Der Anblick brachte den Matrosen wieder zu sich selber. Er sah, wie der Knabe, den er ermordet glaubte, über Bord stürzte, sah die vier Schwarzen, denen sich noch ein fünfter anschloß, dem Boot zuspringen, und mit dem Schrei »Murder!« das bei dem Schuß weggeworfene Gewehr wieder aufgreifend, packte er es am Lauf und flog den Feinden nach.

Aber er kam zu spät. – Die Wilden hatten beim Hineinspringen in das kleine schwanke Fahrzeug, dieses schon durch ihr eigenes Gewicht eine Strecke vorwärts getrieben, und als er das Ufer erreichte, waren sie schon wenigstens funfzehn Schritt von diesem entfernt. Die in voller Wuth nach ihnen geschleuderte Muskete fiel dicht vor ihnen in die Fluth, das aufspritzende Wasser bis selbst ins Boot werfend, und in blinder aber machtloser Wuth griff der jetzt wüthende Matrose lose Stücke Korallen auf, sie den Flüchtigen nachzuschleudern.

Er selbst blieb dabei dem Wurf ihrer Speere, falls es ja einem von ihnen eingefallen wäre, diese nach ihm zu schleudern, vollkommen blos gegeben. Die Schwarzen hatten aber in diesem Augenblick zu viel mit ihrem eroberten Boote zu thun, das außer den Bereich seines vorigen Eigenthümers zu bringen, um sich noch weiter mit diesem zu beschäftigen. Ohne sich selbst nur nach ihm umzusehen, griffen sie die Riemen auf, die sie recht gut zu benutzen verstanden, und während drei mit diesen arbeiteten, setzten die beiden anderen das Segel, das sie bald in einem Nordcours der Insel entführte.

Einundzwanzigstes Capitel.
Schluß.

Noch war das genommene Boot übrigens kaum dreimal seine eigene Länge vom Ufer abgeschossen, als die funkelnden Augen des Malayen schon wieder über der Oberfläche des Wassers emportauchten. – Wenige Secunden blieb der Kopf sichtbar, dann verschwand er wieder und gleich darauf stieg, jetzt aber von einem schmalen Vorsprung der Insel gedeckt, der kleine Bursche rasch aufs Trockene und glitt, ohne auch nur einen Blick um sich herzuwerfen, ins Dickicht. Wenigstens vor den Wurflanzen des Feindes wollte er gesichert sein, sollte sich dieser ja noch nahe genug befinden, ihn damit zu erreichen. Nur erst als er Bill unten am Ufer jubeln und hurrah schreien hörte, wagte er seinen Versteck zu verlassen zu sehen was es plötzlich draußen so ungemein Erfreuliches gäbe.

An das fremde Fahrzeug hatte er im ersten Schreck des Ueberfalls gar nicht mehr gedacht. Das aber erschien gerade jetzt, im entscheidenden Moment, und unter vollen Segeln hinter der Insel vor, hinter der es jedenfalls während der kurzen Morgen-Windstille vor Anker gelegen.

Es war ein kleiner Schooner, von vielleicht 90 bis 95 Tonnen mit langen, weit nach vorn gesetzten keck aussehenden Masten, aber lichtbraun angestrichen mit kleinen gemalten Kanonenluken, wie ein Kauffahrteischiff, und alten, ziemlich abgenutzten Segeln.

Im Anfang und selbst nach dem Schuß, den er jedenfalls gehört haben mußte, behielt er noch seinen Westcours bei. Bills Auge aber, das sich in allem auf die See Beziehenden nur selten täuschte, obgleich niemand leichter als er auf festem Lande irre zu führen war, erkannte schon einen nach oben gesandten Mann in den Wanten. Als dann auch noch gleich darauf der scharf geschnittene Bug des kleinen Fahrzeugs etwas mehr gegen sie und das flüchtige Boot anluvte, da stieß Bill seinen Triumphschrei aus, denn er wußte jetzt nicht allein daß sie gesehen waren, sondern daß auch der Schooner wahrscheinlich das Boot mit den Eingebornen anhalten würde.

Eine gute Weile blieb aber der Erfolg dieser Jagd ziemlich zweifelhaft, denn die Schwarzen, die selbst mit ihren einfachen, nicht selten mit doppelten Lee- und Luv-Bäumen versehenen Canoes vortrefflich umzugehen wissen, hatten sich gar bald in die Führung des Segels hineingefunden, dessen größere Nützlichkeit sie leicht vor ihren gewöhnlichen Matten-Segeln erkennen lernten. Außerdem lag, wenn auch das fremde Fahrzeug rasch näher kam, nördlich vor ihnen, und gar nicht weit entfernt, eine breite Kette von Sandbänken und Korallenfelsen, und konnten sie diese glücklich erreichen, war es dem Schooner jedenfalls unmöglich ihnen zu folgen.

Dieser aber, der jetzt ihre Absicht erkannte und die für ihn gefährliche Strecke schon übersehen konnte, versuchte sein Letztes, dicht an dem südlichen Rande dieses Klippen-Archipels niederzulaufen. Zu dem Zweck wieder etwas mehr von der frischen Südostbrise abfallend, hielt er scharf gegen die Einfahrt auf, welcher das Boot zuzustreben schien, und ein tüchtiger Renner, glaubte er den Wilden schon jede Möglichkeit, zu entkommen, abgeschnitten zu haben. Da entdeckten die vorn auf der Vor-Marsraae stationirten Wachen des kleinen Fahrzeugs einen schmalen, aber gefährlich lichten Streifen hellgrünen Wassers, der sich quer vor ihnen nach Süden niederzog, und den sie vielleicht hoch genug gingen, um ihn zu passiren, auf dem sie aber auch ihr wackeres Seeboot, wenn sie irgend eine heimtückisch verborgene Klippe berühren sollten, leicht total verlieren konnten. Mit dem rasch gegebenen und im Moment befolgten Befehl flog das behende Fahrzeug dem Wind in die Zähne herum, und während alle Segel back lagen, und das eroberte Boot der Einfahrt zuschoß, stießen die Schwarzen ein wildes gellendes Freuden- und Siegesgeschrei aus.