»Ist immer zurecht gemacht,« erwiederte Charley, »nur fort, sonst werden Sie noch zurückgelassen. Also wohl gemerkt – an der Mündung des Fourche la fave lassen Sie sich aussetzen, und wenn Sie Alles in Richtigkeit haben, so kommen Sie nur her, und holen sich Ihre Sachen – apropos – grüßen Sie mir die Deutschen oben.«

Herr von Sechingen eilte jetzt auf das Boot, es dauerte jedoch gar nicht lange, bis Charley mit dem versprochenen Indianer nachkam und ihn auch kaum noch abliefern konnte, denn eben schellte die Glocke zum dritten und letzten Mal, die Taue wurden eingenommen, ein flüchtiges Lebewohl den am Ufer Bleibenden zurückgerufen, und fort schoß der Koloß, das »schwimmende Gasthaus« gegen den Strom an, dem fernen, fernen Westen zu.

Der Deutsche versuchte indessen mit dem Indianer ein Gespräch anzuknüpfen, fand diesen aber zu einer langen Unterhaltung keineswegs aufgelegt, und konnte auf seine Fragen, da dieser noch dazu sehr gebrochen englisch sprach, nur kurze, und meistens unbefriedigende Antworten erhalten, so daß er seine Erkundigungen endlich einstellte und bei sich dachte, im Walde würde der rothe Sohn der Wälder auch wohl gesprächiger werden.

Dieser rothe Sohn der Wälder sah übrigens ganz anders aus, als sich Sechingen eigentlich die Indianer, jene stolzen, kriegerischen Häuptlinge gedacht hatte. Ein früher einmal blau gewesenes, baumwollenes Jagdhemd hing ihm lose um die Schultern, die Beine staken in grau wollenen Beinkleidern, die Füße in mächtigen groben Schuhen, auf dem Kopf saß ihm, bis tief in die Augen hinein, ein alter zusammengedrückter Strohhut, unter dem die langen, schwarzen Haare wild und unordentlich hervorquollen, und im Gürtel, der sein Jagdhemd zusammenhielt, stak ein kurzes, schmales Messer, während an seiner rechten Seite eine kleine lederne Tasche, auf seiner linken Schulter eine zusammengewickelte wollene Decke hing und eine lange, keineswegs prachtvoll aussehende Büchse mit Feuerschloß, die Bewaffnung und Ausrüstung dieses sonderbaren Wesens beendete.

Dem jungen Sechingen blieb jedoch kaum Zeit, dieß Alles an seinem neuen Reisegefährten und Begleiter zu bemerken, denn fast sämmtliche, sich auf dem Dampfboot befindenden Amerikaner drängten sich um ihn her und begannen mit der liebenswürdigsten Unbefangenheit von der Welt seine Waffen und ganze Ausrüstung anzustaunen und zu betrachten. Einer nahm ihm, mit einem freundlichen »if you please« (wenn Sie erlauben) die Büchse aus der Hand und knackte unzählige Male die Schlösser, ein Anderer zog, ohne zu sagen »if you please,« den Hirschfänger aus der Scheide und untersuchte die Schärfe desselben, ein Dritter zupfte an dem Patentschrotbeutel, bis er die Kapsel glücklich herausbrachte und eine ganze Ladung Schrot auf's Deck streute, kurz es fehlte nicht viel, so hätten sie ihn wie eine Puppe aus- und wieder angezogen.

Von Sechingen ließ sich im Anfang wirklich Alles mit vieler Gutmüthigkeit gefallen, es schien sogar seiner Eitelkeit etwas zu schmeicheln, von Jedem so bewundert zu werden; nach und nach ward ihm die Sache aber doch ein wenig lästig und er nahm, ohne viele Umstände, sein verschiedenes Eigenthum wieder an sich. Die Amerikaner frugen ihn jedoch fast bei jedem Stück, wie er es verkaufen wolle und wunderten sich sehr, als er ihnen sagte, daß er Nichts von alle dem veräußern würde. Einer wünschte sogar zu wissen, wie er seine Stiefeln gegen ein paar andere, erst wenige Wochen getragene vertauschen, d. h. ob er noch Aufgeld haben wolle, denn daß er sie, wenn ihm der Handel gut schiene, überhaupt vertauschen würde, verstände sich, glaubten die Leute, von selbst.

Sechingen bekam die Gesellschaft schon recht überdrüssig, als er endlich zu seiner Freude den Ausruf des Indianers vernahm, der, mit dem Finger vorwärts deutend, auf einen Anwuchs niederer Baumwollenholzschößlinge hinwies.

»Ist das die Mündung des Flusses,« rief er freudig – »nun Gott sei Dank – aber werden wir auch halten?«

Die Bootsglocke beantwortete seine Frage, der Ruf des Lootsen sandte die »Deckhands« oder Matrosen nach der, hinten am Boot befestigten Schaluppe – der Deutsche und Indianer sprangen hinein und fanden sich, wenige Minuten darauf, an der Spitze einer Sandbank, welche gerade überhalb des Flusses Mündung eine kurze Strecke in den Arkansas hineinlief. Das leichte Fahrzeug, was sie hierher gebracht, war indeß zum Boot zurückgekehrt – das Zeichen wurde gegeben, puffend und schnaubend brauste der schöne Dampfer stromauf, und die beiden Männer standen allein auf der kleinen, sandigen Landzunge.

Sechingen blickte entzückt um sich her – Alles – Alles mahnte ihn daran, daß er jetzt im Begriff sei, zum ersten Mal die Amerikanische Wildniß, den Urwald zu betreten, und von wonnigen Schauern durchbebt, wandte er sich gegen den dunklen Wald. Zu seiner Linken, am andern Ufer des kleinen Flusses, thürmten sich schroffe, mit Kiefern und Eichen bedeckte Hügel empor, rechts von diesen, in der Richtung, die er einzuschlagen gedachte, lag eine dichte grüne Baum- und Laubmasse und hinter ihm wälzte sich der gewaltige Arkansas dem »Vater der Wasser«, dem Mississippi zu, während der schmale Sandstreifen, auf dem sie standen, etwa eine Meile lang bis zu dem wieder steiler werdenden Ufer hinauflief.