Teils aus Unwohlsein, teils aus Absicht komme ich in den Pulteney stores mit den anderen nur noch an den offiziellen Tagen zusammen. Da die Herren so viel debattiert haben, ob diese Gesellschaft ennuyant ist oder nicht, überlasse ich es natürlich ihnen selbst, über die Komforts ihrer Unterhaltung sich wechselseitig zu verständigen. Mich aber mache ich rar. Wir haben beide die Erfahrung gemacht, daß man bei diesen Leuten in demselben Maße im Werte sinkt, als man sich ihnen liberal zuführt. Zudem bin ich sie müde und will meine Zeit möglichst produktiv ausnutzen. Freund Schramm, der seit mehreren Wochen den Malkontenten spielte und sich endlich überzeugt hat, wie man durchaus nicht geneigt ist, dem natürlichen Laufe seiner Gemütsstimmungen Hindernisse in den Weg zu legen, eignet sich nach und nach den mit dem Model-Lodging-house[2] verträglichen Humor wieder an.
Unterdessen haben die großen Männer der Great Windmillstreet[3] einen Triumph erlebt, wie folgt [wir geben das von Marx im französischen Texte mitgeteilte Manifest gleich in Übersetzung. D. H.]:
„An die Demokraten aller Nationen. Bürger! Verbannte Flüchtlinge in England und schon allein dadurch besser placiert, um die politischen Bewegungen des Festlandes zu beurteilen, haben wir alle Kombinationen der koalierten Mächte verfolgen und tätig überwachen können, die sich auf eine neue Besetzung Frankreichs rüsten, wo (sehr scheene!) die Kosaken des Nordens von ihren Mitverschworenen erwartet werden, um (noch einmal: erwartet, um) in seinem eigenen Heim (die Geburtsstätte von Barthélemy und Pottier) den Vulkan der Weltrevolution auszulöschen. Die Könige und die Aristokraten Europas haben begriffen, daß es Zeit sei, Dämme aufzuführen, um die Volksflut (hieße besser die Volksversumpfung) aufzuhalten, welche ihre wankenden Throne zu verschlingen droht. – Zahlreiche, in Rußland, in Österreich, in Preußen, in Bayern, in Hannover, in Württemberg, in Sachsen, kurz in allen Staaten Deutschlands aufgebotene Truppen sind bereits vereinigt. (Truppen ... sind bereits vereinigt!) In Italien bedrohen 130 000 Mann die schweizerische Grenze. Der Vorarlberg ist von 80 000 Mann besetzt. Der Oberrhein ist mit 80 000 Mann, Württemberger, Badenser und Preußen, besetzt, der Main von 80 000 Bayern und Österreichern bewacht. Während 370 000 Mann die von uns bezeichneten Punkte besetzt halten, hat Preußen 200 000 Soldaten mobil gemacht, die es bereit hält (sic!), gegen die Grenzen Belgiens und Frankreichs geworfen zu werden; Holland und Belgien werden durch die Koalitionen gezwungen, die Einmarschierungsbewegung mit einer 150 000 Mann starken Armee zu unterstützen. In Böhmen stehen 150 000 Mann bereit und warten nur auf Order, um sich mit der Mainarmee zu vereinigen, die dann 230 000 Mann stark sein würde. Um Wien herum sind 80 000 Mann konzentriert. 300 000 Russen lagern in Polen und 80 000 in der Umgebung St. Petersburgs. Diese Armeen bilden zusammen eine Heeresmacht von einer Million dreimalhunderttausend Kämpfern, die nur auf das Signal zum Angriff warten. Hinter jenen Truppen halten sich ferner bereit 180 000 Österreicher, 200 000 Preußen, 100 000 von den Kleinstaaten Deutschlands gestellte Mannschaften und 120 000 Russen, welche Armeen zusammen eine Reservetruppe bilden von 700 000 Mann, ohne die unzählbaren (sic!) Horden von Barbaren, welche der moskowitische Attila hervorbrechen lassen würde, um sie wie einst (!) auf die europäische Zivilisation zu werfen. Deutsche Blätter (wird nämlich in einer Note ein ... Satz aus der Neuen Deutschen Zeitung zitiert, um Lüning günstig zu stimmen) und unsere eigenen Ermittlungen lassen uns die geheimen Pläne der Mächte erkennen, deren Bevollmächtigte am vergangenen 25. Oktober in Warschau versammelt waren. Es wurde in der (!) Konferenz beschlossen, daß ein Scheinkrieg (Teufel, was für Diplomatie!) zwischen Preußen und Österreich als ein Vorwand dienen solle für die Bewegung der Soldaten, die der Wille des Zaren in blinde Werkzeuge und wilde Meuchelmörder gegen die Verteidiger der Freiheit verwandelt. (Bravo!) Im Angesicht dieser Tatsache ist kein Zweifel mehr möglich: man organisiert in diesem Augenblick die schon begonnene (!!) Niedermetzelung aller Republikaner. Die Tage des Juni 1848 mit ihren blutigen Hinrichtungen und den auf diese folgenden Ächtungen – die Verwüstung und Knechtung Ungarns durch Österreich –, die Auslieferung Italiens an den Papst und die Jesuiten nach der Erdrosselung der römischen Republik durch die Soldaten der französischen Regierung haben die Wut unserer Feinde nicht stillen können. Sie träumen von der Knechtung aller Völker, die für den Triumph der allgemeinen Freiheit kämpfen. Wenn die Demokratie nicht acht gibt, werden Polen, Ungarn, Deutschland, Italien und Frankreich bald wiederum dem Wüten der wilden Soldateska des Nikolas preisgegeben sein, der den Barbaren, um sie zum Kampfe anzustacheln, die Verwüstung und Ausplünderung Europas verspricht. – Gegenüber dieser Gefahr, die uns bedroht, auf, auf! ... französische, deutsche, italienische, polnische und ungarische Republikaner, erheben wir uns aus dieser Erstarrung (Pot Schapper und Willich!), die unsere Kräfte entnervt und unseren Unterdrücker den Sieg leicht macht. Auf! ... Lassen wir auf die Tage der Ruhe und jetzigen Schmach die Tage der Mühen und des Ruhmes folgen, die uns der heilige Krieg für die Freiheit vorbereitet! Wenn Ihr die Gefahren prüft, die wir Euch anzeigen, so werdet Ihr wie wir begreifen, daß es Wahnsinn wäre, länger den Angriff des gemeinsamen Feindes abzuwarten; wir müssen alles vorbereiten und der Gefahr, die uns umgibt, zuvorkommen. (Kommt einmal einer Gefahr zuvor, die Euch umgibt!) Bürger, Sozialdemokraten, unser Heil liegt nur bei uns selbst, wir dürfen nur auf unsere eigenen Kräfte rechnen, und aus den Beispielen der Vergangenheit belehrt, müssen wir uns gegen die Verrätereien im voraus waffnen. Vermeiden wir, vermeiden wir insbesondere die Falle, die uns von den Schlangen (!) der Diplomatie gestellt wird. Die Schüler der Metternich und Talleyrand sinnen in diesem Moment darauf, die Fackel der Revolution dadurch auszulöschen, daß sie Frankreich durch die Invasion, die sie vorbereiten, zu einem nationalen Kriege bewegen, in welchem die Völker zum Vorteil der Feinde ihrer Befreiung einander die Kehlen abschneiden würden! Nein, Bürger! Kein Nationalkrieg mehr! Die Schlagbäume, welche die Despoten zwischen den Nationen, die sie unter sich geteilt, errichtet hatten, werden fortan für uns niedergerissen sein, und die in eins verschmolzenen Völker haben nur noch eine Fahne, auf welche wir mit dem fruchtbaren Blut unserer Märtyrer geschrieben haben: ‚Universelle demokratische und soziale Republik!‘ Für ihre Vereine: Die Mitglieder des Komitees der geächteten französischen Sozialdemokraten in London: Adam (Combreur), Barthélemy (Emml), Caperon (Paulin), Favon, Gouté, Thierry, Vidil (Jules). Die Delegierten der ständigen Kommission der Sektion der polnischen Demokratie in London: Sawaszkiewicz, Waßkowski. Die Mitglieder des sozialdemokratischen Komitees deutscher Flüchtlinge und des Deutschen Arbeitervereins: Dietz (Oswald), Gebert (A.), Mayer (Adolf), Schärttner (A.), Schapper (Karl), Willich (August). Die Delegierten des Ungarischen Demokratischen Vereins in London: Molihary, Simonyi. London, den 16. November 1850.“
Als ich das Manifest [Ledru-]Rollin, Mazzini, Ruge usw. an die Deutschen gelesen hatte, worin man sie auffordert, das Bardiet zu singen, [und] sie erinnert, daß ihre Vorfahren „Franken“ hießen, und worin der König von Preußen schon abgemacht hatte, sich von Österreich klopfen zu lassen, glaubte ich, etwas Dümmeres sei unmöglich. Mais non![4] Kommt das Manifest Ganon Caperon Gouté, wie die Patrie es nennt, der dii minorum gentium,[5] mit demselben Inhalt, wie sie richtig bemerkt, aber ohne Chic, ohne Stil, mit den armseligsten Rednerblumen von serpents[6] und sicaires[7] und égorgements![8] Die Indépendance erzählt, indem sie einige Sätze aus diesem Meisterwerk mitteilt, es sei von den soldats les plus obscurs de la Démocratie[9] abgefaßt, und diese armen Teufel hätten es ihrem Korrespondenten in London zugeschickt, obgleich sie konservativ sei. So sehr sehnten sie sich nach dem Drucke. Sie nennt zur Strafe keinen Namen, wie die Patrie nur die obigen drei nennt. Zur Erfüllung der Mission geben sie von hier einem Straubinger (selbiges Subjekt hat die klägliche Geschichte gestern dem Pfänder erzählt) 50 Exemplare nach Frankreich mit. Kurz vor Boulogne schmeißt er 49 Stück ins Meer, in Boulogne wird Bruder Straubinger wegen mangelnden Passes zurückgeschickt nach London und erzählt, „daß er jetzt nach Boston gehe“.
Lebe wohl und schreibe umgehend
Deinem K. M.
Apropos. Schreibe doch einmal dem würdigen Dronke, daß er in Bundesangelegenheiten antwortet und nicht nur im Falle von Tretbriefen schreibt. Die Herren Kölner haben noch nichts hören lassen. Weydemeyer nennt „Haude“, der sein ganzes Fell in Deutschland eingebüßt hat und wieder hier ist, einen „sonst wackeren Burschen“.
Du mußt ernsthaft nachdenken, worüber Du schreiben willst. England geht nicht, da schon zwei Themata darüber, vielleicht drei mit Eccarius. Über Frankreich ist auch nicht viel zu sagen. Könntest Du nicht vielleicht, an Mazzinis neueste Sachen anknüpfend, die biederen Italiener samt ihrer Revolution einmal packen? (Sein „Republik und Monarchie usw.“ nebst seiner „Religion, der Papst usw.“)
[Anschrift von Frau Marx.]
Lieber Engels!