicht absehen. Und an Honvedaufstände in Italien, selbst auf Kossuths Kommando hin, glaube ich nicht; dazu gehören doch größere Ereignisse, und mit Hilfe der drei Jahre Disziplin und Ruhe haben die Österr[eicher] auch manchen harten Honvedhintern weich geprügelt.

Wichtig scheint mir die ganze Geschichte nur als Symptom; die Reaktion gegen den gepreßten Zustand seit 1849 beginnt, und natürlich am wundesten Fleck. Die Sache macht hier viel Effekt, und die Philister fangen an darin übereinzustimmen, daß dies Jahr nicht ruhig vorübergeht. Jetzt eine Mißernte in Corn and Cotton,[10] Geldklemme und Zubehör, und nous verrons![11]

Hast Du die 3 Pfund erhalten, die ich Dir vorige Woche schickte – Donnerstag oder Freitag?

Dein F. E.