20

[Undatiert. Etwa 10. November 1847.]

Lieber Bartholomäus!

Ich kann Dir erst heute schreiben, weil ich erst heute den kleinen Louis Blanc – nach erschrecklichen Kämpfen mit der Portierfrau – zu sehen bekam. Das Resultat meiner langen Unterredung mit ihm ist, daß der kleine Mann zu allem bereit ist. Er war die Höflichkeit und Freundschaftlichkeit selbst und scheint nichts dringender zu wünschen, als mit uns in die engste Verbindung zu treten. Auch das französisch-nationale Protektionswesen hat er gar nicht an sich. Ich hatte ihm geschrieben, ich käme mit mandat formel[1] der Londoner, Brüsseler und Rheinischen Demokratie zu ihm, ebenso als chartist agent.[2] Er erkundigte sich genau nach allem; ich schilderte ihm den Stand unserer Partei als äußerst brillant, sprach von der Schweiz, Jacoby, den Badensern als Alliierten usw. – Du seiest der Chef: vous pouvez regarder M. Marx comme le chef de notre parti (i. e. de la fraction la plus avancée de la démocratie allemande, que je représentais vis-à-vis de lui) et son récent livre contre M. Proudhon comme notre programme.[3] Dies nahm er sich sehr ad notam. Dann versprach er mir schließlich, sich über Dein Buch in der Réforme zu prononcieren [äußern]. Er erzählte mir eine Masse Zeugs über das mouvement souterrain,[4] das jetzt bei den Arbeitern vor sich gehe; die Arbeiter hätten seine organisation du travail[5] in 3000 Exemplaren wohlfeil gedruckt und nach vierzehn Tagen sei eine neue Auflage von 3000 Exemplaren nötig geworden – er sagte, die Arbeiter seien revolutionärer als je, aber hätten gelernt ihre Zeit abwarten, keine Emeuten, nur große Schläge mit gewissem Erfolg zu machen usw. Übrigens scheint er sich auch in Beziehung auf die Arbeiter das Protegieren abgewöhnt zu haben. Quand je vois des choses comme ce nouveau programme de M. de Lamartine, cela me fait rire! Pour bien juger de l’état actuel de la société française, il faut être dans une position qui vous permet de voir un peu de tout, d’aller le matin chez un ministre, l’après-dîner chez un négociant, et le soir chez un ouvrier.[6] Die kommende Revolution werde ganz anders und viel durchgreifender sein als alle früheren, und es sei reine bêtise[7], fortwährend bloß gegen Könige usw. zu brüllen. Schließlich war er sehr artig und ganz kordial. Du siehst, mit dem Mann ist all right, il a les meilleures dispositions du monde.[8] Von Dir sprach er mit großer Teilnahme; es tat ihm leid, daß Ihr etwas froidement[9] voneinander gegangen seid usw. Eine besondere Vorliebe hat er noch immer für eine in Paris herauszugebende deutsche und französische Revue. Vielleicht später zu benutzen. – Über Ruge, nach dem er frug, setzte ich ihm einen Floh ins Ohr; il s’est fait le panégyriste de la Diète prussienne, et cela même après que la diète s’était séparée sans résultat. – Donc il a fait un pas en arrière?[10] Jawohl. – Mit père Flocon bin ich ebenfalls im besten Zuge. Bei diesem bin ich erst als Engländer aufgetreten und frug im Namen Harneys, warum er den Star so ignoriere. Ja, sagte er, es täte ihm leid, er spräche gar zu gern davon, nur sei kein Mensch auf der Redaktion, der englisch verstehe! Ich bot mich an, ihm wöchentlich einen Artikel zu machen, akzeptiert de grand coeur.[11] Als ich ihm sagte, ich sei Korrespondent des Star, wurde er ganz gerührt. Wenn das so fortgeht, so haben wir in vier Wochen diese ganze Richtung gewonnen. Flocon will von mir einen Aufsatz über den Chartismus für Privatgebrauch haben, er weiß nicht die blasseste Laus davon. Ich werde gleich zu ihm gehen und ihn weiter in unsere Netze verstricken. Ich werde ihm sagen, das Atelier mache mir Avancen (was wahr ist, ich gehe noch heute abend hin), und ich werde sie ausschlagen, wenn er sich anständig benehme. Das wird sein biederes Herz rühren. – Bin ich erst hier etwas weiter und im französisch Schreiben etwas geübter, so geht’s auf die Revue Indépendante los.

Ich vergaß ganz, den Louis Blanc zu fragen, warum er Deinen Artikel vom Kongreß nicht aufgenommen. Ich werde ihm das nächstens vorrücken, wenn er zu mir kommt. Übrigens zweifle ich, ob er Dein Buch überhaupt erhalten hat. Er wußte sich dessen heute gar nicht zu besinnen. Auch vor meiner Abreise sprach er sehr unbestimmt davon. Ich erfahre das in ein paar Tagen. Hat er’s nicht, so gebe ich ihm mein Exemplar. –

Denke Dir, der kleine Bernays, der hier herumläuft und den „Märtyrer“ spielt, den von aller Welt Verratenen, „der aller Welt geholfen hat, mit Geld oder gutem Rat“ (littéralement[12]), diese Bestie hat a horse and gig,[13] ein Schimmelchen und ein Kabriolett! Natürlich Börnstein hat’s, aber das ist wurst. Derselbe Kerl, der heute sich als gedrückten, geldlosen Märtyrer hinstellt, renommiert morgen damit, daß er der einzige sei, der Geld zu verdienen wisse. Er hat 21 Bogen! über die Affäre Praslin gekaut, die in der Schweiz erscheinen. Der Kern der Sache ist der, daß nicht la duchesse, sondern le duc[14] der Märtyrer ist!! Auf seine Renommagen mit dem Märtyrtum habe ich ihm durch eine Mahnung wegen alter, mir schuldiger 60 Franken antworten lassen. Er wird vollständig Industrieller und prahlt damit. Übrigens ist er wahnsinnig. – Ewerbeck selbst schäumt wider ihn. – Cabet habe ich noch nicht gesehen. Er freut sich, wie es scheint, daß er wegkommt. Er merkt, daß die Sachen hier anfangen bröcklig und mürb zu werden. Flocon will losschlagen, Louis Blanc nicht; das ist ganz richtig, obwohl Louis Blanc auch in allerlei Geschichten trempiert [mitmacht] und sich im voraus freut über die plötzliche Aufschüttelung der Bourgeoisie aus ihrer Sicherheit bei der plötzlich hereinbrechenden Revolution. – –

Ich bin bei père Flocon gewesen. Der brave Mann war die Kordialität selbst, und meine biedermännische Ehrlichkeit, mit der ich ihm meine Geschichte mit dem Atelier erzählte, trieb ihm fast die Tränen in die Augen. Ich kam vom Atelier auf den National zu sprechen: Lorsque à Bruxelles nous discutions la question à quelle fraction de la démocratie française on s’adresserait, nous étions unanimement d’accord que dès le premier abord on se mettrait en rapport avec la Réforme; car à l’étranger il existe de fortes et de bien fondées préventions contre le National. D’abord les préjugés nationaux de cette feuille empêchent tout rapprochement – „oui oui, c’est vrai“, sagte Flocon, „et ceci était même la raison pour laquelle la Réforme fut fondée; nous avons déclaré dès le premier jour que nous ne voulons pas de conquêtes“ – et puis, fuhr ich fort, si je peux en croire mes prédécesseurs, car moi je n’ai jamais été au National, ces messieurs se donnent toujours l’air de vouloir protéger les étrangers, ce qui au reste est parfaitement d’accord avec leurs préjugés nationaux; et nous autres, nous n’avons pas besoin de leur protection, nous ne voulons pas de protecteurs, nous voulons des alliés. – „Ah oui, mais c’est tout à fait différent avec nous, nous n’y pensons pas.“ – C’est vrai, aussi n’ai-je qu’à me louer des procédés de Messieurs de la Réforme.[15] Aber wie das geholfen hat, daß ich dem kleinen Blanc unsere Geschichten ins Gedächtnis zurückgerufen. Deine Kongreßrede hatte er, à ce qu’il paraît,[16] ganz verschmissen gehabt; heute hat er sie gleich hervorgesucht und an Flocon geschickt mit einem sehr dringenden Billett, sie gleich abzudrucken. Ich explizierte dem Flocon das Ding; der Mensch begriff das cur, quomodo, quando[17] nicht, weil der Blanc sie ihm ohne alle weitere Erklärung geschickt. Flocon bedauerte sehr, daß die Sache schon so alt geworden sei; er sei parfaitement d’accord[18] damit, aber jetzt sei es zu spät. Doch wolle er sehen, ob er’s nicht in einem Artikel unterbringen könne. Er wolle sein möglichstes tun.

Der Artikel über Lamartines fromme Wünsche in der Réforme ist von Louis Blanc, wie Du gesehen haben wirst. Er ist nicht übel, in jeder Beziehung tausendmal besser als der ewige Flocon. Er würde den Lamartine gewiß sehr derb angreifen, wenn er nicht jetzt gerade sein Konkurrent wäre.

Du siehst, die Leute sind so gut disponiert, wie man nur wünschen kann. Ich stehe mit ihnen schon jetzt zehnmal besser, als Ewerbeck je mit ihnen stand. Diesem werde ich jetzt gänzlich verbieten, zu schreiben für die Réforme. Er mag sich an den National schmeißen und dort Venedey und Komp. Konkurrenz machen; da ist er unschädlich und bekommt doch nichts gedruckt.

Nachher war ich noch auf dem Atelier. Ich habe eine Berichtigung wegen eines Artikels der vorigen Nummer über englische Arbeiter hingebracht, die auch hereinkommt. Die Leute waren sehr artig; ich erzählte ihnen un tas d’anecdotes[19] über englische Arbeiter usw. Sie forderten mich dringend auf, mitzuarbeiten, was ich aber nur im Notfall tun werde. Denke Dir, der rédacteur en chef meinte, es wäre wohl gut, wenn die englischen Arbeiter eine Adresse an die französischen erließen, sie auffordernd, der libre-échange-Bewegung[20] entgegenzutreten und den travail national[21] aufzustecken! Quel héroïque dévouement![22] Damit fiel er aber selbst bei seinen eigenen Leuten durch.