Immer tobender raste indessen der Sturm, darum aber ganz unbekümmert, befühlte Bob mit vorsichtiger Hand und geräuschlosen Bewegungen die Waidtasche, und nach und nach, fast unmerklich seine Finger unter des Schlummernden Kopf bringend, gelang es ihm nach mehreren Minuten, die Flasche der Ledertasche zu entrücken.
Wäre es Tageshelle gewesen, so hätte man des Indianers Gesicht wohl ein triumphirendes Lächeln überfliegen sehen können, als er geräuschlos und mit geübter Hand den Kork abzog, so aber ward nur gleich darauf der leise, gluckende Laut gehört, wie der heiße erquickende Trank die Kehle des Durstigen hinunterglitt, und lange, lange sogen seine Lippen an dem engen Hals der Korbflasche. Endlich war auch der letzte Tropfen geleert, und Bob setzte, tief Athem holend, ab, versuchte dann zwar noch einmal, dem Boden einen vielleicht zurückgehaltenen Rest zu entziehen, die Nachlese fiel aber wenig ergiebig aus, und er bemühte sich jetzt, die entwendete Flasche wieder an ihren früheren Platz zurück zu schaffen. Um jedoch keinen unnützen Verdacht zu erregen, schob er sie vorsichtiger Weise verkehrt, mit der Öffnung nach unten, in die Tasche und ließ den Kork daneben in das Laub fallen, dann kroch er auf seinen alten Standpunkt zurück, und war bald ebenfalls, trotz stürmenden Unwetters und heulender Windsbraut, sanft und ruhig eingeschlafen.
Kalt und schaurig brach der Morgen an, die Gewitter hatten sich verzogen, aber schwere, dunkele Wolkenschichten schienen in an einander gepreßten Massen auf den Wipfeln der Bäume zu ruhen; ein feiner, dünner Regen stäubte nieder und einzelne Windstöße schüttelten in Schauern die großen Tropfen auf das fest an den Boden geschmiegte gelbe Laub hernieder.
Sechingen, obgleich schon seit längerer Zeit erwacht, fürchtete fast, sich in den naßkalten Falten der Decke zu bewegen, und lag regungslos in einander gekrümmt, bis es heller Tag geworden war; endlich ermannte er sich, sprang, die Hülle von sich werfend, auf die Füße, und schaute mit trostlosem, mattem Blick auf die ihn umgebende, keineswegs lächelnde Natur.
»Das also ist Urwald!« seufzte er leise vor sich hin, indem er einige der, trotz der kühlen Morgenluft auf ihn einstürmenden Mosquitos von sich abzuwehren suchte – »das ist Urwald? – eine sehr schöne Gegend – daß mich der Böse auch plagen mußte, dem Rath des Narren in Little-Rock zu folgen; der Indianer schläft dabei in seinem dünnen, baumwollenen Jagdhemd, als ob er im weichsten Federbett läge.«
Die Wahrheit zu gestehen, schlief Bob aber eigentlich nicht, sondern war schon, um sich zu erwärmen, seit einer Stunde hin- und hergelaufen, hatte sich aber, um wegen der Flasche nicht befragt zu werden, schnell wieder unter den Baum geworfen, sobald er das Munterwerden seines Marschgefährten bemerkte.
»Bob!« wollte dieser jetzt rufen, aber Du lieber Gott, keinen Ton brachte er aus der Kehle, der Hals war ihm wie zugeschnürt und er konnte sich selbst kaum vor Heiserkeit reden hören; nochmals versuchte er »Bob!« zu sagen, aber vergebens und seine Worte wurden zu einem kaum hörbaren Hauch. Er trat daher dicht neben den Indianer, und schüttelte diesen, bis er auf die Füße sprang und sich nun langsam, wie eben erst aus tiefem Schlaf erwacht, nach den Bäumen und Wolken umschaute.
»Wie weit haben wir noch bis zum nächsten Haus?« frug Sechingen jetzt mit seiner leisen, röchelnden Stimme.
»Könnt laut reden,« sagte der Indianer, das Schloß seiner Büchse abtrocknend und frisches Pulver auf die Pfanne streuend, »kein Wild hier, finden aber welches; dieser Morgen guter Jagdtag.«
»Ich kann nicht laut reden – ich habe mich ja erkältet,« flüsterte Sechingen ärgerlich.