Schulen in den Backwoods.
Schulen und Urwald sind eigentlich zwei einander sehr entgegengesetzte Begriffe. Die wild und schauerlich rauschenden Baumwipfel und das Erlernen von Gegenständen, die gerade in ihrem Schatten am wenigsten anwendbar sind, stehen sich einander fast zu unvereinbar und schroff gegenüber; es ist aber hiermit wie mit der Fabel von dem Baume, der dem Menschen erlaubte ein kleines Stück Holz, nur so viel als er zum Stiel einer Axt gebrauchte, zu nehmen, und sich bald darauf durch diesen ihm so gering erschienenen Span angegriffen und gefällt sah. So ist es mit den Schulen im Urwald: zuerst sammeln sich in roh aufgeschlagener Hütte, im Schatten und unter dem Schutz der Wildnisse, die Kinder und jungen Leute aus den vereinzelten Ansiedlungen und Jägerwohnungen; aber ihre Fähigkeiten wachsen — bald stehen ihnen die sie umstarrenden Riesenstämme zu beengend und hemmend im Weg und die herrlichen Bäume fallen, der Wald wird gelichtet, das Land urbar gemacht, Farmen und Städte springen auf und der Pflug durchfurcht den Platz, Lastwagen knarren über die Stelle wo noch vor wenigen Monden der Bär sein stilles und ungestörtes Lager aufgeschlagen, wo kein Laut das feierliche Waldesschweigen gebrochen hatte, als der gellende Schrei des Panthers und der schauerliche Ruf der Eule und des Whip-poor-will.
Es ist eine traurige Wahrheit, der Poesie des Lebens folgt die trockene, ernste Prosa, der fröhlichen Jugendzeit das gesetzte, sorgenvolle Alter, den bunten, glänzenden Luftschlössern des Kindes die düsteren, kalten Gebäude des Mannes mit ihren zugigen Gängen und rauchenden Kaminen, dem Brautstand die Ehe, dem freien, sorglosen Waldleben der Pflug und die Egge des Landmanns und die dumpfige Schreibstube des Gelehrten und Kaufmanns. Die Leute sagen: die Welt wird besser, der Segen der Civilisation spricht aus den wallenden Getreidefeldern und den friedlich rauchenden Hütten des Landmanns, aus den blühenden Städten und belebten Landstraßen, die sich zwischen grünen Hecken und blühenden obstbäumen hinziehen; aber die Natur trauert. Aus tausend qualmenden Fabrikschlünden wälzt sich erstickender Kohlendampf und legt sich wie giftiger Mehlthau auf die grünen Matten, der Staub der Landstraßen bedeckt Blätter und Blüthen, und gespalten und aufgerissen lechzt die schmachtende Erde, des kühlen Schattens ihrer Wälder beraubt, nach Thau und Erquickung.
»Die Welt ist civilisirt und hat ihren großen Endzweck, sich zu vervollkommnen, erreicht,« so sagen die Weißen; der Indianer aber wickelt sich schweigend in seine Decke, wirft noch einen trauernden Blick auf diese Civilisation, die ihm freilich, da sie sein Alles, seine Heimath, sein Glück zerstörte, Verwüstung erscheint, und — stirbt. — Die Welt ist civilisirt.
Doch ich spreche hier Gefühle aus, welche in Europa wohl wenig Anklang finden möchten; die Welt ist civilisirt und die Leute kennen sie hier nicht anders — sie sind sich »nur des einen Triebes bewußt,« und es ist auch vielleicht recht gut so; das wilde Leben muß der Cultur, die rohe Kraft dem höheren Geiste weichen, und die Gebeine des Indianers düngen mit dem Wald, der einst seine Heimath war, den Acker des weißen Mannes.
In den Vereinigten Staaten von Nordamerika geht diese Umgestaltung mit rasend schnellen Schritten vor sich, und wie bei einer Feuersbrunst die Flamme zu gleicher Zeit züngelnd nach tausend verschiedenen Stellen hinüberleckt und weit und weiter um sich greift, so bricht sich auch Aufklärung und Cultur im Norden, Westen und Süden Bahn durch die Wildniß, und noch von den Wigwams der Ureinwohner umgeben, entsteigen blühende Pflanzungen und Kirchen und Schulen vor den Blicken des erstaunten Indianers dem Boden.
Die Bevölkerung der verschiedenen Staaten ist namentlich in den letzten zehn Jahren ungeheuer gewachsen; nach einer Zählung vom Januar 1840 belief sich die Gesammt-Einwohnerzahl auf 17,062,566 Seelen, die jetzt auf 23 Millionen gestiegen ist. Unter diesen waren 386,245 freie Neger und Abkömmlinge von Negern, oder sogenannte coloured persons, ferner 2,487,213 Sklaven und 14,189,108 freie Weiße. Von den letzten 14 Millionen waren 6,439,700 zwanzig und über zwanzig Jahre alt, und von diesen konnten noch 549,693 weder schreiben noch lesen. Hieran waren aber bis jetzt größtentheils die Kriege und Kämpfe mit den Eingebornen Schuld, denn die kühnen Pionniere des Westens, allein und unbeschützt zwischen ihnen feindlich gesinnten Stämme vorgedrungen, konnten, wenn sie wirklich die Kenntnisse dazu besaßen, keine Zeit darauf verwenden ihre Kinder zu unterrichten, so lange es galt, Tag und Nacht ihr eigenes Leben und Eigenthum gegen den schlauen und wilden Feind zu schützen; jetzt aber, wo dieser, mehr und mehr verdrängt, bald nur noch in der Erinnerung der alten Leute und in den Sagen und Erzählungen der Nachwelt leben wird, ändert sich auch dieses. Der Wald ist sicher und die Kinder dürfen allein das schützende Haus verlassen, um der meilenweit entfernten Schule zuzueilen.
Die Anzahl von Schulen in Nordamerika ist beträchtlich; Universitäten und höhere Schulen giebt es 173, Real- und Vorbereitungsschulen 3242 und von den geringeren im ganzen Lande zerstreuten Instituten für die ersten Anfangsgründe, von sogenannten Abcschulen, 47,209. Auf die erstern werden dabei 16,233, auf die mittlern 164,159 und auf die letztern 1,845,244 Schüler gerechnet, wozu noch 468,264 auf Staatskosten oder Freischüler gezählt werden müssen. Die Universitäten und Schulen der östlichen und selbst der südlichen Staaten sind übrigens den europäischen zu ähnlich, um hier besonders viel über sie zu sagen, die westlichen oder Backwoodsschulen aber zeichnen sich dagegen durch so viel Eigentümliches aus, daß sie allerdings eine kurze Beleuchtung verdienen, die manchem nicht uninteressant erscheinen wird.
Vom Staate selbst ist für die Erziehung der Kinder immer die sechzehnte Section (640 Acker) jedes Townships[7] bestimmt, und wird das »Schulland« genannt. Dieses soll nur zum Nutzen der Schulen und des ihnen vorgehenden Lehrers verwendet werden; in den westlichen Staaten aber, den sogenannten Backwoods, geschieht wenig mehr mit diesem Landstrich, der, wie es sich trifft, bald aus dem herrlichsten, bald aus dem schlechtesten Boden besteht, als daß höchstens ein kleines Blockhaus, das Schulgebäude, darauf errichtet wird und der Schullehrer, welcher eine solche Stelle selten auf länger als ein oder zwei Jahre, oft nur für eine Jahreszeit, den Winter, übernimmt, ein kleines Stückchen davon urbar macht und Kartoffeln oder Mais hineinpflanzt, was denn vielleicht im nächsten Jahr, wenn sich sein Nachfolger nicht darum bekümmert, so verwächst und verwildert, daß es, ordentlich wie zornig darüber, seinem Naturzustande auf kurze Zeit entrissen gewesen zu sein, mit dem tollen Gewirr von Unterholz und Schlingpflanzen gar nicht wieder zu lichten ist. Sonst beschützen es aber die in der Nähe lebenden Ansiedler insofern, daß sie den Flötzern (rafters) nicht gestatten, sich von diesem Landstrich, wenn er gerade bequem an einem Wasserlauf liegen sollte, Stämme zu holen und diese den Fluß hinabzuschwemmen, gegen welchen Erwerbszweig sie sonst, wenn es blos Onkel Sams[8] Grund und Boden wie Holzung betrifft, höchst nachsichtig sind.